Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
22. November 2019


Vertrauen schenken - und loslassen können

Ausgabe Nummer 47 (2019)

Kommissionen Junglandwirte & Soziales des VTL

Eine harmonische Gemeinschaft setzt Kommunikationsfähigkeit, gegenseitigen Respekt und Wertschätzung voraus.

Tobias Daepp, Präsident der Junglandwirtekommission, und Thomas Ruch, Präsident der Kommission Soziales des VTL, freuten sich, dass 200 Personen den gemeinsam organisierten Herbstanlass «Zäme läbe, zäme schaffe» vom vergangenen Dienstag im Gasthaus zum Trauben, Weinfelden, besuchten. In ihrer Begrüssung betonten sie die Bedeutung des Zusammenhalts in den Bauernfamilien, das sich gegenseitige Bestärken. Der Gastreferent Beat Heuberger, Oberarzt am Externen Psychiatrischen Dienst Münsterlingen und Medizinischer Leiter des ** Care Teams Thurgau, thematisierte die Voraussetzungen für das Zusammenleben verschiedener Generationen auf dem Hof. Die Erfahrung aus der Praxis zeige, dass Familiensysteme sehr stabil sein können und oft erst unter grossem äusserem Druck zeige sich dessen wahre Stärke. «Wenn verschiedene Generationen räumlich eng zusammenleben, ist es von Bedeutung, dass klare Grenzen gesetzt werden. Eine Schwiegertochter kann es zum Beispiel als störend empfinden, wenn die Schwiegermutter bei ihren (unangemeldeten) Besuchen jeweils direkt in ihre Wohnung eintritt, ohne zuvor zu läuten.» Wenn dieses immer wieder, quasi aus «Macht der Gewohnheit » erfolge, weil die ältere Generation sich noch nicht mit dem Rückzug ins «Stöckli» arrangiert habe, schaffe dieses Verhalten, das als Respektlosigkeit empfunden werden kann, den Nährboden für Konflikte. «Deshalb hilft nur das klärende Gespräch in der Familie und das Setzen von Grenzen», so Beat Heuberger.

Balance finden – und vor allem kommunizieren
Der Referent gab zu bedenken, dass der Landwirtschaftsbetrieb meist das gesamte (Familien)Leben bestimmt: Deshalb sei es nicht übertrieben, wenn der Hof oft als «der dritte Partner» bezeichnet werde, der den Takt des Familienlebens vorgibt. Ein Betriebsleiterpaar befindet sich in verschiedenen Rollen (zum Beispiel als Partner/in oder als Angestellte/r) und muss verschiedenste Ansprüche erfüllen. Zum Thema Hofübergabe: Hier gelte es, den Blickwinkel auf mögliche Überlastungssituationen zu lenken, die entstehen können, wenn bspw. der Junglandwirt eines Tages die Gesamtverantwortung übernehmen muss. Die möglichst frühzeitige Auseinandersetzung mit der Hofübergabe lohne sich. Aus der Beratungserfahrung zeige sich, wie wichtig es ist, dass alle Familienmitglieder ihre künftigen, neuen Rollen und Aufgaben auf dem Hof festlegen und über ihre Ängste und Unsicherheiten sprechen können. «Das Erkennen der Stärken und Schwächen, im Hinblick auf die sinnvolle Balance zwischen Wünschen, Ansprüchen und unabdingbaren Erfordernissen, stärkt den Zusammenhalt als Mehrgenerationenfamilie. Die grosse Herausforderung besteht sicher darin, professionelles Arbeiten mit Beziehungsanspruch zu vereinen und zusätzlich den Produktions- und Leistungsauftrag zu erfüllen. Dieses erfordert die sachliche Klärung inmitten einer Fülle von Aufträgen», gab Beat Heuberger zu bedenken. Er empfahl, Probleme dort zu klären und zu lösen, wo sie gemäss Auftrag und Verantwortlichkeit hingehören: «Es ist wichtig, zwischen persönlichen, Paar- und Familienthemen zu trennen. Dies gilt auch für Arbeit, Wohnen und Finanzen.»

Phase des «Ankommens» nötig
Im Anschluss an das Impulsreferat moderierte Rahel Osterwalder, Mitglied der Junglandwirtekommission, eine Gesprächsrunde, an der sich Eveline Bachmann, Stefan Fässler, Silvan Ziegler sowie Bruno und Josias Meili zum Thema Hofübergabe äusserten. Sie beleuchteten das Zusammenleben der Generationen auf dem Hof aus verschiedensten Blickwinkeln. Ein Fazit lautete dahingehend, dass die junge Generation auf dem Hof zunächst eine Phase des «Ankommens » benötigt. Und eine Schwiegertochter muss sich beispielsweise anfangs in ihrer «neuen» Familie zuerst orientieren und durchsetzen lernen, da oft völlig unterschiedliche Sichtweisen und Werthaltungen aufeinandertreffen. Diskutiert wurde auch über den ausserbetrieblichen Nebenerwerb, der nach einer Hofübernahme nicht immer nur aus finanziellen Überlegungen beibehalten werden möchte, sondern aus Freude am erlernten Zweitberuf. Als wichtig wurde es in der Runde bezeichnet, dass die ältere Generation sich darum bemüht, gute Perspektiven zu schaffen und Freude am Beruf vorzuleben. Das Erkennen der Grenzen der Belastbarkeit stand im Zentrum der Diskussion, mit der Verbindung zum Impulsreferat und der Feststellung, dass nicht jeder Landwirt ein Betriebsleiter sein müsse. Denkbar ist bspw. auch, dass der hofübergebende Vater bei seinem Sohn als Mitarbeiter angestellt ist. Spürbar wurde aus den Schilderungen, dass für die Übergabe Vertrauen eine Grundlage darstellt, und dass die ältere Generation lernen muss, loszulassen und Verantwortung abzugeben. Bei einer Betriebsübergabe sollten soziale und wirtschaftliche Aspekte berücksichtigt werden.


Text und Bilder:
Isabelle Schwander










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