Ausgabe Nummer 36 (2004)

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Stattliche Bäume mit weiten Kronen

Hochstammexkursion
 
Stattliche Bäume mit weiten Kronen
 
Unter der Leitung von Guido Schildknecht, Präsident Hochstammobstbau Schweiz, (siehe Kasten) wurden letzten Freitag zwei Hochstammobstbetriebe besichtigt. Anschliessend wurde bei der Familie Fisch bei Most, Kaffee und Kuchen über neue Wege im Obstbau sowie die Baumpflege, den Kronenaufbau und die Apfelsorten diskutiert.
 
Die Gruppe besichtigt die Hochstamm-Spindelkultur von Reto Wohlfender, im Bild vorne Mitte. (uhu)
 
Zusammen mit seinem Nachbarn bewirtschaftet Reto Wohlfender in Roggwil einen 42 Hektaren grossen Betrieb mit 45 Kühen und Obst. Schon immer interessierte ihn der Anbau von Mostobst. 1995 beschloss die Gemeinde Roggwil, um ihrem Namen als Hochstammgemeinde treu zu bleiben, Hochstammobstbäume zu unterstützen. Da immer mehr dieser Bäume verschwanden, wollte sie die Bauern wieder dazu motivieren, solche Bäume anzupflanzen. Sie unterstützt während zehn Jahren jeden neu gepflanzten Hochstammobstbaum mit 20 Franken im Jahr. Wohlfender liess sich den Gedanken durch den Kopf gehen. Hochstammbäume müssen weniger gespritzt werden. Zudem kann der Unterboden genutzt werden, auf den er angewiesen ist. Er wagte den Versuch und pflanzte vor fünf Jahren auf 2,2 Hektaren Bäume der beiden neuen deutschen Mostapfelsorten Remo und Reanda, in Abständen von 9 2 5 Metern. Die Bäume sind an einem starken 3 Meter hohen Pfahl befestigt und werden als Spindelhochstamm gezogen. Mit diesen Sorten ist Wohlfender zufrieden. Remo dürfte allerdings mehr Wuchs zeigen. Bisher wurden auf dem Betrieb Zwetschgen, Most- und Tafelobst angebaut. Den Anbau von Mostobst möchte er verstärken, während die Tafelobstproduktion eher reduziert wird.

Geringer Chemieeinsatz
Da diese Re-Sorten aus Resistenzzüchtungen der Forschungsanstalt Dresden-Pillnitz hervorgingen, brauchen sie wenig Pflanzenschutz. Um die Resistenzerhaltung zu unterstützen (Schorf und Mehltau), werden trotzdem zwei bis drei Fungizidspritzungen vorgenommen. Ein Insektizid wird für die Obstmade eingesetzt und bei Notwendigkeit gegen die Blattläuse in den ersten Jahren.
Wohlfender hat mit dieser Kultur Neues gewagt. Sie verspricht bei weniger Arbeitsaufwand gutes Mostobst zu bringen. Der geringe Chemieeinsatz wirkt sich auch vorteilhaft für die Nutzung des Grasbestandes aus. Schildknecht forderte den jungen Landwirt auf, den alten Bäumen auf dem Betrieb Sorge zu tragen. Vielleicht finde er da und dort ein Plätzchen, um einige Mostbirnen- oder grosskronige Apfelbäume zu pflanzen. Nicht nur die Landschaft, sondern auch viele bedrohten Tierarten, wie Kuckuck, Grünspecht oder Gartenrotschwanz seien auf diese Ökonischen angewiesen. Schön wäre es, wenn unsere Kinder auch noch das Lied: «Oh Thurgau du Heimat, wie bist du so schön» über die vielfältige Natur im Kanton singen könnten.

