Ausgabe Nummer 44 (2003)

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Vom Dialog zum Banalog

Mobiltelefonie: Segen oder doch eher Fluch?
 

Vom Dialog zum Banalog

 
Gewisse Signale alarmieren: Vor drei Jahren geschah der erste Todesfall. Ein Natelbenützer in Zürich schwatzte so intensiv in sein Kultding, dass er das nahende und laut klingelnde Tram nicht bemerkte. Er war sofort tot. Ein Autofahrer sauste mit 170 km/h über die deutsche Autobahn. Da summte sein Natel. Er erschrak. Nur kurz. Doch das kleine Zucken am Steuer genügte für Streifkollision und Totalschaden. Auf langen Bahnstrecken offerierten die SBB «Ruhewagen». Das ist verkehrt: Wir bräuchten pro Zug einen «Handy-Wagen». Dorthin gehören alle Piepser und Plapperer. In den normalen Wagen sässen dann die normalen Reisenden.
 
Das Telefon verfolgt uns
Handys und Internet mit ihrem Faszinosium «Fernschwatzen» öffnen Ungeahntes. «Sie können mit Millionen von Menschen kommunizieren!», heuchelt die Werbung. «Sie verpassen nichts! Sie sind in jeder Lebenslage jederzeit für jeden Menschen erreichbar! Sie sind omnipräsent!» Schöne Illusion! Sicher: Wir kommunizieren häufiger, schneller, weiter. Aber auch oberflächlicher, lockerer, informeller. Ich hörte mitten in einem Abdankungsgottesdienst ein Handy klingeln. Auch schon in einem Sinfoniekonzert.
Die selbst gekauften Nabelschnüre «nabeln» uns fest. Online heisst ja auch: an der Leine. Die Natel-Mentalität wurde Ausdruck eines falschen Kontroll- und Geborgenheitsbedürfnisses. Kommunikation beruht nämlich nicht auf jederzeitiger Erreichbarkeit. Gespräche brauchen Weg, Zeit, Einfühlungsvermögen, Behutsamkeit. «Hoi, Urs!», brüllt eine Stimme neben mir auf der Strasse. Ich drehe mich überrascht um. Ich heisse nicht Urs, bin aber auch nicht gemeint. Ein Natel-Mensch begrüsst den Kollegen.


«Innerhalb der letzten zehn Jahre verdoppelten sich die Telefongespräche»


Erreichbarkeitsfimmel
Ich erinnere mich noch, wie meine Mutter das klingelnde Wandkästchen abwimmelte: «Jetz nämed mers nöd ab! Mer sind am Ässe.» Probleme mit Nachbarn wurden auf der Strasse, beim Einkaufen, vor allem von Angesicht zu Angesicht angegangen. Heute telefonieren Menschen einander innerhalb des gleichen Hauses. Der Kollege arbeitet nur drei Zimmer weiter, auf der gleichen Etage. Er wird nicht schnell besucht, nicht gestört. Er bekommt ein Mail und entscheidet selbst, wann er es liest und beantwortet.
Telefone und elektronische Post sind billig und viel, viel schneller als der gute alte Brief. Telegramme sind gestorben. Fax-Botschaften überqueren in Sekunden Kontinente. Es existiert kein Ort, an dem sich nicht telefonieren liesse: auf Bergtouren, beim Rasenmähen, im Wartezimmer, WC, auf dem Velo … Selbst in der Kaffeerunde liegt ein Gerät zwischen den Tassen. Im Garten lauert der Tyrann im Gras neben dem Liegestuhl.

Ungeahnte Möglichkeiten
Innerhalb der letzten zehn Jahre verdoppelten sich die Telefongespräche. Schweden zählt 68 Apparate auf 100 Einwohner, die Schweiz 60, Indien 1. 70 Prozent der US-Einwohner hängen am Netz. Doppelt so viel wie 1996. Im Jahr 2000 wurden weltweit 520 Millionen Handys verkauft, in China jeden Monat 1 Million. Handys lernten schreiben. Das Verschicken von Tönen und Bildern folgt. Handys werden Nachrichten speichern, abschicken oder löschen. Benützer können Telefonnummern abrufen oder Einstellungen ändern. Radio und Fernsehen sind in kommenden Modellen eingebaut. Schliesslich werden auch preiswerte
Exemplare über Organizer-Funktionen verfügen: Kalender, Terminliste, Erinnerungssignale: «Morgen ist Hochzeitstag!»

