Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
6. Juli 2018


Umdenken beim Kälber Tränken

Ausgabe Nummer 37 (2014)

In der Praxis ist es nach wie vor weitverbreitet, dass die Tränkemenge in den ersten Lebenswoche aus Angst vor Durchfällen auf 4 bis 6 Liter pro Tag limitiert wird. Infektiöse Durchfälle werden durch diese Massnahme aber nicht verhindert und die Entwicklung des Kalbes wird sogar negativ beeinträchtigt.

Metabolische Programmierung
Neue Studien aus den USA und Deutschland zeigen, dass eine hohe Fütterungsintensität in den ersten vier Lebenswochen zu einer höheren Milchleistung in der ersten Laktation führt. Die Gründe sind noch nicht eindeutig erforscht. Zum einen gehen die Studien davon aus, dass der Stoffwechsel in den ersten Lebenswochen auf Intensität «programmiert» wird und andererseits die Entwicklung der Euteranlage verbessert wird. Eine ausreichende Versorgung mit Milch in den ersten Lebenswochen hat aber noch weitere Vorteile:

• Die Kälber sind weniger krankheitsanfällig
• Die Kälber fressen in den Folgewochen mehr Kraftfutter und Heu
• Die Kälber erzielen höhere Tageszunahmen.
• Die Kälber besaugen sich weniger

Was heisst das nun für die Praxis? Grundsätzlich soll man bei rationierten Milchgaben wieder grosszügiger sein. Das Überlaufen in den Pansen als Durchfallauslöser ist mittlerweile widerlegt. Allenfalls koten die Tiere etwas dünner, dies hat aber nichts mit einem infektiösem Durchfall zu tun! Besonders das sturzartige Trinken von grösseren Milchmengen ist aber nach wie vor zu vermeiden. Im Idealfall wird die Milch drei mal täglich vertränkt.

Milch zur freien Verfügung
Kälber in der Mutterkuhhaltung trinken während 8 bis 12 Gaben täglich, teilweise schon aber der zweiten Lebenswoche bis zu 10 Liter Milch pro Tag. Teilweise wurden bei ad libitum Tränken schon Milchaufnahmen von 16 Liter pro Tag beobachtet. Durch das ruhige Trinken saufen die Kälber ruhig und schlucken mehr Speichel. Dadurch verbessert sich die Labfermentation zusätzlich.
Dieses Prinzip kann auch bei getrennt von der Mutter lebenden «Aufzuchtkälbern» angewandt werden. Die Kälber haben in ihrem Tränkeeimer dauernd Milch zur Verfügung. Diese wird stallwarm eingegossen. Auch wenn die Milch mit der Zeit kälter wird, funktioniert der Schlundrinnenreflex bei einer Tränke über den Nuggi auf Kopfhöhe. Wichtig ist einfach, dass die Kälber ab Geburt an diese Form der Tränke gewöhnt werden, damit sie nicht zu hastig und nicht zu viel trinken!

Milch ansäuern
Bei der ad libitum Tränke ist die Keimvermehrung im Kessel eine Herausforderung. Um dies zu verhindern und die Verdaulichkeit zu verbessern, kann die Milch auf pH 5.5 angesäuert werden. Produkte zur Ansäuerung haben verschiedene Futtermittelfirmen im Angebot. Wichtig ist aber, dass die empfohlene Konzentration eingehalten wird, da die Kälber ansonsten die Milch nicht mehr gern haben. Wenn man die Milch ansäuert, sollte man wegen der Akzeptanz zudem möglichst früh nach der Geburt, idealerwiese ab der 2. Kolostrumgabe, damit beginnen. Von da an bleibt der Nuggi mit dem Kessel an der Einzelbox und es wird 1-2 mal täglich nachgefüllt. Auf jeden Fall sollte bis zur nächsten Gabe noch Restmilch im Eimer verbleiben.

Umstellung am 21. Lebenstag
Nach dem 21. Lebenstag wird die Tränkemenge wieder auf 8, eine Woche später auf 6 Liter pro Tag begrenzt. Die Reduktion kann abrupt oder kontinuierlich erfolgen. Wichtig ist einfach, dass ausreichend gutes Kraftfutter und Raufutter zur Verfügung steht. Kälber mit ad libitum Tränke fressen bereits ab der sechsten Lebenswoche deutlich mehr Kraftfutter als ihre rationiert gefütterten Artgenossen. Beim Kraftfutter ist ein genügend hoher Proteingehalt zu beachten. Der Proteinbedarf von Kälbern wird in der Praxis oft unterschätzt.

Winter ist anspruchsvoll
In Aussenklimaställen oder Iglus im Freien funktioniert die Dauertränke nicht mehr, weil die Nuggis und die Milch einfrieren. Praxisbetriebe lösen dies dadurch, dass während Kälteperioden die Milch in den ersten 3 Lebenswochen 3 Mal täglich warm verabreicht wird.
Die ad libitum Tränke mit Ansäuerung ist eine wirksame Massnahme um die Entwicklung und Gesundheit der Aufzuchtkälber wie auch ihr Leistungspotential zu verbessern. Allerdings ist es kein Allerheilmittel. Grundlegende Managementmassnahmen wie eine korrekte Kollostrumversogung nach der Geburt, ein gutes Stallklima, gute Geburts- und Stallhhygiene sowie die Einzelhaltung in den ersten zwei Wochen werden dadurch nicht ersetzt!


BBZ Arenenberg,
Christof Baumgartner







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