Ausgabe Nummer 20 (2010)
Vereinigung hinterthurgauischer Bergbauern
Im Tannzapfenland: Die «Vereinigung hinterthurgauischer Bergbauern»
«Das Selbstvertrauen vor allem der jungen Leute muss gefestigt werden, Selbsthilfe ist wichtig, die Fortschritte der Tierzucht sollen vermehrt genutzt werden. Der Bergbauer sollte in dieser Beziehung dem Talbauern voraus sein. Die Bereitschaft zur Erhaltung der Bergbauern ist in der Öffentlichkeit vorhanden, wir dürfen zuversichtlich sein. Neben den materiellen sind auch die ideellen Werte zu beachten und zu würdigen.»
Raten Sie mal, wo diese Textpassage steht? In wunderschöner Handschrift geschrieben im Protokollbuch der «Vereinigung hinterthurgauischer Bergbauern». Sie stammt aus dem Jahre 1972. An der Jahresversammlung umschrieb Herr Balsiger von der kantonalen Zentralstelle für Betriebsberatung damit die sich stellende allgemeine Aufgabe. Der erste Teil dieser Aufgabe ist im Hinterthurgau inzwischen erfüllt. Eine gut ausgebildete und hochmotivierte mittlere Generation ist nachgewachsen, und eine tüchtige jüngere Generation ist im Kommen, die zu Recht ebenfalls stolz ist auf die Art, wie sie lebt und arbeitet. Adrian Imhof ist ein Beispiel dafür. Der elterliche Betrieb im Esch liegt auf 740 Meter Höhe und hat 26 Milchkühe, 70 Mastschweine und 80 Hochstammbäume mit Äpfeln und Birnen. Adrian hat im Rahmen seiner Ausbildung am Arenenberg eine als sehr gut bewertete Arbeit über die Bergzone im Hinterthurgau und seine Bergbauernvereinigung geschrieben. Als ein Vertreter der jungen Generation stellt er in der Einleitung fest: «Viele Personen und auch Bauern wissen gar nicht, dass es bei uns im Thurgau Bergbauern gibt, denn man hört eigentlich wenig über sie.» Das war schon zur Gründungszeit der Vereinigung so. Anlässlich der Vorbereitung eines Maurerkurses heisst es in dem würdigen Protokollbuch im Jahre 1962: «Anschliessend wurde eifrig über verschiedene bergbäuerliche Probleme diskutiert. Dabei wurde die Ansicht vertreten, dass in unserem Kanton, der ja nur wenig Berggebiet besitzt, verschiedenen Amtsstellen und Behördenvertretern gar nicht bewusst ist, dass im Hinterthurgau Bergbauern unter erschwerten Produktionsverhältnissen ihre Existenz erkämpfen müssen.» Das hat sich seither bei den kantonalen Instanzen gewaltig gebessert. Dass aber die Tourismus Thurgau uns Bergler verfehlt und nicht fi ndet, liegt daran, dass sie uns unter der falschen Ortsbezeichnung sucht ... Sie kennt auch unser Geheimnis noch nicht: Dass wir schon längst Irma Schatt in den Rang einer Botschafterin für das Tannzapfenland erhoben haben und es nun unserem Kinder-Jodelchörli überlassen, den richtigen Ton zu fi nden.
Aus der Gründungszeit der Vereinigung
Doch zurück zur Gründungszeit. Robert Kaiser vom Kreuzhof und Paul Bechtiger von Buchegg hatten 1962 zum zweiten Mal einen Holzbearbeitungskurs organisiert. Die Teilnehmer dieser beiden Kurse beschlossen, Herrn Kamber von der «Schweiz. Arbeitsgemeinschaft der Bergbauern » einzuladen. Aus dieser Zusammenarbeit entstand als nächstes ein Maurerkurs, in dem als Lehrstück auf einem der Betriebe zwei Silos und ein Tennboden betoniert wurden. Selbsthilfe stand am Anfang der Vereinigung und steht auch heute noch im Mittelpunkt. Auch das ist zu wenig bekannt, weil es eine Selbstverständlichkeit ist. Man redet darüber nur so weit es nötig ist. Auf Bundesebene waren zu dieser Zeit verschiedene Massnahmen zu Gunsten der Bergbauern beschlossen worden. Damit der Kanton sie auch bei uns umsetzen konnte, brauchte es einen Zusammenschluss aller Betriebe in dieser Zone (damals nur Bergzone 1). Es folgte eine Orientierungsversammlung vom 27. Januar 1963 in der «Krone» in Dussnang, an der Ulrich Gasser von der Zentralstelle für Betriebsberatung in Weinfelden über die Sachlage auf Bundes-, Kantons- und Gemeinde- beziehungsweise Betriebsebene referierte. Eingeladen waren sämtliche Bergbauern des Hinterthurgaus, und sie erschienen in grosser Zahl, nämlich zirka 100. Ebenfalls anwesend waren der Bauernsekretär Hanspeter Fischer, Vertreter des Gemeinderates und des Vorstandes der Viehzuchtgenossenschaft. Die kantonalen Vertreter freuten sich sehr, dass die Hinterthurgauer Bergbauern selber diese Initiative ergriffen hatten. Sie erwähnten auch anerkennend unseren Berufskollegen, Kantonsrat Paul Böhi, Au, für seinen Einsatz bei der Lösung unserer Probleme. Für das Berggebiet ist ein viehwirtschaftlicher Beratungsdienst vorgesehen, der das Zuchtniveau anheben soll. Minderwertige Tiere sollen ausgemerzt und gut bewertete gefördert werden. Für die Ausrichtung dieser Unterstützungsbeiträge müssen folgende Bedingungen erfüllt werden:
