Ausgabe Nummer 26 (2009)

zurück zur Übersicht

Verschiedene Strategien in der Biomilchproduktion

Die Biomilchproduzenten müssen sich nicht nur mit einem sinkenden Milchpreis auseinandersetzen, sondern auch mit strengen Vorschriften.

Maximal 10 Prozent der aufgenommenen Trockensubstanz in Form von Kraftfutter, 100 Prozent Biofütterung bei Wiederkäuern und zwingende Einhaltung des RAUS-Programmes bei allen Nutztieren: Diese Vorgaben setzen enge Grenzen. Damit haben sich die Knospemilchproduzenten ein enges Korsett angelegt, auch gegenüber den Biomilchproduzenten in der EU, die keine Kraftfutterlimite und weniger strenge Auslaufvorschriften kennen. Diese Einschränkungen könnten auch eine Chance sein. Milch und Fleisch von Rind, Schaf und Ziege aus neunzig und mehr Prozent regional gewachsenem Raufutter, das zu einem grossen Teil auf der Weide aufgenommen wird – das sind grossartige Verkaufsargumente für gesunde Naturprodukte. Sie könnten von den Marketingfachleuten durchaus noch etwas besser aufgenommen werden. Für den Produzenten ist es eine grosse Herausforderung, bei sinkendem Preis und steigenden Kosten erfolgreich Milch zu produzieren. Im Folgenden werden zwei Betriebe porträtiert, die sich mit unterschiedlichen Strategien im Markt behaupten.

Kosten senken durch Vollweide auf dem Betrieb Osterwalder, Wiesental, Wängi
Milchwirtschaft, Silobetrieb. Landwirtschaftliche Nutzfläche: 21 Hektaren Naturwiesen, arrondiert, alles weidefähig. Mit Ausnahme der extensiven Wiese wird die ganze Fläche als Mähweide genutzt. Auf der extensiven Wiese wird der letzte Aufwuchs geweidet. Meereshöhe 520 m, zirka 1100 mm Jahresniederschlag, Jahresdurchschnittstemperatur 8,5 °C. 38 Kühe, Tretmistlaufstall. Vollweide während der Vegetationsperiode. Die Kühe sind nur zum Melken im Stall. Brown Swiss, zirka ein Drittel Jersey, Anteil zunehmend. Herdebuchbetrieb. Das Jungvieh ist im Aufzuchtvertrag. Die Braunvieh- Stierkälber gehen als Tränker weg, die Jersey-Stierkälber werden selber gemästet und direkt vermarktet. Vertragsmenge 207 000 kg. Milchabnehmer Züger AG. Weitere Betriebszweige: Zusammen mit einem Partner Kompostierung, Solarstromproduktion. Arbeitskräfte: Betriebsleiter 100 Prozent, Ehefrau 40 bis 60 Prozent. Auf dem Betrieb Osterwalder wird Vollweide schon seit 13 Jahren praktiziert, 8 davon unter den Anforderungen des biologischen Landbaus. Nach frühem Weidebeginn gibt es eine lange Übergangsfütterung, zuletzt nur noch mit Dürrfutter. Ab August steht den Kühen im Warteraum vor dem Melkstand wieder Dürrfutter zur Verfügung. Im Winter gibt es Heu und Emd am Fressplatz, Grassilage (Quader- Grossballen) in der Raufe im Laufhof. An Kraftfutter werden jährlich 240 kg pro Kuh verabreicht, am Anfang der Laktation bis zur neuen Trächtigkeit. Bisher wurden auch noch 4,5 Tonnen TS Zuckerrübenschnitzel pro Jahr verfüttert. Dies wird weitergeführt, wenn Biorübenschnitzel erhältlich sind. Die Fruchtbarkeit ist mit einer Serviceperiode von 88 bis 110 Tagen und einem Besamungsindex von 1,4 bis 1,7 zufriedenstellend.

