Ausgabe Nummer 10 (2004)
Trotz Nordseite süsser und süffiger Wein
Trotz Nordseite süsser und süffiger Wein
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Liselotte Füllemann in ihren winterlich verschneiten Reben. (uhu) |
Reben und Ackerbau
Schon als Liselotte Füllemann ein Kind war, waren die Reben neben den Kühen und dem Ackerbau, ein Bestandteil des elterlichen Bauernhofes. Nach der Schule machte sie eine dreijährige Lehre als Winzerin und absolvierte anschliessend den Betriebsleiterkurs und die Meisterprüfung als Winzerin. Als ihr Vater krank wurde, übernahm sie den Betrieb, verkaufte die Kühe und baute den Weinbau aus. Ihr Gut umfasst 1,7 Hektaren Reben und acht Hektaren Acker und Wiese, wobei sie einen Teil der anfallenden Arbeiten in Acker- und Futterbau in Zusammenarbeit mit einem Nachbarbetrieb ausführt. Die Reben pflegt sie eigenhändig und macht Lohnarbeit für andere. Keltern lässt sie den Wein auswärts. Ein Teil kommt zur Selbstvermarktung zurück. Seit drei Jahren hat sie zudem eine Teilzeitstelle in der Rutishauser Weinkellerei AG in Scherzingen.
Füllemann pflanzt die Sorten Müller-Thurgau, Gamay x Reichensteiner (Garanoir), Blauburgunder und versuchsweise Zweigelt an. Pro Hektar hat sie im Schnitt einen Ertrag von 8000 Flaschen. Ihr Weisswein ist ein typischer Seewein mit Muscat-Aroma. Sie beschreibt ihn als spritzig und süffig. Der Rotwein zeichnet sich durch seine intensive dunkle Farbe aus. Beide Weine seien gut zum Apéro, zum Essen oder einfach «so zum Trinken».
Wein an der Nordseite des Seerückens
Von ihrem Rebberg aus bietet sich ein schöner Blick auf den Untersee. Trotz Nordseite gedeihen die Reben. Füllemann erklärt, dass dies aussergewöhnlich sei. «Der Untersee wirkt wie eine Heizung. Er speichert die Wärme. Daher haben wir selten Winterfrost und fast nie Frühlingsfrost. Das erlaubt uns, in der Ebene Wein anzubauen.»
Ein Teil ihres Weins vermarktet Füllemann selbst. Sie stellt fest, dass die Vermarktung je länger je mehr Zeit in Anspruch nehme. Den grössten Teil verkaufe sie an Private und an Restaurants. Auch Feriengäste in Berlingen seien an ihrem Wein interessiert. Als Souvenir wollen sie etwas Einheimischen nach Hause nehmen. Über die Herkunft ihrer Kunden berichtet sie: «Der grösste Teil der Kundschaft ist aus der Region. Einige kommen aus Zürich und dem Bernbiet. Sogar aus Hamburg habe ich Kunden, die jedes Jahr kommen und meinen Wein kaufen.» Füllemann ist überzeugt, dass der Konsument eine Beziehung zum Verkäufer wolle und auch am Hintergrund der Weinproduktion interessiert sei. «Sonst könnte er ja auch in einen Laden gehen», meint sie. Von der Qualität der Thurgauer Weine ist sie überzeugt: «Unsere Weine stehen keinem ausländischem Wein nach. Die Qualität wird je länger je besser.» Doch bedauert sie, dass die Leute sich der einheimischen Produkte nicht bewusst seien. Mit Messen, Degustationen und anderen Aktionen ist sie überzeugt, dass man die Konsumenten wieder auf die einheimischen Produkte aufmerksam machen könne. «Wir haben sehr gute Produkte. Wenn sie richtig angepriesen werden, sollte der Verkauf zu einem guten Preis funktionieren. Sehr wichtig ist, dass die Produzenten hundert Prozent hinter ihrem Produkt stehen.» Als Frau habe sie in der Vermarktung vielleicht einen kleinen Vorteil. Aber sie stellt klar: «Letztlich ist das Produkt entscheidend. Ein schlechtes Produkt kann weder ein Mann noch eine Frau verkaufen.»
Blick in andere Weingüter
Für Füllemann ist der Wein Beruf und Hobby zugleich. Sie verdeutlicht: «Beim Weinbau ist es nicht möglich, am Morgen zu kommen und am Abend zu gehen. Die Tätigkeit fordert mich voll.» Auch die Ferien und die Freizeit verbringt sie mit dem Wein. «Wenn ich in ein Restaurant gehe, fragen mich die Leute nach meinem Wein. So bin ich immer drin», erzählt sie. «Unsere Ferienziele sind meistens mit dem Weinbau verbunden. Mein Mann ist ebenfalls gelernter Winzer. Da sind wir beide interessiert.» Über die Besichtigung anderer Betriebe sagt sie: «Für mich ist es wichtig Neues zu sehen, zu schauen, wie es die anderen machen und wie sie mit den jeweiligen klimatischen Bedingungen umgehen. Ich bin offen für andere Ideen, und vielleicht kann ich für meinen eigenen Betrieb etwas dazulernen.» Neben dem eigenen Wein trinkt sie gerne Wein aus dem Wallis, Spanien oder Südtirol. Jedoch ist sie überzeugt, dass der Berlinger Wein in jeden Keller gehöre. (uhu)

