Ausgabe Nummer 36 (2007)

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Steinzeitgarten

Viele neue Rabatten und Kreisel sehen auf den ersten Blick steinig und kahl aus, bis man dann auf die einzelnen Pflanzen aufmerksam wird. Davon soll aber hier nicht die Rede sein; aus aktuellem Anlass möchte ich heute über den Pfahlbauergarten berichten, der im Zusammenhang mit dem Projekt «SF Pfahlbauer von Pfyn ? Steinzeit live» angelegt wurde.

Ein umzäuntes Fleckchen Land
Auf der Suche nach dem geeigneten Standort landeten die Verantwortlichen schliesslich in Pfyn, und ? welch Zufall ? Bewirtschafter des ausgesuchten Geländes für Feld und Garten der Pfahlbauer war meine Familie. Was lag also näher, als dass wir Anbau und Pflege der gewünschten Kulturen übernahmen, selbstverständlich nach den Vorgaben der Projektleiter. So säten wir denn bereits letzten Herbst 10 Aren Winterweizen (von Hand, versteht sich) und richteten den Boden für die Frühjahrsaussaaten. Da die Gegend sehr oft von Wildschweinen besucht wird, schützten wir die Saat mit einem Elektrozaun; später wurde ein Steckenzaun aus Laubgehölzen errichtet.

Altbekanntes Saatgut
Ende März brachten wir die anderen Samen in den Boden, allerdings nur noch «zu Anschauungszwecken» kleinere Portionen für etwa 10 m2. Echte steinzeitliche Gartenbesitzer hätten zum Schutze ihrer Nahrungsquelle sicher Bewachungsleute hingestellt ? wir behalfen uns mit Schutzfolien gegen Krähenfrass für die Getreideflächen und das Erbsenbeet. Heftiger Regen liess bald alles spriessen, sodass nur noch die Erbsen bedeckt blieben. Die darauf folgende heisse Aprilsonne machte es den Keimlingen nicht leicht: der schwarze Emmer verdorrte, der weisse überlebte spärlich, die Sommergerste kam auch nur ansatzweise, dafür wuchs das Einkorn prächtig. Den Palerbsen gefiel es unter dem schützenden Vlies. Der Flachs wuchs zwar, machte aber keine langen Stiele und blühte deshalb relativ früh. Der Schlafmohn schliesslich wuchs derart üppig, dass ich ihn ausdünnen musste, denn schliesslich sollten die Pfahlbauer Samenkapseln ernten, um Öl zu gewinnen.

Steinzeitlicher Speisezettel
Frühling ging, Sommer kam ? mit ihm auch allerlei unerwünschtes Beikraut. Unsere Aufgabe war, die Gartenbeete zu pflegen und das Gelände dazwischen begehbar zu halten, vor allem für Kameraleute. Mitte Juni fiel plötzlich jemandem auf, dass das Erbsenbeet völlig unpräsentabel sei. Wirklich, die Erbsen waren reif, und das sechs Wochen zu früh! Also ernten was noch nicht ausgewachsen war und trockneten die Erbsen für späteren Bedarf. Aber was sollten denn nun die Pfahlbauer Frisches aus ihrem Garten essen? Auszüge aus naturwissenschaftlichen Werken halfen weiter: Untersuchungen aus der Siedlung Niederwil wiesen verschiedene Pflanzen nach. Demzufolge wird angenommen, dass die Bewohner diese Wildpflanzen je nach dem zu Nahrungs-, Heil- oder Färbezwecken verwendet hätten. Das hiess für uns: Augen auf beim «Unkraut » entfernen! Weissen Gänsefuss also nicht mehr ausreissen, im Gegenteil, die Samen des Chenopodium sollen als Getreideersatz gedient haben. Auch die Hirse, die jetzt geradezu wucherte, soll schon in der Zeit der Pfahlbauer als Nahrung gedient haben. Die Blätter von Schafgarbe, Brennnesseln, Sauerampfer und Gänsedistel wurden vor rund 5700 Jahren als Gemüse genossen; wir Nachahmer mussten die Pflanzen zum Teil suchen und wieder in die Umgebung der Sippe einpflanzen. Rainkohl suchten wir vergeblich, dem Namen nach hätte diese Pflanze gut zur Steinzeitküche gehören können.

Naturwaschmittel
Samen von Federkohl sind ebenfalls wissenschaftlich nachgewiesen worden. Also erstand ich im Gartencenter einige Jungpflanzen für die Pfahlbauer und setzte das Gemüse in ihren Garten. Gerne hätten wir auch Karotten zur Verfügung gestellt, doch in so kurzer Zeit war da nichts mehr zu machen. Dafür klappte das Aussetzen beim Sellerie: Man vermutet, dass dies bereits die Dorfbewohner früher so machten, da wild wachsender Sellerie nur auf salzhaltigen Stellen wächst. Und dann war da noch der Wunsch, Seifenkraut zur Verfügung zu haben, denn man müsse verstehen, dass es den Steinzeitleuten nicht erlaubt sei, moderne Körperpflegemittel zu benutzen und die Wurzel doch Seifenschaum liefere. Längs der Thur, inmitten von Goldruten, gibt?s diese Pflanze; beschattet unter Haselstauden versuchten wir, dem umgepflanzten Seifenkraut den Start am neuen Standort zu erleichtern. Es ist nicht alles bilderbuchmässig gelungen, und Getreidehähnchen hatte es auch mächtig viele auf dem Weizen. Diese Pfahlbauerfamilien mussten deshalb nicht hungern, doch wenn man den Faden weiterspinnt, ist es für mich beruhigend, noch weitere Nahrungsmittelquellen zu wissen als ausschliesslich das, was in meinen Händen gedeiht.

Ruth Merk


Der blühende Mohnflecken– schöne dunkelrosa
Blumen, die nur kurz blühen und dann
lange brauchen, bis die Samenkapseln reif
sind. (Ruth Merk)
Der blühende Mohnflecken– schöne dunkelrosa Blumen, die nur kurz blühen und dann lange brauchen, bis die Samenkapseln reif sind. (Ruth Merk)