Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
15. Juni 2018


Totholz lebt

Ausgabe Nummer 29 (2017)

Viel Spannendes über die Bedeutung von Totholz als Lebensraum im Wald erfuhren die Teilnehmenden einer Medienorientierung vor Ort. Kreisforstingenieur Erich Tiefenbacher, Ruedi Lengweiler, Sachbearbeiter Waldbiodiversität, sowie Georg Müller vom Waldeigentümerverband informierten im Bürgerwald Kreuzlingen.

Es war ruhig und still in der Gruppe vor dem Betreten der Altholzinsel «Schrandle» im Bürgerwald von Kreuzlingen: «Hört ihr den Grünspecht?», fragte der Förster Ruedi Lengweiler, und «lasst den Anblick des Märchen- und Zauberwaldes auf euch einwirken, bevor wir ihn betreten». Es war, als ob man dem Werden und Vergehen aus einer anderen Zeitdimension zusehen würde, sozusagen als Eintagsfliege Mensch. Da lag ein halbverwester Eichenstrunk wie ein sterbender Dinosaurier im weichen Moos. Wie Sand rieselte das ehemals kompakte Holz zwischen dem Gerippe auf die Erde, verarbeitet von unzähligen Käfern und Insekten. Moos wuchs auch auf dem Strunk und nährte ein spriessendes Tännchen, ein kurzer, zum Scheitern verurteilter Versuch, auch zu leben. Dort hatte der Schwarzspecht seine Wohnung in einen stehenden Baumstumpf gezimmert: «Wir sind keine Banker, bei denen von einem Tag auf den andern gerechnet wird. Wir Waldbesitzer rechnen in Jahrhunderten. Im Wirtschaftswald werden die Bäume bereits nach 120 Jahren geerntet. Die natürliche Lebensdauer eines Baumes (über alle Baumarten) beträgt ca. 600 Jahre. Die ökologisch sehr wertvolle Alters- und Zerfallphase wird dabei ausgelassen. Jetzt pflegen bringt vielleicht in hundert Jahren Profit», sagte George Müller, Interimspräsident des Thurgauer Waldeigentümer-Verbandes. Dieser Profit ist aber mehr im Erhalt der Biodiversität als in Geldwert gedacht. Der Wechsel von primär ökologischen zu ökonomischeren Zielen brauche Zeit. Bei der Mehrheit der 9000 Waldbesitzer von durchschnittlich 1,3 Hektar sei Einsicht vorhanden.

Wald Thurgau
Gesamthaft stehe die Schweiz im Europavergleich gut da, was den Totholzanteil in den Wäldern betreffe. Stürmen wie Lothar sei dank. In Bergtälern und Tobeln sei danach viel Holz einfach liegen geblieben und bietet die Lebensgrundlage für etwa 1700 Käfer-, 2700 Pilz- und 170 Flechtenarten. Im Thurgau aber, wo die Wälder gut erreichbar und erschlossen sind, werden diese auch intensiv genutzt, so Erich Tiefenbacher, Kreisforstingenieur: «30 bis 50 m3 Totholz pro Hektar müssten da sein.» Trockenes, stehendes Totholz biete andere Lebensräume als liegendes. Besonders Insekten und Käfer, aber auch Vögel und Fledermäuse bewohnen stehendes Totholz. Beim Liegen im feuchten Waldboden kommen vermehrt Pilze und Flechten zum Einsatz. Von den 20 000 Hektar Thurgauer Wald sind nun 414 Hektar mit rechtlich gesichertem Nutzungsverzicht. Davon sind 88 Hektar Altholzinseln, 79 Hektar Naturwaldreservate und 240 Hektar unbewirtschafteter Wald in Sonderwaldreservaten. In diesen Lebensabschnitten eines Waldes werden die Bäume immer dicker und der Anteil abgestorbener Bäume und Äste in verschiedenen Zersetzungsstadien nimmt zu.

Altholzinsel «Schrandle»
In einer Vereinbarung zwischen der Waldeigentümerin, der Bürgergemeinde Kreuzlingen, und dem Forstamt des Kantons Thurgau vom 1. Januar 2015 wurde das Gebiet im Schrandle als Altholzinsel ausgeschieden. Forstliche Eingriffe sind nur erlaubt, wenn es die Sicherheit erfordert. Laut Waldgesetz dürfen sich Spaziergänger auf eigene Gefahr auch in Privatwäldern frei bewegen: «Dieses Gesetz wurde erlassen, als die Schweiz noch 2 Millionen Einwohner hatte.» Auf einem Warnschild bei der Altholzinsel steht: «Vorsicht, Herunterfallen von Ästen und Umstürzen von Bäumen möglich.» Die Verantwortlichen verlassen sich aber auf die Vernunft der Waldspaziergänger: «Bei Sturm geht niemand in den Wald hinein.»


Trudi Krieg
















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