Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
13. Juli 2018


Strom aus Hofmist

Ausgabe Nummer 51 (2017)

Die erste landwirtschaftliche Feststoffvergärungsanlage der Schweiz wurde vor wenigen Tagen in Tuttwil in Betrieb genommen.

Der Tag ist grau und trüb, doch die Stimmung bei Heidi und Kolumban Helfenberger und ihrem Team auf dem landwirtschaftlichen Betrieb Bommershüsli oberhalb Wängi ist ausgelassen. Das Betriebsleiterpaar hat allen Grund zur Freude. Vor ein paar Tagen habe man der Anlage die erste Ladung Substrat aus Rindvieh-und Pferdemist zugeführt, erklärt Kolumban Helfenberger, während er zusammen mit seinen Angestellten und seiner Familie beim Znüni sitzt. Resultate kenne man erst nach dem Testbetrieb. Man gehe aber davon aus, dass mit dem Biogas, das durch den Vergärungsprozess entsteht, im Jahr ungefähr 600 000 Kilowatt Strom erzeugt werden könne. Diese elektrische Energie wird ins lokale Stromnetz eingespeist und soll 170 Haushalte mit Strom versorgen. Mit der im Blockheizkraftwerk produzierten Abwärme heizt er seinen neu erstellten Trutenstall für 4000 Tiere. Ein Grossprojekt, das zu einer Anlage wurde, die schweizweit einzigartig ist und bereits Interessierte aus dem fernen China anlockte.

Kantonales Biomassekonzept war ausschlaggebend
Um die Biogasanlage komplett auszulasten, wird Helfenberger auf Hofdünger von umliegenden Landwirten und Pferdehöfen angewiesen sein. Bereits heute erhält er fast täglich Anfragen von Interessenten, die ihm Hofdünger anliefern wollen. Technisch ist es auch möglich, Grüngutabfälle und Ernterückstände zu verarbeiten. Das vom Kanton Thurgau erarbeitete Biomassekonzept habe den Weg für seine Biogasanlage geebnet, erzählt der 42-Jährige, der für die BDP von 2012 bis 2016 im Kantonsrat politisierte. Seine vierjährige Arbeit im Kantonsrat war von der erneuerbaren Energiepolitik geprägt, und deshalb habe er schon vor Jahren nach Möglichkeiten gesucht, seinen Hof, den er seit 2015 zusammen mit seiner Frau Heidi (36) in Betriebsleitergemeinschaft führt, mit erneuerbaren Energieträgern zukunftsweisend zu betreiben.

Truten und Biogas lassen sich gut kombinieren
Seine Frau arbeitete bis zur Geburt ihres dritten Kindes Teilzeit als Pflegefachfrau intensiv im Kantonsspital. Während ihrer Weiterbildung zur höheren Fachprüfung Bäuerin schrieb sie einen Businessplan über Truten. Diese «Vögel» hat sie während einem Kanada- Aufenthalt kennengelernt und sie seither nicht mehr vergessen. Das Resultat dieser Arbeit zeigte dem Betriebsleiterehepaar, dass die Trutenhaltung hervorragend einen Betriebszweig schaffen würde, der sich mit den 30 Milchkühen und ungefähr gleich vielen Aufzuchtrindern kombinieren liesse. Der anfallende Mist führte schliesslich zur Idee, eine Feststoffvergärungsanlage zu realisieren. Dank des Förderprogramms des Kantons Thurgau, profitierte Helfenberger bei der Biogasanlage zudem von einer einmaligen Anschubfinanzierung von 250 000 Franken. Die Kosten der Biogasanlage bezifferte Helfenberger mit über einer Million Franken. Das Gesuch für die kostendeckende Einspeisevergütung (KEV) sei eingereicht, bislang fehle aber die definitive Zusage, so Helfenberger.

Bauherr und Bauleiter in einem
«Die Projekt- und Bauphase war kein Sonntagsspaziergang », sagt der Meisterlandwirt, der auch gelernter Zimmermann ist und sowohl im administrativen Dschungel wie auch auf dem Bau das Heft nie aus der Hand gab. Umso wichtiger war dies, als ihm nach dreimonatiger Bauzeit der verantwortliche Baumeister eröffnete, dass seine Firma nicht mehr liquide sei und Helfenberger die Verantwortung für die Grossbaustelle im Mai 2017 selber an die Hand nehmen musste. Mit enormem Einsatz, Kreativität und kräftezehrenden Verhandlungen gelang es ihm, nach lediglich einer Woche, die Arbeit auf der Baustelle weiterzuführen. Helfenberger stellte einen jungen Maurer ein, übernahm selber die Bauführung, und zusammen mit seinem jungen motivierten Team, das sowohl in der Landwirtschaft, auf dem Bau oder auch im Haus eingesetzt werden konnte, wurde das Bauwerk fristgerecht fertig und in diesen Tagen in Betrieb genommen. Kolumban Helfenberger nimmt seine beiden Töchter, Victoria (2) und Ricarda (4) auf den Schoss, schaut seine Frau Heidi an, und diese ergänzt ganz gelassen «und vor zwei Monaten ist auch noch unser Sohn Dionys auf die Welt gekommen.» Wahrlich, diese Familie hat ganz tüchtig in die Hände gespuckt.
Der umtriebige Bauer hat das Potenzial zur Gewinnung erneuerbarer Energie längst noch nicht ausgeschöpft. Ob er sich in Zukunft für einen neuen Rindviehstall entscheidet oder vorerst eine Solaranlage auf dem Trutenstall und die Fernheizung ins Bauernhaus realisiert, ist noch ungewiss. Zumindest sind die Vorbereitungsarbeiten für beide Projekte bereits ausgeführt.

Interview mit Jost Rüegg, Kantonsrat Grüne, WWF Thurgau
In Tuttwil wurde in diesen Tagen eine Biogasanlage, die Hofmist in Energie umwandelt, in Betrieb genommen. Zur Anlage gehört ein Trutenstall von einer Grösse von 1150 Quadratmetern. Ställe von dieser Grösse sind den Umweltverbänden ein Dorn im Auge, wurden hier wegen der Stromgewinnung beide Augen zugedrückt?
Jost Rüegg: Der WWF Thurgau hat hier eine Einsprache eingereicht und bei der Einspracheverhandlung sowie in Einzelgesprächen bei der Standortwahl Einfluss genommen (Nähe bestehende Siedlung). Die Nähe der Autobahn, die Kombination von einer Biogasanlage in dieser Art und Form mit dem Stall, wie auch der Einbezug der Nachbarn bei der Verwertung von Biomasse und Mist, hat dazu geführt, dass der WWF die Einsprache nicht weiter zog. Er hat hier weder eines und schon gar nicht beide Augen zugedrückt. Der WWF macht keine Einsprachen, weil ihm ein Projekt ein Dorn im Auge ist, sondern weil er die gesetzlichen Vorgaben für ein bestimmtes Projekt als nicht erfüllt betrachtet.

Machen solche Anlagen Sinn, und wie hoch schätzen Sie das Potenzial im Thurgau oder schweizweit ein?
Jost Rüegg: Wir können das Potenzial für solche Kombinationen zurzeit noch nicht abschätzen.


Ruth Bossert



















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