Ausgabe Nummer 12 (2005)
Thurgauer Bauernfamilien auf in die Zukunft
| Familienleben | |||
|
|
|||
| Am Freitag, 1. April (kein Aprilscherz) 2005, ab 9. 00 bis 14.00 Uhr, findet auf dem Areal der Zuckerfabrik in Frauenfeld, im Festzelt der Frühjahrsmesse, ein Familienanlass für die Thurgauer Bauernfamilien statt. | |||
|
|||
|
|||
| Das verbreitete Erziehungs- und Lebensziel bei uns ist die Zweisamkeit, das Paar, die Ehe. Frische und langjährige Ehen zeigen viel Zufriedenheit. Eine glückliche, also eine durch Krisen gereifte Partnerschaft gilt als Jungbrunnen. Untersuchungen zeigen, dass lebendige Beziehungen der Gesundheit förderlich sind. Sogar über 60% der Geschiedenen heiraten nochmals. Um so trauriger ist das Mauerblümchendasein der Alleinstehenden. Neben dem standesbewussten Ehestand vegetiert der Ledigenstand mit sehr wenig Standesbewusstsein. Oberflächliche Leute reden von Sitzengebliebenen, Zukurzgekommenen, armen Junggesellen, alten Jungfern. «Was, jetzt ist die schon 35 und hat immer noch keinen Mann!» tönt es im Gespräch. «Was, der ist noch nicht verheiratet, ist sicher schwul.» Nie klingt es positiv: «Wunderbar, dass mein Bruder den Singlesweg gewählt hat!» Sogar bei Betroffenen erklingt nie Jubel: «Juhuu, ich bi ledig! Juhuu, mir gfallts!» Im Gegenteil: Diese zweite und genau gleich wertvolle Lebensform wird erst nach Umwegen akzeptiert. Wenn verschiedene Zweierversuche missglückt sind, heissts: «He nu, so bliib i halt ledig!» In solchen Worten tönt überhaupt keine Begeisterung, sondern Unzufriedenheit, Traurigkeit, Resignation. Ein Pfarrer im Aargau besucht die 85-jährige Jungfer an ihrem Geburtstag im Altersheim. Sie raucht einen Stumpen. Er kann einen leisen Vorwurf nicht zurückhalten: «Aber, Frau Babette, Rauchen ist doch nicht gesund!» Prompt antwortet die ledige Geburtstagsfrau: «Jo, gsund isch es nöd, aber s?schmöckt soo guet nach Maa!» Andersartig, nicht minderwertig Frau Ammann (Name geändert), eine ledige Bäuerin mit Hof schreibt: «Nach meiner Erfahrung sind es mehrheitlich junge Ehefrauen, die uns Ledige überheblich belächeln, wie wenn wir nicht ganz normal wären. Meistens haben sie nach einigen Lehr- und Bummeljahren gerade geheiratet. Ich schätze es, wenn mich Paare einladen. Mich interessieren ihre Probleme und Anschauungen. Warum geschieht das selten? Bin ich für Ehefrauen eine Gefahr? Ich liebe Begegnungen und diskutiere gerne, aber nicht oberflächlich oder mit Fernsehbegleitung. Mein Interesse geht über Heu- und Miststock hinaus.» Alleinlebende brauchen Kontakte. Sie sind wertvolle Persönlichkeiten. Auch sie gestalten ein reiches, sinnvolles Leben. Auch sie haben Gefühle, Empfindungen, Sexualität, Wünsche, Bedürfnisse. Ihr berufliches und ihr soziales Engagement etwa in Vereinen, in Ämtern ist genau so wertvoll wie Mutter- und Vateraufgaben. Sie sind nicht auf Kindererziehung fixiert. Dank ihrem anderen Horizont können sie Paaren und Familien unbekannte Lebensfarbtupfer aufzeigen. Die Tage und Wochen der Alleinlebenden sind vielleicht andersartig, aber voll und ganz gleichwertig, wie das der Verheirateten. Alleinlebende sind nicht unvollständige, halbe Portionen. Alleinsein heisst nicht einsam sein Frau Ammann schreibt weiter: «Für mich laufen weder das Leben, noch die Tage nach Plan. Meine Pflicht besteht darin, zu löschen, wos brennt. Obwohl ich meine Arbeit selbst einteilen kann, muss ich immer zuerst das Notwendige erledigen. Selten nach Lust und Laune. Bei aller Sorge um die Zukunft darf ich nicht zuviel grübeln. Wie rasch ändert eine Situation! Die Enge unserer Gegend bedrückt mich. Mein