Vollweide im Biobetrieb
Wenn auf dem Biobetrieb Vollweide während der ganzen Saison betrieben wird, müssen dafür etwa 40 Aren pro Kuh zur Verfügung stehen. In der Zeit des grossen Wachstums kann davon natürlich ein beträchtlicher Teil konserviert werden. Grund für diesen hohen Flächenbedarf ist die gegenüber dem ÖLN deutlich geringere Stickstoffmenge, die zur Verfügung steht. Bei geringerer Weidefl ächen-Ausstattung muss im Laufe des Sommers mit der Zufütterung begonnen werden. Auch ein solches System kann aber schon beträchtliche Arbeitseinsparungen ergeben. Auf dem Betrieb Osterwalder beträgt die Futterfläche pro Kuh 55 Aren. Der grösste Teil davon kann beweidet werden. Bei der Düngung werden die Möglichkeiten im Rahmen der Biovorschriften genutzt und Hofdünger in Form von Gülle zugeführt. Der Stickstoffeinsatz pro Hektare düngbare Fläche aus eigener Tierhaltung und Zufuhr beträgt dennoch nur 89 kg N (entspricht 148 kg N gesamt). Auf dem Betrieb werden 10 860 kg Milch pro Hektare erzeugt, davon 9740 kg aus dem Grundfutter (Weidegras, Grassilage, Dürrfutter und Rübenschnitzel). Diese Leistungen von Futterfl ächen und Kühen erreicht man nur mit einem guten Weidemanagement. Hansruedi Osterwalder arbeitet nach folgenden Grundsätzen:
– Wechsel zwischen Weide und Schnittnutzung.
– Nicht immer mit den gleichen Parzellen im Frühling beginnen.
– Einsatz des Wiesentrimmers erst ab Ende August.
– Auch im frühen Frühling jeden Tag weiden.
– Spärlich füttern im Stall.
– Für jeden Weidegang eine neue Parzelle.
– Genügend grosse Weiden.
– Im Herbst zeitig den Weidegang beenden.
Für Hansruedi Osterwalder hat sich das System sehr bewährt. «Die Milchleistungen sind nicht gesunken, die Gehalte sind über dem Durchschnitt. Die Arbeitsbelastung ist viel geringer als bei Stallfütterung. Die Tiergesundheit ist besser. Der Ertrag an Grundfutter wird eher höher.» Er ist sich aber auch bewusst, dass gute Voraussetzungen da sind: «Die Vollweide funktioniert bei uns, weil der Betrieb arrondiert ist. Die Milchkühe sind durch die Aufzucht im Berggebiet weidegewohnt. Es wird bei uns kompromisslos geweidet und der Tierbeobachtung und der Überwachung des Futterwachstums wird grosse Beachtung geschenkt. Wir erwägen in Zukunft die saisonale Abkalbung einzuführen, wir haben auf anderen Betrieben gesehen, dass dadurch die Milchproduktion optimiert werden könnte. Dadurch könnte auch die Winterfütterung teilweise extensiviert werden.»

