Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
12. Oktober 2018


Steptomycinverbot: "Es ist ein Balance-Akt"

Ausgabe Nummer 7 (2016)

Das Bundesamt für Landwirtschaft hat ein nationales Streptomycinverbot ausgesprochen. Dies trifft die Thurgauer Obstbauern besonders schwer, stammt doch jeder dritte Apfel, der in der Schweiz gegessen wird, aus unserem Kanton. Edwin Huber, Präsident Kommission Obstbau VTL, sowie der Thurgauer Regierungsrat Kaspar Schläpfer fordern mit einem Brief ans Bundesamt für Landwirtschaft ein Überdenken des Entscheids. Im Interview mit dem Thurgauer Bauer erläutert Edwin Huber die Gefahren dieses Verbotes.

Nach dem erfolgten Streptomycinverbot haben Sie beim Bundesamt für Landwirtschaft versucht, wenigstens für Jungbäume und Baumschulen eine Sonderzulassung zu erhalten. Wir nehmen nicht an, dass bereits eine Antwort erfolgt ist?
Nicht nur wir im Thurgau haben mit kantonaler Unterstützung eine Sonderzulassung gefordert. Auch andere kantonale Berufsverbände in Zürich, Luzern, St. Gallen, Wallis und nicht zuletzt der Schweizer Obstverband haben nach dem Verbot protestiert. Eine Antwort auf unser Begehren haben wir jedoch noch nicht erhalten. Wir hoffen sehr, dass das BLW auf seinen Entscheid zurückkommt und zumindest eine Behandlung von Jungbäumen ermöglicht.

Wie kommt das BWL Ihrer Meinung nach dazu, jetzt ein Streptomycinverbot auszusprechen?
Das ist für mich auch nicht nachvollziehbar. An der nationalen Feuerbrandtagung vom 17. November in Wädenswil hatten sich Vertreter des BLW und andere Fachpersonen ausdrücklich gegen ein Verbot ausgesprochen. Die Anwesenden waren durchwegs der Meinung, dass auch 2017 ein Ausstieg sehr ambitiös sei. Dies auch aufgrund der Versuchsresultate beim LMA (alternatives Spritzmittel, Anmerkung der Redaktion), welche absolut nicht zufriedenstellend sind. Dieses Mittel ist die grösste Hoffnung, aber in den Versuchen von Agroscope konnte es die Versprechungen nicht halten. Grössere Praxisversuche fehlen.

Mit dem Frühling vor der Türe klingt dieses Verbot schon fast zynisch. Gibt es keine Alternativen wie zum Beispiel andere Spritzmittel oder feuerbrandresistente Baumsorten?
Die Alternativen, die wir haben, kommen nicht annähernd an den Wirkungsgrad von Streptomycin heran. Sie können das mit einem Seiltanz vergleichen; zwar haben Sie noch die Balancestange, aber das Sicherheitsnetz wird entfernt. Wir können also noch etwas ausbalancieren, müssen aber mit grösseren Schäden rechnen, wenn es zu mehreren Infektionstagen kommen sollte.
Was feuerbrandresistente Sorten betrifft: Ladina wäre tatsächlich eine solche. Nur wissen wir nicht, wie diese beim Konsumenten ankommt. Auch haben wir viel zu wenig Material, um am Markt im Grösseren aufzutreten. Wir bräuchten mindestens vier bis fünf Jahre, um gerade mal fünf Prozent des Schweizer Marktes abzudecken. Zwei Jahre bis die Bäume in den Baumschulen «parat» sind und nochmals drei Jahre, bis sie einen relevanten Ertrag abgeben. Das auch immer in der Annahme, dass alles optimal läuft. Nehmen Sie als Beispiel den Gala, unseren absoluten Leader. Dieser benötigte 30 Jahre, bis er da war, wo er heute ist.

Wenn das BLW am Verbot festhält, was werden Sie tun?
Wir werden die alternativen Mittel einsetzen, was wir ja sowieso tun. Ich sage es in aller Deutlichkeit: Streptomycin haben wir nur im äussersten Fall angewendet und dann auch nur in sehr geringen Mengen. Aber wir müssen darauf zurückgreifen können, bevor der Feuerbrand alles vernichtet. Mit diesem Verbot haben wir keine Handhabe mehr. Das bereitet mir mulmige Gefühle.

Wenn der Feuerbrand wieder wütet und die Obstkulturen zerstört, wer kommt für den Schaden auf?
Einen Teil übernimmt der Bund. Im Thurgau sind wir in der glücklichen Situation, dass wir einen Pflanzenschutzfonds haben, dieser wird zu einem Drittel von uns Produzenten gespiesen. So wären Schäden plusminus gedeckt. Aber stellen Sie sich mal vor, Sie haben eine Fabrik und wissen jeden Frühling, wenn mehrere Tage hintereinander schönes Wetter herrscht, kann die Fabrik zusammenbrechen. Die Gebäudeversicherung zahlt zwar jedes Mal den Aufbau, doch besteht alljährlich dasselbe Risiko. Wie viele Jahre machen Sie das dann noch mit? Das sind Unsicherheiten, welche nicht nötig wären. Der finanzielle Schaden ist die eine Sache, die physische und psychische Belastung die andere. Ich habe das 2007 selbst erlebt, als wir zehn Infektionstage zählten. Es war eine Katastrophe! Ich habe einen Drittel des Betriebes und 80 Prozent der Baumschule verloren. Es geht ans Lebendige, wenn man nachts in kaltem Schweiss gebadet aufwacht und nicht weiss, was einen am nächsten Morgen erwartet. Es ist schlimm, wenn die eigenen Mitarbeiter weinend dasitzen und ihnen alles sinnlos erscheint. Wer dies nicht erlebt hat, kann es nicht nachvollziehen. Am meisten graut mir davor, wenn aufgrund der durch Verbote zusätzlich erschwerten Umstände junge Berufsleute nicht mehr den Mut und Willen haben, in den Obstbau zu investieren.


Daniel Thür




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