Ausgabe Nummer 13 (2008)
Von der Lochkarte zur Aktiengesellschaft
Seit über dreissig Jahre setzt sich Gottfried Thomi für Agrotreuhand Thurgau ein
Gottfried Thomi trat im Januar 1977 die Stelle in der damaligen Thurgauischen Landwirtschaftlichen Buchstelle (TLB) an. Als Geschäftsführer hat er die Umstrukturierung der damals staatlich subventionierten TLB zur heute finanziell unabhängigen Aktiengesellschaft Agrotreuhand Thurgau (ATT) massgeblich und mit viel Engagement mitgestaltet. Der «Thurgauer Bauer» sprach mit ihm über die vergangenen dreissig Jahre.Thurgauer Bauer: Wie kam es, dass Sie bei der damaligen Landwirtschaftlichen Buchstelle zu arbeiten begannen?
Gottfried Thomi: Ich machte eine landwirtschaftliche Ausbildung und absolvierte anschliessend die Meisterprüfung. Nach meiner Ausbildung wurde das Land des Pachtbetriebs meiner Eltern umgezont und zur Überbauung freigegeben. Meine Eltern und meine Geschwister wanderten nach Kanada aus. Ich blieb in der Schweiz und musste mir eine neue Existenzgrundlage aufbauen. Deshalb machte ich eine kaufmännische Ausbildung. Nach meinem Abschluss begann ich 1977 als zweiter Mitarbeiter bei der damaligen Thurgauischen Landwirtschaftlichen Buchstelle zu arbeiten und bin dort bis heute geblieben. Die ersten zehn Jahre war ich als Sachbearbeiter tätig, die letzten zwanzig Jahre als Geschäftsführer.
Was waren die bedeutendsten Veränderungen in dieser Zeit?
Die grösste Änderung war 1993, als die Aufzeichnungspflicht von Selbstständigerwerbenden eingeführt wurde. Nun mussten auch Landwirte über den eigenen Betrieb Buchhaltung führen. Zudem erhielten wir keine staatlichen Fördermittel mehr. Das war für uns eine Zeit des Aufbruchs und der Umgestaltung unserer Unternehmung. Wir mussten uns die Frage stellen, ob und wie wir uns zu einem modernen Treuhandunternehmen entwickeln wollen. Wir boten Landwirten Informationsveranstaltungen und Einführungskurse in die Steuerbuchhaltung an. Aus heutiger Sicht eine gute Entscheidung, denn so haben wir uns zum bedeutendsten Treuhandunternehmen der Landwirtschaft im Kanton Thurgau entwickelt.
2000 wurde die Thurgauische landwirtschaftliche Buchstelle in AgroTreuhand Thurgau umgewandelt. Da die Vereinsstruktur den neuen Umständen nicht mehr angepasst war, suchten wir eine andere Form. ATT ist eine Aktiengesellschaft. Das Besondere daran ist, dass unsere Kunden gleichzeitig Aktienbesitzer sind. Deshalb wird die ATT wie eine Non- Profit-Organisation geführt.Wir möchten unseren Kunden professionelle Dienstleistungen zu guten Konditionen anbieten und unseren Angestellten einen angemessenen Lohn auszahlen. Gewinn und Dividendenausschüttung sind zweitrangig.
Was änderte sich betreffend Arbeitstechnik?
In meinen Anfangszeiten arbeiteten wir mit EDV-gestützten Lochkarten. In Brugg stand ein zentraler Computer.Wir füllten Kassenblätter aus und sendeten diese per Post nach Brugg. Dort übertrugen Mitarbeiter diese auf Lochkarten und retournierten uns das Korrekturformular. Wir überprüften dieses und schickten es wieder nach Brugg.Wenn etwas nicht stimmte, wurden die Daten hin- und hergesendet, bis alles korrekt war. Mitte der Achtzigerjahre stand der erste Kleincomputer in unserem Büro.
Wie wirkt sich der Strukturwandel in der Landwirtschaft auf Agrotreuhand Thurgau aus?
