Ausgabe Nummer 35 (2005)
Tierschützer Kessler fordert Fleischverzicht
Tierschutz
Tierschützer Kessler fordert Fleischverzicht
An einer Podiumsdiskussion kritisierte Tierschützer Erwin Kessler massiv die Schweizer Fleischproduktion.
«Die Farmer der Südstaaten der USA behaupteten, ohne Negersklaven könnten sie wirtschaftlich nicht überleben. Heute behaupten unsere Farmer sinngemäss Ähnliches: ohne die rücksichtslose, unmenschliche Ausbeutung der Nutztiere können sie nicht überleben», erklärte Erwin Kessler, Präsident Verein gegen Tierfabriken Schweiz (VgT), an der Podiumsdiskussion «Untier Mensch» im Frauenfelder Rathaus, welche durch die Junge Wirtschaftskammer Frauenfeld durchgeführt wurde, wörtlich. In scharfen Worten geisselte er die Bauernlobby, welche die Öffentlichkeit systematisch mit der Behauptung indoktriniere, indem sie behaupte, wir hätten ein gutes Tierschutzgesetz, die Tierhalter würden ihre Tiere lieben und die Tiere würden nur bei guter Haltung und Pflege eine optimale Leistung erbringen. «Das sind nichts als Lügen», empörte sich Kessler. Nach seiner Meinung werden die Nutztiere viel zu jung «entsorgt». Die im Parlament übervertretene Agro-Lobby versuche mit allen Mitteln die gegenwärtige Revision des Tierschutzgesetzes zu verwässern. So sei es beispielsweise weiterhin möglich, dass die Schweine lebenslänglich auf einem halben Quadratmeter Vollspaltenboden pro Tier ohne Einstreu und ohne Auslauf ins Freie gehalten werden dürfen. Kessler forderte die Konsumenten auf, auf Fleisch zu verzichten. Die vegetarische Ernährung habe in den letzten Jahren stark zugenommen.

Bauern betrachten Tierschutz als Selbstverständlichkeit
«Für uns Bauernfamilien ist ein sinnvoller Schutz der Tiere eine Selbstverständlichkeit», entgegnete Nationalrat Hansjörg Walter, Präsident Schweizerischer Bauernverband. Auch wenn die Tiere in erster Linie zur Gewinnung tierischer Nahrungsmittel gehalten werden, bedeute dies nicht, dass die Bauern ihre Tiere als blosse Produktionsfaktoren betrachten. Die artgerechte Haltung, Fütterung und Pflege sei den Landwirtschaftsbetrieben ein zentrales Anliegen, dem täglich viel Zeit eingeräumt werde. «Wir haben eine sehr hohe Beteiligung der Landwirte an den Bundesprogrammen BTS (besonders tierfreundliche Stallsysteme) mit einem Anteil von 33,6 Prozent und RAUS (regelmässiger Auslauf im Freien) mit rund 65 Prozent aller Betriebe», sagte Walter. Nach seiner Meinung geniessen qualitativ hochwertiges und tierfreundlich produziertes Schweizer Fleisch und Fleischspezialitäten das Vertrauen vieler Konsument.
Information über Zusammenhänge der Nutztierhaltung
«Auch wenn der subjektive Eindruck gelegentlich anders ist, werden doch die meisten Nutztiere unter vorschriftsgemässen Bedingungen gehalten, immer häufiger sogar besser dank der Mehrleistung der Halter», stellte der Thurgauer Kantonstierarzt Paul Witzig fest. Mittels Direktzahlungen und unzähligen Label-Programmen werden solche Mehrleistungen abgegolten und die Kosten meist auf den Preis der Produkte abgewälzt. Auf diese Art erhalte jeder Konsument grundsätzlich die Möglichkeit, dasjenige Produkt zu wählen, welches dem eigenen Gewissen am ehesten entspreche. Witzig wünscht sich dringend eine vermehrte sachliche Information über die inneren Zusammenhänge der Nutztierhaltung und den Konsum von Lebensmitteln tierischer Herkunft. In der Publikumsdiskussion wurden unangemeldete Kontrollen, Moral, Lebensmittelsicherheit, vegetarische Ernährung und gesetzliche Verordnungen emotionsgeladen und kontrovers diskutiert.