1. Mitarbeit in einer Beratungsstelle
2. Erstellung des Futtervoranschlags
3. Ausfüllung des Betriebsspiegels
4. Führung des Viehregisters
5. Durchführung der Milchleistungskontrolle.
An diesem Abend wird in offener Abstimmung die Gründung einer Vereinigung beschlossen, die dann bereits einen Monat später auch in aller Form stattfi ndet, nämlich am 28. Februar 1963 im Restaurant «Schäfl i» in Dussnang. Als Tagespräsident wird Robert Kaiser gewählt, als Tagesaktuar Albert Brühwiler vom Gnist, und als Stimmenzähler Eduard Imhof (der Grossvater von Adrian), Karl Feuz vom Grund, Bichelsee, und Josef Inauen vom Wald, Au. «Hauptzweck ist Wahrung der Interessen unserer Bergbauern und Förderung des landwirtschaftlichen Beratungsdienstes, ebenso Organisation von Kursen und Vorträgen sowie eine gewisse kulturelle Tätigkeit. Auf eine gute Zusammenarbeit mit dem landwirtschaftlichen Kantonalverband wird besonders Wert gelegt. Die durch die Initianten ausgearbeiteten und durch das Thurgauer Bauernsekretariat in verdankenswerter Weise kontrollierten und vervielfältigten Statuten wurden jedem Bergbauer mit der Einladung zugestellt. «Es ergibt sich, dass von 49 Anwesenden 48 unterschriftlich den Beitritt zur Vereinigung hinterthurgauischer Bergbauern erklärt haben. Zusammen mit vier Interessierten, welche sich für die Versammlung entschuldigt, aber den Beitritt zugesichert haben, zählt unsere Vereinigung schon 52 Mitglieder.» Als erster Präsident wird in geheimer Wahl Robert Kaiser vom Kreuzhof gewählt, als Vizepräsident Paul Böhi, Kantonsrat, von Kappegg, Au, ferner Josef Brun, Bennenmoos, und Johann Rupper, Brengrüti, Bichelsee; als Rechnungsrevisoren Emil Mahler, Scherliwald, und Karl Zuber, Landsiedeln, Au. Der Jahresbeitrag wird auf Fr. 5.– festgelegt und bleibt auch über zwei Jahrzehnte so. Es wird die Gründung von Beratungsgruppen geplant und Ulrich Gasser von der zentralen Beratungsstelle um ein Referat dazu gebeten. «Als Tagesaktuar der Gründungsversammlung hoffe ich, in diesem Buche könne recht viel Erfreuliches eingetragen werden zum guten Gedeihen unserer neu gegründeten Vereinigung und zum Wohle unserer bergbäuerlichen Bevölkerung. Für getreues Protokoll zeugen: Der Präsident Robert Kaiser, der Tagesaktuar Albert Brühwiler.»
Von den ersten 20 Jahren bis zur Gegenwart
Diesen Geist umsichtig-besonnenen Herangehens und würdigen Umganges unter tüchtigen Bürgern atmen alle diese handschriftlichen Protokolle der ersten zwanzig Jahre. Da gibt es kein «Durchboxen » und «Durchziehen» einer Sache, wie es heute so vieles schon im Ansatz verdirbt und das Vertrauen als Grundlage gedeihlicher Zusammenarbeit ruiniert. Die Handschriften, die alles geprägte und reife Prersönlichkeiten zum Ausdruck bringen, hören 1993 auf – danach kommt die «moderne Zeit». Sich mit den inhaltlichen Arbeiten dieser ersten 20 Jahre zu befassen, übersteigt den Rahmen dieser Darstellung der Gründung. Zum Beispiel geben immer wieder die Bedingungen der Ausmerzaktionen Anlass zu Beschwerden. Umgekehrt müsste dargestellt werden, dass und warum nur Genossenschafts- Zuchttiere und Aufzuchtkälber mit Unterstützungsbeiträgen gefördert werden: Überall, wo Sorgfalt bis ins einzelne angesagt ist, gedeiht die Sache. Die beiden Beratungsgruppen – eine für Au und eine für Schurten – wurden von den Vertretern der kantonalen Beratungsstelle so kompetent und doch kollegial geführt, dass die beteiligten Bauern heute noch gerne daran zurückdenken. Auch die folgenden 20 Jahre, in denen der Sturm der Globalisierung in der Grosswetterlage mit all seinen Versprechungen und Lügen spürbar wird, müssten gesondert beleuchtet werden.
