Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
12. Januar 2018


Vom Baumeister zum Bauer

Ausgabe Nummer 45 (2017)

Vor einem Jahr kaufte Tancredi Rochira den Landwirtschafts- und Restaurationsbetrieb Gertau in Bischofszell. Früher baute er Häuser, heute lernt er Bauer und setzt mit der Fähre Ausflügler über die Sitter.

Tancredi Rochira überlässt den Stab zum Abstossen am sandigen Ufer der Sitter seiner Frau Silvia. Wenn das Zugseil und das Steuerseil richtig eingehängt sind, gondelt die Holzfähre, welche bis zu 13 Personen fasst, lautlos über den Fluss. Wegen dem tiefen Wasserstand muss Silvia etwas mehr Kraft aufwenden, sie stachelt wie ein Pontonierfahrer und korrigiert die Position mit dem Holzstab. Das ungleiche Paar erinnert an die Gondolieri in Venedig. «Singen können wir nicht», sagt Tancredi Rochira, der breitbeinig neben seiner grossgewachsenen Frau steht. Lieber schwatzen sie mit den Ausflüglern oder beobachten auch mal einen Eisvogel oder eine Bachstelze. Bald schon sei die Saison zu Ende, erzählt das Paar später auf der sonnigen Terrasse vor dem Restaurant, das nur über die Sommermonate geöffnet ist. Es war ihre erste Saison in der Gertau. Das Paar hat den Landwirtschafts- und Gastronomiebetrieb erst im vergangenen Herbst gekauft, und zufrieden blicken sie auf diese erste, intensive Saison zurück.

Leidenschaft fürs Handwerk
Als Kind einer italienischen Familie wuchs Tancredi Rochira in der Ostschweiz auf. Nach dem Maturaabschluss ging er für vier Jahre zurück nach Italien, ins Militär. Mit dem Ziel Pilot zu werden, schien ihm die Option Berufsmilitär am geeignetsten. Es kam anders. Rochira war farbenblind und musste den Traum vom Fliegen begraben, er machte Abschlüsse im Bereich ABC-Waffen, kam zurück in die Schweiz und arbeitete im Aussendienst eines IT-Unternehmens. Und je länger je mehr entdeckte er seine Leidenschaft fürs Handwerkliche. Die damalige Zeit, das seriöse Umfeld und seine guten Facharbeiter halfen ihm, seinen Traum, schlüsselfertige Wohnhäuser zu bauen, in die Realität umzusetzen. Zwei Systeme im Holzbau liess er patentieren und baute in den vergangenen 15 Jahren 50 Häuser. Die Ehe mit seiner Frau Silvia, aber besonders die Geburt seiner drei Kinder (6, 7 und 10 Jahre), liessen ihn immer öfters an seinem grossen Arbeitspensum sowie der ständigen Präsenz an der Front zweifeln. Rochira kannte weder Freizeit noch Ferien. Je länger je mehr verlagerte sich sein Interesse in eine ganz andere Richtung, hin zur Natur.

Klimaerwärmung nutzen
Tancredi Rochira erklärt, dass sein Interesse am Ökosystem, dem Verbund aus miteinander wechselwirkenden Einheiten gross ist. Besonders seit die Klimaerwärmung die allgemein gültigen Umweltbedingungen stark beeinflusst und auch in den gemässigten Zonen die Möglichkeit besteht, exotische Pflanzen anzusiedeln, ist er überzeugt, dass man diese Möglichkeit unbedingt nützen muss. Angefangen hat er mit Zitrusgewächsen an seinem früheren Wohnort auf 800 Meter Höhe im Appenzellerland. Granatäpfel, Pfirsiche, Zitronen, Mandarinen, Kumquats und viele andere Fruchtbäumchen hat er über Jahre gehegt und gepflegt, und seit er in einem Projekt der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaft involviert ist, fühlt er sich bestärkt, die idealen Bedingungen auf seinem Hof zu nutzen, um mit einer grossen Pflanzenvielfalt zu arbeiten.
Mit einer ausgeklügelten Biodiversität, bei der sich Pflanzen gegenseitig vor Schädlingen schützen, verspricht sich Rochira herbizidfreie Anbauverfahren, die seinen Hof als Forschungspartner für Hochschulen interessant machen. «Ich will nicht grossflächig produzieren, viel lieber will ich mit einer grossen Pflanzenvielfalt erfolgreich sein», sagt er, und man merkt, dass ihm das Stillsitzen nicht liegt und er viel lieber Hand anlegt an Sachen, die für ihn Zukunft bedeuten.

Schafe, Hasen und Hennen
Ein besonderes Augenmerk setzt Rochira auf die Produktion von Kräutern. Seine Eltern haben sich mit der Firma Farmesan AG und den Produkten, welche nach der Lehre von Hildegard von Bingen hergestellt werden, einen marktführenden Namen geschaffen. Deshalb ist für den Absatz der Kräuter gesorgt. Auf der Gertau werden seit Jahrzehnten auch Spargeln angebaut. Dieses Jahr wurden 1,5 Tonnen geerntet, andere Jahre war es auch schon die doppelte Menge. Neben den Pflanzen verfolgt Tancredi Rochira aber auch bei Tieren eine erfolgversprechende Richtung. Mit einer vom Vorgänger übernommenen Schafherde von 18 Muttertieren und entsprechenden Jungtieren sowie einer Hasenzucht im Freilandgehege von heute 20 bis 30 Muttertieren und ungefähr fünfmal so vielen Jungtieren, sieht Rochira auch hier ein grosses Potenzial. Aber auch Masthennen tummeln sich auf der Gertau, wie auch eine Schar Gänse, die Gäste mit ihrem lauten Geschnatter willkommen heissen.

Fährmann und Tellerwäscher
Dass sich der studierte ABC-Waffenspezialist, der Baumeister, der sich sein bauliches Können bei seinen Facharbeitern angeeignet hat, nun seit eineinhalb Jahren in der Ausbildung zum Landwirt EFZ auf dem eigenen 16 Hektaren grossen Betrieb befindet, erstaunt nicht. «Diesen Beruf muss ich von der Pike auf lernen», stellt der Vierzigjährige nüchtern fest. In der Gertau sollen in wenigen Jahren zwischen 80 und 120 verschiedene Produkte produziert werden, wenn man die Kräuter, das Obst und das Fleisch zusammenzählt. Zudem sei der landwirtschaftliche Betrieb stark mit dem Restaurant verknüpft, wo dann auch die eigenen Produkte im Angebot stehen werden. Vom Vorgänger übernommen hat Rochira auch die Pensionspferde, wobei auch hier noch Ausbaumöglichkeiten bestehen. Diesen Winter will Silvia Rochira die Wirteprüfung absolvieren, damit auch hier die professionelle Grundlage vorhanden ist. Und wo sieht sich der umtriebige, zukünftige Bauer in zehn Jahren? «Die Angestellten sind das wichtigste Gut in einem Unternehmen. Wenn sie das Vertrauen und die Achtung des Vorgesetzten spüren, sind sie bereit, grosse Verantwortung zu übernehmen.» Zudem sei er überzeugt, dass sich seine Kulturen wie auch seine Ideen im Tierbereich gut umsetzen lassen und er später regelmässig den Fährdienst übernehmen könne, um mit den Besuchern zu plaudern, obschon er im Grunde genommen ein introvertierter Mensch sei und im Restaurant am liebsten als Tellerwäscher eingesetzt werde.


Ruth Bossert










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