Boskoop, JerseyRed und Blauacher
Anschliessend trafen die zahlreich Erschienenden auf dem Hof von Martin Fisch, Bregensdorf, Muolen, ein. Das stattliche Bauernhaus, ein Riegelbau aus dem Jahre 1687, ist mit einigen Lebensweisheiten verziert. Schildknecht erinnerte dies an eine Passage aus «Geld und Geist» von Jeremias Gotthelf: «Dort steht ein schöner Bauernhof, hell an der Sonne, weithin glitzern die Fenster, schöne Birn- und andere Bäume stehen ums Haus, üppig grünt es ringsum…»
Und schnell gings zu den Bäumen. Über 500 Mostbirnbäume standen früher auf dem Hof. Vor 27 Jahren pflanzte Fisch die ersten Reihen Apfelbäume der Sorten Boskoop und Bohnapfel, die heute prächtig mit ihren weiten Kronen und herunterhängenden Fruchtästen da stehen.
Die nächste Pflanzung 1987, umfasst 4 Reihen Apfelbäume der Sorten Boskoop, JerseyRed, Blauacher und Schneiderapfel, je 20 Bäume in einer Reihe, 12 Meter mal zirka 17 Meter Reihenabstand, der von den Hochäckern gegeben ist. Fisch setzt auf einen kräftigen Kronenaufbau. Er überlegt sich, die Fruchtäste noch stabiler und kürzer zu halten, um mit möglichst wenig Baumstützen auszukommen. Früher reichten die Arbeitskräfte der Familie nicht aus, um alles Obst aufzulesen. Dank der technischen Entwicklung, fahrbare Obsterntemaschinen und für die Schlussernte der Apfelbäume ein hydraulischer Baumschüttler, reichen heute zwei bis drei Arbeitskräfte für die Ernte.

Verzicht auf Winterspritzung?
Die Bäume spritzte er dieses Jahr viermal mit Fungiziden und zweimal mit einem Insektizid. Schildknecht riet ihm, versuchsweise bei den Apfelbäumen auf die Winterspritzung zu verzichten. Er stellte die Frage in den Raum, welche Schädlinge er damit überhaupt bekämpfe. An seinen eigenen Bäumen könne er beweisen, dass dies nicht nötig sei. Der Präsident wies zudem auf die ökologisch wertvolle Vernetzung dieser Landschaft hin. Es komme ihm vor, als seien die neuen Apfelbaumreihen in die mächtigen alten Baumkronen eingebettet. Martin Fisch entgegnet, dass er noch über 100 Mostbirnbäume halte und noch nie einen gesunden Baum gefällt habe. Neben dem Obst bewirtschaftet er einen gemischten Landwirtschaftbetrieb mit Kühen, Mastkälbern, Hühnern, Wald und etwa 20 Bienenvölker. Er umfasst 20 Hektaren Eigenland. Eine Bahnlinie führt quer durch das Land. Eine seltene Romantik.

Mäuse
Beide Obstbauern haben mit dem Problem der Mäuse zu kämpfen. Neben der Mausmaschine bekämpft Fisch die Nager mit Mauskiller-U2-Tabletten (erhältlich in der Landi), während auf dem Betrieb von Wohlfender wieder vermehrt zu den altbewährten Mausfallen gegriffen wird. So ist Vater Wohlfender oft tagelang am Mausen. Trotzdem konnten einzelne Ausfälle nicht verhindert werden.
Zum Abschied beschenkt Vorstandsmitglied Hannes Rüesch aus St. Gallen die Interessierten mit einem von ihm geschaffenen Hochstamm-Jahreskalender.
 

Vereinigung Hochstammobstbau Schweiz
Der Verband, mit dem Präsidenten Guido Schildknecht, hat zum Ziel, Hochstammobstkulturen zu erhalten und zu fördern. Neben dem wirtschaftlichen, möchte er den ökologischen Wert dieser Bäume für die Landschaft, Tiere, Pflanzen und die Umwelt aufzeigen. Deshalb stehen die etwa 200 Mitglieder für den naturnahen Anbau und möchten den wertvollen Rohstoff für Obstgetränke fördern. So unterstützten sie den Konsum von Obstgetränken und Produkten. (Kontaktadresse: Fredy Kläger, Seeblickstrasse 12, CH-9402 Mörschwil / 071 866 17 83) (uhu)

 
Da die neue deutsche Mostobstsorte Remo aus Resistenzzüchtungen der Forschungsanstalt Dresden-Pillnitz hervorging, braucht sie wenig Pflanzenschutz.
 
 
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