Adrian Imhofs Arbeit über die Bergzone im Hinterthurgau
Adrian Imhof stellt in seiner Arbeit die allgemeinen Bedingungen des Bergbauerngebietes im Hinterthurgau anschaulich dar: Es sind immerhin 140 Betriebe, davon 59 in der Hügelzone, 35 in der Bergzone 1, und 46 in der Bergzone 2. Diese Differenzierung war laut Protokoll erst 1973 möglich geworden. Auch die Hangneigung ist erstaunlich stark: 18 bis 35 Prozent 16 erhalten 370 Franken pro Hektar und Jahr, und «mehr als 35 Prozent Neigung» 510 Franken. Allgemein ist massgebend: Klima (Niederschläge und Temperatur), Topographie und Bodenbeschaffenheit. Adrian beleuchtet die Nutzung der Flächen, die Beschaffenheit der Böden, die Art der Maschinen, die eingesetzt werden können, ebenso die Bodenverdichtung als Folge, vor allem dort, wo man wegen der Hangneigung immer gleich fahren muss. Er stellt Rindviehhaltung und Milchwirtschaft dar, macht ein Interview mit Köbi Hug, unserem jetzigen Präsidenten, und er stellt seinen elterlichen Betrieb genauer vor. Im Abschnitt «Ackerbau» schreibt Adrian: «Auf einer Höhe von 740 Meter über Meer können wir im Hinterthurgau keinen Ackerbau betreiben.» Ein Bauer habe vor ein bis zwei Jahren Silomais angebaut. Was Adrian nicht wissen konnte ist, dass andere auch einen Probeanbau von Soja gemacht haben. Sie wurde – entgegen allen Lehrbüchern – wunderschön reif, haben wir doch mehr Sonnentage beziehungsweise weniger Nebel pro Jahr und sehr oft 5 Grad wärmer als in der Talsohle, wo die kältere Luft sich sammelt. Von den heutigen Betrieben sind noch 84 Milchviehbetriebe, 17 davon mit einem Teil Mutterkühe, beziehungsweise Kühe mit Abkalbung, während 13 ganz auf Muttertierhaltung umgestellt sind.
Die Anbauschlacht im Hinterthurgau
Adrian erwähnt auch die Anbauschlacht des zweiten Weltkrieges – ein Kapitel, das alle, die sich im Hinterthurgau noch daran erinnern, besonders bewegt. Es waren sehr viele, oft kleinere Flächen, meist oben auf den Kreten. An Schräglagen musste oft die Erde der untersten Furchen auf den Wagen geladen und zuoberst wieder «angesetzt» werden, berichtet Vater Imhof von Esch. Jeder kleine Acker hatte seine «Mahlkarte der Schweiz. Eidgenossenschaft» – quasi das Dienstbüchlein des Ackers. Frühjahr und Herbst wurden Aussaat und Ernte genau eingetragen. Mein Vater hatte die Aufgabe, für den Bund diese «Getreidekontrolle» und die «Pferdekontrolle÷ zu führen. Wir als Kinder gingen mit diesem wichtigen Dokument in einem Umschlag auf die Höfe: den Hunzenberg, Buhwil, Neuschür, Höll, Gentenegg, Rotbühl, Esch, Gnist, im Talkessel von Au noch mehrere, dann Opel, Siggisegg, Speck, Hamberg usw. Auch die vom Bund rekrutierten Pferde hatten ein solches Dienstbüchlein – und es waren ihrer nicht wenige. Wenn sie für die Heuernte nach Hause kamen und sich gleichzeitig für die Folgezeit wieder kräftigen mussten, dann musste dieser Heimaufenthalt und die Art der Arbeitsverwendung eingetragen werden. Der Halter musste mit Unterschrift bestätigen, dass das Pferd keinerlei Unfallgefahr ausgesetzt wird und in guter gesundheitlicher Verfassung nachher pünktlich wieder einrücken wird. Ich werde nach diesen Unterlagen für unser Hinterthurgauer Berggebiet suchen. Markus Somm macht ja in seinem faszinierenden Buch «General Guisan – Widerstand nach Schweizer Art» diese Zeit auf einmalige Art wieder lebendig.
Hinterthurgauer Bergbauern, Annemarie Buchholz