Bruder baut langsam eine neue Existenz auf mit kleinen und grössern, bezahlten und nicht bezahlten Nebenarbeiten. Seit Vater und Mutter starben, bauen wir die Landwirtschaft langsam ab. Wir beobachten die Entwicklung in der Gegend, geben Pachtland retour, verpachten eventuell eigenes Land. Wahrscheinlich haben die Nachbarn in Gedanken unser ?Heimetli? schon unter sich aufgeteilt.» Alleinsein kostet Kraft. Ein Baum ist auf freiem Feld gefährdet. Er braucht tiefe Wurzeln. Er ist auf sich gestellt. Dafür kann er seine Krone ungehindert entfalten. So trägt er viele Früchte. Positives und Negatives Jede Einsamkeit kann Gefühle von Leere hervorrufen. Sehnsüchte sind da nach Gedankenaustausch und Nähe. In einem Kurs zeichneten Singles ihr momentanes Leben. Eine zufriedene Einsamkeits-Geniesserin zauberte eine farbenfrohe Wunderblume aufs Blatt. «So bunt ist mein Single-Alltag! Ich bin glücklich, dass ich in meinen vier Wänden machen kann, was ich will. Ich lege jene CD auf, die mir gefällt. Ich reise dorthin, wos mir wohl ist. Wenn mir niemand Blumen schenkt, kaufe ich mir selbst welche!» Eine Leidende dagegen skizzierte eine graue Pflastermauer mit aufgesetztem Stacheldraht. Hinter einem gemütlichen Dorf geht die Sonne goldig unter: «In jenen Häusern leben die Verheirateten in Glück und Zufriedenheit. Für mich ist diese Welt unerreichbar.» Beide Lebensformen haben Vor- und Nachteile: Alleinlebende und Paare durchleben Sturm- und Schönwetterlebensphasen. Singles und Verheiratete kennen beglückende und bedrückende Alleinseins- und Gemeinsamkeitszeiten. Verantwortlich für mein Glück Die letzten Sätze von Frau Ammann: «Beruflich gesehen finde ich keinen grossen Unterschied zwischen ledigen und verheirateten Bäuerinnen. Die Arbeit bleibt dieselbe. Soll ein Betrieb ?rund laufen?, ist eine gute Zusammenarbeit aller Beteiligten erforderlich. Sei dies nun mit Ehemann, Bruder oder Angestellten. Das ist nicht nur in der Landwirtschaft so.» Alleinlebende gestalten ein wertvolles Leben. Es gibt sogar ausgesprochene «Single-Typen», die prädestiniert sind, ohne feste Beziehungen durch ihr Leben zu schreiten. Die sehr hohen Erwartungen und auch die Einschränkungen einer Ehe würden sie erdrücken. Für sie ist allein leben Erfüllung, Chance, Glück und überhaupt nicht Katastrophe oder Elend. Gerade weil sie ungebunden und ohne «Aufzuchtaufgaben» leben, können sie sich intensiv in unterschiedlichen Lebensbereichen engagieren. Selbstbesinnung und Entfaltung Wer bei sich selbst nicht zu Hause ist, ist nirgendwo zu Hause. Eine schöne Wohnung ist noch kein Zuhause. Vielleicht nur ein kaltes Nest. Der wichtige Weg führt immer nach innen: Ich will mich kennen lernen. Wer bin ich? Was will ich? Was will ich nicht? Welche Lebenslügen sollte ich ablegen? Welche Masken? Was macht mich zufrieden? Leider schielen viele Singles auf Verheiratete. Sie vergolden: «Paare habens schön! Die können über alles miteinander reden! Die sind nie allein!» Das ist falsch: Jedes Eheleben kennt Trauerzeiten und Alleinseinsphasen. Umgekehrt: Paare beneiden Ledige. «Die habens schön! Müssen nie Rücksicht nehmen! Können die ganze Welt bereisen! Deren Franken ist noch ein Franken wert, unser nur noch 50 Rappen!» Auch falsch. Klischees sind schwer auszurotten. Alles auf der Welt hat doch positive und negative Seiten. Als Single leben ist manchmal schön. Aber nicht immer. Als Paar leben ist manchmal schön. Aber nicht immer. Jede Lebensform ist mal traumhaft und mal mühsam! Sokrates meinte schmunzelnd: «Heirate oder heirate nicht, du wirst beides bereuen!» Walter Ritter |
|||
|
|
|||