Erste Priorität
Der klingelnde Zwerg erhält erstaunlicherweise immer erste Priorität. Wenn er sich meldet, enden alle Aktivitäten. Gespräche reissen ab. Werkzeuge werden weggelegt. Selbst Duschende hüpfen schnurstracks zum frechen Eindringling. Telefonieren wurde innert weniger Jahre Zwang, Sucht, Krankheit, Plage. «Gisch mer dänn no en Funk!», tönt es aus dem wegflitzenden Auto. Fachleute urteilen spitz: «Die Hälfte aller Telefonate ist unnötig!» E-Mails brachten einen Banalphabetismus.
Handys sind wertvolle Hilfe
Das Positive: Handys schaffen Mobilität und Flexibilität. Zweifellos. Sie sparen Zeit und lange Wege. Ein Anruf im kritischen Moment kann Leben retten. Dringend Gesuchte sind auffindbar. Heikle Themen fliessen am Apparat leicht über die Lippen. Telefonische Seelenhygiene mit einem wichtigen Menschen ist zehnmal billiger als die Therapiestunde beim Psychiater und hat oft dieselbe Wirkung. Per E-Mail können Zornige ungefiltert Dampf ablassen. Der moderne Arbeitsplatz ist überall. Spontane Treffen sind möglich: «Do ischs u-geil. Chömmed au!» Funken und Mailen ist fun.
Polizisten durchkämmten nachts die Umgebung eines Einbruchsortes. Plötzlich trompetete Rossinis «Wilhelm Tell»-Ouvertüre aus einem Gebüsch. Das Handy verriet den Dieb. Der Pensionierte telefoniert im Coop: «Ich schtand vor em Zahnpaschta-Gschtell. Weli wotsch jetzt?»

Flüchtige Kontakte
Die Spielzeuge taugen nicht für vertiefte Botschaften. Flirten am Telefon oder PC geht elegant unverbindlich. Eine fundierte Liebe dagegen braucht Begegnungen, Aug-in-Aug-Gespräche, Berührungen, Küsse. Erst persönliche Treffen bringen fünfsinnige Tiefenlebnisse. Kein Mausklick ersetzt den Handschlag. In zehn Minuten direkter Begegnung erfahre ich mehr über einen Fremden als in drei Wochen Mail-Verkehr. Der Telefonsex zeigt, in welche Sackgasse die totale Kabelanonymität führt: «Du bist nie allein! Frau befriedigt dich!»
Der erste Begeisterungslack ist längstens ab. Die Produzenten prophezeiten anfänglich das Zeitsparen. Es blieb Illusion. Die Zauberdinge liefern Stress, eine neue Dringlichkeit. Viele Besitzer kennen kaum mehr ruhige Stunden. Das unangenehme Gefühl verstärkt sich, ständig andern zur Verfügung stehen zu müssen. Weil Botschaften in Sekundenschnelle am Ziel ankommen, erwarten alle Sender schnelle Antworten. Diese Zwänge prägen Denken, Reden, Schreiben, Inhalt, Stil, Orthografie. Schnelligkeit ist wichtiger als Korrektheit. Das superleichte Kontakten wird Last, der User gehetzte Sende- und Empfangsstation.

Plapperstopp
Klatsch gibt Kitt. Irgendwie geniessen es die Leute, fröhlich und hemmungslos draufloszuplappern: «Ich quatsche, also bin ich!» In Ordnung. Doch es gibt Grenzen! Schon werden Kurse für Internetsüchtige offeriert. Erste Fälle von Technikwahnsinn oder Technikvereinsamung benötigen psychiatrische Hilfe. Bereits jeder vierte Computer wird angebrüllt, geschlagen und misshandelt. Wer nachtstundenlang im WWW surft, hat Beziehungsprobleme. Wer um 3 Uhr aufsteht, schnell die Toilette besucht, dann aber die längste Zeit den elektronischen Briefkasten ordnet, ist süchtig. Die Polizei stoppte einen zickzackfahrenden Fahrer: Er telefonierte gleichzeitig an zwei Handys und bediente das Lenkrad mit den Ellbogen.
Informationsflut, stopp! Korrekturen sind dringend. Ich lass mich nicht ausnutzen, verbraten, stressen. Nicht von Menschen und schon gar nicht von Maschinen. Ich vermeide Extreme. Ich will nicht nervenkrank werden. Ich wünsche Inhalte, nicht Blabla. Handy und E-Mail stehen mir zu Diensten, nicht umgekehrt. Ich will leben, nicht gelebt werden! Auch Humor über Auswüchse des Plapper-Zeitalters kann lockern. Etwa die neue Bauernregel: «Wenn das Natel piepst und schreit, ist ein Hohlkopf gar nicht weit!»

Walter Ritter
 
 
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