Obwohl die Anzahl Landwirte zurückgeht, konnten wir die Anzahl Kunden behalten. Das haben wir erreicht, indem wir unsere Angebotspalette vergrössert haben. Heute bieten wir Leistungen im Bereich Buchhaltung, Beratung und Steuern an. Zusätzlich haben wir uns auf Hofinformatik inklusive Installation und Wartung spezialisiert. Zudem konnten wir einige Kunden aus dem Bereich KMU gewinnen, die meisten sind, wie in der Landwirtschaft, auch Einzelunternehmen. Heute beschäftigen wir 19 Mitarbeiter in Vollund Teilzeit, dies entspricht etwa 13 Vollzeitstellen. Unsere Mitarbeiter sind hauptsächlich agronomisch ausgebildet. An der Fachhochschule lernen sie das betriebswirtschaftliche Beratungshandwerk. Wenn sie bei uns zu arbeiten beginnen, führen wir sie intern in den Bereich Treuhand ein.
Welches waren Ihre grössten Herausforderungen?
Eine der grössten Herausforderungen für ATT war die Einführung des Steuertreuhandes 1993, eine grundsätzliche Neuerung des Steuerrechtes für die Landwirtschaft. Unsere Kunden schimpften, da sie Belege und Kontoauszüge auf dem Estrich suchen gehen mussten. Die Einbilanzierung machte im Moment für unsere Kunden wenig Sinn, doch im Nachhinein hat sich gezeigt, dass es aus steuerlicher Sicht wichtig war.
Was haben Sie für Zukunftspläne?
Ich bin jetzt 55 und denke noch nicht ans Aufhören. Wichtig ist mir, die Zukunft von ATT zu sichern. Die Firma sollte nicht zu stark personenabhängig und gut gerüstet für den Wandel in der Landwirtschaft sein. Ein Schritt in diese Richtung ist unsere ISO-9001:2000-Zertifizierung, ein Qualitätsnachweis für kundenorientierte und systematisch geführte Unternehmen. Ganz allgemein kann ich sagen, dass es für mich ein Glück ist, dass die grossen Veränderungen in der Landwirtschaft in meine Zeit gefallen sind. Da wir gut in den bäuerlichen Strukturen verankert waren und mir viele langjährige und treue Mitarbeiter tatkräftig zur Seite gestanden sind, haben wir das Ziel erreicht, eine unabhängige Firma mit einem gesunden Eigenkapitalpolster zu bilden.
Vielen Dank für Ihr spannendes Interview und alles Gute für die Zukunft!
Ursina Hulmann Kehl
Agrotreuhand Thurgau
Die landwirtschaftliche Produktion veränderte sich in den Nachkriegsjahren stark. Um die Leistung der landwirtschaftlichen Betriebe zu optimieren, entwickelten seinerzeit die Professoren Howald und Lauer an der ETH Zürich die Kontenplanstruktur für die «Bruggerbuchhaltung », welche den Bauern helfen sollte, ihr betriebwirtschaftliches Rechnungswesen zu vereinfachen. In Brugg wurde eine landwirtschaftliche Buchstelle gegründet, die die Landwirte bei der Umsetzung der Buchhaltung unterstützte. In den Siebzigerjahren hatte diese zuwenig Kapazität, um alle Anfragen abzudecken. So sind die kantonalen Buchstellen entstanden, die Thurgauische Landwirtschaftliche Buchstelle wurde 1975 gegründet. Steuerfragen wurden zu diesem Zeitpunkt in der landwirtschaftlichen Buchstelle bewusst nicht bearbeitet. Im Jahr 2000 wurde die Thurgauische Landwirtschaftliche Buchstelle in die unabhängige Aktiengesellschaft AgroTreuhand Thurgau (ATT) umgewandelt. Die Mehrheit der Aktien ist im Besitz der Kunden. Ihre Hauptkunden sind aus dem bäuerlichen Umfeld, ein kleiner Teil sind KMU. Die Zusammenarbeit mit dem Thurgauer Bauernverband ist eng, Gottfried Thomi steht als Fachberater für finanz- und steuerpolitische Fragen zur Verfügung. Seit 2000 ist der Thurgauer Bauernverband symbolisch am Aktienpaket der Agrotreuhand Thurgau beteiligt. (uhu)

Seit über dreissig Jahren setzt sich Gottfried Thomi mit viel Engagement für Agrotreuhand Thurgau ein. (zVg)
