Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
20. April 2018


Veränderungen kommen von der Basis - Einschränkung trotz Überfluss

Ausgabe Nummer 9 (2016)

Erster Begegnungsabend mit Thomas Gröbly im Münchwiler Kirchgemeindehaus

Der Ethiker Thomas Gröbly will die Landwirtschaft nicht gegen die Wirtschaft ausspielen – nicht nur die Frage nach der richtigen Grösse und der regionalen Absatzkanäle beschäftigt beide.

«Was kann die Wirtschaft von den schlauen Bauern lernen? Oder kann die Landwirtschaft auch etwas von der Wirtschaft lernen?» Am ersten der beiden Begegnungsabenden, welche von den beiden Landeskirchen gemeinsam organisiert wurden, sprach der ausgebildete Landwirt, Theologe, Ethiker und Buchautor Thomas Gröbly im Münchwiler Kirchgemeindehaus Klartext. «Wir stehen vor grossen gesellschaftlichen Herausforderungen, und es ist höchste Zeit, dass wir der Sache auf den Grund gehen», sagte er gleich zu Beginn seines Referates vor über 40 Interessierten. Als Ethiker wünsche er sich, wie die meisten Menschen auf der Welt, dass die Armut besiegt, sich Ungleichheiten verringern und die Klimaerwärmung gestoppt werde. «Heute bestehe die Welt voller Peaks», sagte er und erklärte, dass er damit nicht nur die Begrenzung von Öl, Phosphor und Wasser meine, sondern auch den seelischen Peak der Menschen. Nachhaltigkeit, geschlossene Kreisläufe, Ressourcen und Verzicht werden die Gesellschaft zukünftig fordern. «Wir müssen uns vom jetzigen Stand des Wachstums verabschieden», ist er überzeugt und gibt zu, dass er von der «grünen Wirtschaft » wenig hält. «Wir müssen dem Wachstumszwang einen Riegel schieben.»

Grösser ist nicht immer besser
In der Landwirtschaft seien Wachstum und Vergehen ursprünglich immer im Gleichgewicht gewesen. Wird es gestört, kommt es zu Fehlentwicklungen, Überschüssen, falschen Anreizen, Krisen und Einbussen beim Einkommen. Jahrhundertelang wussten das die Landwirte. Und heute? Weiss der Bauer noch, dass Bäume nicht in den Himmel wachsen? Gröbly versteht, dass sich die Landwirtschaft heute dem marktwirtschaftlichen Druck stellen muss. Doch der Bauer wisse längst, dass tote Pferde nicht mehr zum Reiten dienen und man nichts erzwingen könne. So rät er den anwesenden Landwirten, zuerst gut zu prüfen, welche Innovationen wirklich nötig sind. Regionale Absätzmärkte seien den globalen vorzuziehen. In der Wirtschaft gelte jede Innovation per se als Erfolg. Gröbly rät zur Vielfalt, denn vielfältige Kulturen oder verschiedene Standbeine überleben stürmische Zeiten besser als Monokulturen. Wichtig sei aber auch die Grösse. «Grösser ist nicht immer besser», sagte er, und rief auf zur Befreiung des Überflusses. Die Natur gebe in der Landwirtschaft meist die Begrenzung vor und dies sollte seines Erachtens auch das Prinzip der Wirtschaft werden. Beim Menschen heisse die Begrenzung meist Krankheit, in der Wirtschaft spreche man von Krise.

Konsumenten haben es in der Hand
Die Diskussion zeigte, dass der grösste Wachstumstreiber die Finanzwirtschaft darstellt und es sehr wohl auch Wirtschaftsbetriebe gebe, die ihre Grenzen kennen. Ein Votant möchte die Peaks wissenschaftlich erhärtet haben. Er fühle sich seit der angedrohten Ölkrise vor vielen Jahrzehnten verschaukelt, sagte er. Auch bei den acht Millionen Hungernden auf der Welt habe er ein Problem. Noch nie wurde so eine grosse Menge an Nahrungsmitteln produziert wie heute und trotzdem leiden so viele Menschen Hunger. Ein anderer Votant war der Ansicht, dass die Finanzen überall eine zu grosse Rolle spielen und eine Votantin war der Ansicht, dass wir als Konsumenten es täglich in der Hand haben, was wir kaufen und konsumieren wollen. Verzicht bei diesem Überfluss an Waren sei wohltuend und gebe ein gutes Gefühl. Gröbly rät, die persönlichen Werte zu überdenken. Sind es materielle Güter, die mich glücklich machen, oder ist es eher eine Runde mit Freunden? Weil Veränderungen immer aus der Basis kommen, sieht Gröbly nach dem eher düsteren Bild seines Referates doch noch einen kleinen Hoffnungsschimmer.

Beim nächsten Begegnungsabend am 1. März begegnen sich der Landwirt Josef Gemperle und der Unternehmer Hansjörg Brunner auf dem Podium im Pfarreisaal in Eschlikon und erörtern die Frage, was sie voneinander lernen können.


Ruth Bossert




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