Kombination von Futter- und Ackerbau auf dem Betrieb Wiesmann, Stockenhof, Oberneunforn
Milchwirtschaft und Ackerbau, Silobetrieb. Landwirtschaftliche Nutzfl äche: 35 Hektaren. 65 Kühe im Boxenlaufstall, Red Holstein- Herdebuchbetrieb. Die Nachzucht wird auf dem Betrieb abgetränkt und geht dann in den Aufzuchtvertrag. Die Kälber zur Mast gehen meist als Tränker weg. Vertragsmenge 400 000 kg. Abnehmer: Züger AG. Futterproduktion: 24,4 Hektaren Kunstund Naturwiesen, 4 Hektaren Silomais, 7 Hektaren Zwischenfutter. Dazu kommen noch 8 Hektaren Kunstwiese und 1 Hektare Zwischenfutter von viehlosen, biologischen Partnerbetrieben. Ackerkulturen für den Verkauf: 4,6 Hektaren Getreide, 2,6 Hektaren Karotten, 1 Hektare Kartoffeln. Weiterer Betriebszweig: Solarstromproduktion. Arbeitskräfte: Betriebsleiter, Lernender, Vater des Betriebsleiters mit Jahrgang 1929, Aushilfe durch andere Familienmitglieder. Auf dem Betrieb Wiesmann sind der Weidehaltung Grenzen gesetzt. In Stallnähe stehen maximal 15 Hektaren Weidefläche zur Verfügung, 23 Aren pro Kuh. Der Ackerbau ist ein wichtiger Betriebszweig. Auch hofnahe, gut ackerfähige Parzellen sind in der Fruchtfolge. Von den Fruchtfolgefl ächen fällt viel gutes Kunstwiesenfutter an. Auf dem Betrieb Wiesmann wird eine hohe Flächenproduktivität im Futter- und Ackerbau angestrebt. Bei der Fütterung im Sommer sind die Hälfte bis zwei Drittel der Ration Maisund Grassilage, die mit dem Mischwagen gefüttert werden. Das übrige Raufutter nehmen die Kühe auf der Weide auf. Im Winter besteht die Futterbasis ebenfalls aus Gras- und Maissilage. Zusätzlich werden noch Bio-Zuckerrübenschnitzel und Stroh oder Ökoheu über den Mischwagen gefüttert. Zur Ration gehört auch ein magnesium- und phosphorreiches Mineralsalz. An der Station gibt es Kraftfutter für jene Kühe, die mehr als 22 kg Tagesmilch geben. Tendenziell wird das Kraftfutter am Anfang der Laktation bis zur neuen Trächtigkeit gegeben, im Durchschnitt 650 kg pro Kuh und Jahr. Damit sind die erlaubten 10 Prozent der Gesamtmenge nicht ganz erreicht. Angesichts der Kraftfutterpreise (Fr. 1.15/kg für ausgeglichenes Milchviehfutter und Fr. 1.29/kg für proteinreiches Hochleistungsfutter, inklusive Mengenrabatte) werden die Kraftfuttergaben weiter reduziert und liegen aktuell noch bei 600 kg pro Kuh. Auf dem Stockenhof werden pro Hektare Futterfl äche 12 640 kg Milch produziert, davon 10 250 kg aus dem Grundfutter. Damit ist die Flächenproduktivität entsprechend dem grösseren Aufwand höher als im Vollweidebetrieb. Geri Wiesmann resümiert zu seiner Milchproduktion: «Die Tiere sind leistungsbereit und gesund. Nicht zufriedenstellend sind die Milchgehalte. An deren Verbesserung wird gearbeitet. Bei einem aktuellen Milchpreis von 74 Rp./kg ist auch die Wirtschaftlichkeit befriedigend. Doch die Situation wird immer wieder analysiert und kritisch hinterfragt. Auf dem Stockenhof sind wir nicht bereit, zu jedem Preis Milch zu produzieren. Es muss bei der Arbeit, die uns allen Freude macht, auch noch etwas verdient werden können. Nach 12 Jahren Biolandbau bereut niemand auf dem Hof den damaligen Schritt. Die Begeisterung für die ökologische Landwirtschaft und die Milchviehhaltung ist ungebrochen, aber für alle von uns gibt es auch noch ein Leben ausserhalb des eigenen Bauernhofes. Dafür sollen auch in Zukunft Zeit und finanzielle Mittel vorhanden sein.“

BBZ Arenenberg, Biolandbau, Jakob Rohrer



Weiden in Hofnähe auf dem Betrieb Osterwalder. (zVg)
Weiden in Hofnähe auf dem Betrieb Osterwalder. (zVg)

Mittagspause nach dem Jäten in den Karotten.
Von links: Claudia und Geri Wiesmann,
Helferin Cornelia Tobler. (zVg)
Mittagspause nach dem Jäten in den Karotten. Von links: Claudia und Geri Wiesmann, Helferin Cornelia Tobler. (zVg)