Ausgabe Nummer 30 (2005)

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Unser Motto: «Nicht der Zeit hintennach rennen!»

Vereinigung Europäischer Milchproduzenten EDF (Teil 2 von 3)

Unser Motto: «Nicht der Zeit hintennach rennen!»

Am EDF-Congress in Courcelles-Chaussy (Frankreich) Ende Juni 2005 (siehe «Thurgauer Bauer», Nr. 29) hat das französische Ehepaar Lecornu sehr engagiert an der Planung und Durchführung dieses Anlasses mitgewirkt – dies nebst ihrem Milchviehbetrieb in der Normandie. Heute sind sie deutlich glücklicher mit einer höheren Lebensqualität als noch vor zehn Jahren und einer Arbeitsproduktivität von 230 kg Milch/AKh. Das Resultat kommt nicht von ungefähr, sie haben es sich hart erarbeitet. Wie erreichten die Lecornus dies?


Dieser alte Traktor tut immer noch
seinen Dienst. Und der Milchproduzent
erfreut sich an den tiefen Maschinen-
kosten.
Wenn man Katrine und Richard Lecornu begegnet, fällt sofort ihre Fröhlichkeit, ihre positive Einstellung und Ausstrahlung auf. Es ist eine Freude, mit ihnen zu diskutieren. Ihr Gefühl von Engagement wirkt ansteckend. Ihre Fachkenntnisse und Überlegtheit beeindrucken. Lecornus Weg zu ihrem heutigen Lebensstil war steinig, alles andere als einfach. Sie starteten 1994 in der Normandie (F) mit 300 000 kg Kontingent, 50 ha Land, einem Angestellten für einen Tag pro Woche, Generationenkonflikten mit Katrines und Richards Eltern und grossen finanziellen Engpässen. Heute verfügen sie über ein Milchkontingent von 800 000 kg, 110 Holsteinkühe, 110 ha Acker- und Grasland, einen Vollzeitangestellten, vier Kinder, ein gutes Verhältnis mit beiden Eltern, vier Wochen Ferien, viel Freizeit und eine hohe Lebensqualität.

Wissen, was wir wollen – was wir nicht wollen

Für die Lecornus dreht Lebensqualität um drei Punkte: Zeit haben für Familie und Freizeit, eine Arbeit tun, die man liebt und mit dieser Arbeit Geld verdienen. Meistens ist es viel einfacher zu äussern, was man nicht tun will, als das, was man tun will. Sie wollten keine «Melk-Sklaven» sein. So beschlossen sie, möglichst viele Tätigkeiten auf dem Betrieb zu vereinfachen. Zudem setzten sie sich klare Prioritäten: Jeden Mittwoch und Samstag nach dem Stall nehmen sie sich gezielt Zeit für die Kinder, am Donnerstag für sich selber.

Schlüsselmomente gezielt nutzen

Nach der Frage, ob es möglich ist, gute Resultate mit möglichst wenig Arbeit zu verbinden, lautete Richard Lecornus Antwort: «Dies hängt alles von ein paar Schlüsselmomenten ab.» Am Morgen melkt er die Kühe, dies ist gleichzeitig sein privilegierter Zeitpunkt, um die Kühe zu beobachten. Bei dieser Beobachtung prüft er den Zustand des Einzeltieres sowie der ganzen Herde. Hieraus zieht er schnell seine Schlüsse, welche die Prioritäten für den heutigen Tag sind. Gemäss Lecornu ist dies der wichtigste Faktor ihres Managements. Diese gezielten Beobachtungen am Morgen sind fast wörtlich Gold wert. Bis zum Mittag sind alle Arbeiten für die Milchviehhaltung erledigt.

Vereinfachung, Vereinfachung, nochmals Vereinfachung!

Das Motto für eine hohe Arbeitsproduktivität heisst: Vereinfachung! Und dies in jedem Bereich: Kühe und Rinder werden so viel als möglich geweidet. Sie sind die kostengünstigsten und besten «Rasenmäher». Alle Tiere erhalten die gleiche, einfache Ration, die möglichst wenig Komponenten enthält (TMR). Aufzuchtrinder und Galtkühe erhalten die gleiche Ration wie die Milchkühe, allerdings mit Stroh verdünnt. Bau einer kleinen Plattform über den Liegeboxen, um die Rundballen auszurollen und das Stroh mit wenig Aufwand einzustreuen. Möglichst abkalbefreie Zeit zwischen Dezember und Februar, um die Kälberdurchfälle zu reduzieren und für eine entspanntere Weihnachtszeit. Zwei zugekaufte Holsteinstiere besorgen die Besamung. Sie versuchen, die Tierbeobachtung möglichst zu limitieren, aber um so konsequenter durchzuziehen. Einfacher 2 3 8-Fischgräte-Melkstand (Jahrgang 1980), der jedoch reibungslos funktioniert und eine gute Milchqualität liefert. Statt Pflügen wird nur noch Direktsaat angewendet. Viele maschinelle Arbeiten werden an Lohnunternehmer vergeben. Mit all diesen und noch mehr Massnahmen erreichten sie, was sie explizit wollten und sich als Ziel setzten: Effizientes Arbeiten.

Selbstauferlegte mentale Grenzen


Für Milch mit hoher Qualität genügt auch ein
einfacher Melkstand. Gleichzeitig ist dies ein
bewährter Ort für gezielte Tierbeobachtungen.

Das Ziel ist nicht vier Wochen Ferien, sondern das, was die Familie für sich als Lebensqualität definiert. Für die Lecornus gibt es nicht nur eine einzige Lösung, um ein glücklicher Bauer zu sein. Sie haben beide nicht genau die gleichen Ziele und Vorstellungen, aber dies macht die Arbeit selber viel interessanter und attraktiver. Während der Betriebsbesuche in ganz Europa haben sie sehr viel gelernt. Ihre drei Schlussfolgerungen:

1. Zeit und Distanz zum Betrieb:

Es braucht Abstand zum Betrieb und Zeit, um sich selber die richtigen Fragen zu stellen. Oft waren sie viel zu beschäftigt mit der Arbeit, sodass sie sich nicht an die gesetzten Ziele erinnerten, die sie sich gesetzt hatten.

2. Sich Herausforderungen zutrauen

Die Zukunft der Milchproduktion scheint sehr gewagt und riskant. Aber oft sind die wirklichen Probleme nicht die Agrarpolitik oder zu viel Arbeit, sondern unsere mentalen Grenzen, unsere gedanklich auferlegten Barrieren.

3. Willens sein, sich selber die Zeit und die Mittel zu geben, um seine Ziele und Wünsche zu verwirklichen.

Die Lebenssituation der Lecornus ist das Resultat ihrer eigenen Wahl; sie wählten, was sie tun wollten, und vor allem was sie nicht tun wollten; dies setzten sie konsequent um.

Jenifer van der Maas, Fachstelle
Betriebsberatung und Landtechnik, LBBZ Arenenberg