Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
12. Juli 2019


Vorsorge für junge Bauernfamilien nach der Hofübernahme ist wichtig

Ausgabe Nummer 4 (2019)

Wenn junge Bauernfamilien einen Betrieb übernehmen und führen, tragen sie hohe finanzielle Risiken. Manchmal wird nach der Hofübernahme der Betrieb neu ausgerichtet oder weitere Betriebszweige werden eröffnet. Auch diese Massnahmen sind mit Investitionen verbunden, sodass in manchen Fällen eine Verschuldung mit Hypotheken bis zur Belastungsgrenze vorhanden sind und zusätzlich mit privaten Darlehen Projekte finanziert werden.

Die Betriebsübernahme fällt oft auch in die Zeit der Familiengründung. Es sind Kinder da und der bisherige Nebenerwerb fällt weg. Neben der bereits hohen Belastung durch Zinsen und Tilgungen geht das Gesamteinkommen zurück. Trotzdem und gerade in dieser Lebensphase ist eine ausreichende Vorsorge für Krankheit, Unfall, Invalidität und Todesfall enorm wichtig.

Versicherungsschutz nach der Hofübername erhöhen
Eine Hofübergabe bedeutet, sich mit vielen Versicherungsfragen auseinanderzusetzen. Da die Thematik sehr komplex ist, wird empfohlen, die Unterstützung eines Versicherungsberaters beizuziehen.

Warum ist eine Überprüfung und Anpassung des Versicherungsschutzes wichtig?
Unterschiedliche Situationen zwischen Hofübernehmer und Hofabtreter.
Sowohl die Risikosituation als auch die Risikofähigkeit unterscheiden sich deutlich zwischen der übernehmenden und der abtretenden Generation. Beim Hofübernehmer steht der Risikoschutz für Invalidität und Tod im Vordergrund, insbesondere auch aufgrund des Umstandes, dass noch keine finanziellen Polster vorhanden sind. Beim Hofabtreter geht es um die Finanzierung eines würdigen Ruhestandes.

Versicherungspolicen und Gesetz
Bei einer Hofübergabe gelangen versicherungsvertragliche Bestimmungen (zum Beispiel Informationspflichten des Versicherten gegenüber seinem Versicherer bei geänderten Verhältnissen) sowie gesetzliche Vorschriften zur Anwendung. Ist man sich dieser Bestimmungen beziehungsweise Vorschriften nicht bewusst, kann dies im Schadenfall unangenehme Folgen haben.

Personenversicherungen des Hofübernehmers und seiner Familie
Im Vordergrund stehen grundsätzlich der Aufbau eines bedarfsgerechten Risikoschutzes für die Betriebsleiterfamilie und die Absicherung des Landwirtschaftsbetriebes, damit dieser nach einem Schicksalsschlag in der Familie gehalten werden kann.
Wird vor beziehungsweise nach der Hofübergabe gleichzeitig auch eine unselbstständige Teilerwerbstätigkeit ausserhalb des Landwirtschaftsbetriebes ausgeübt, besteht eventuell ein gut ausgebauter obligatorischer Sozialversicherungsschutz. Diesem Umstand muss beim Aufbau des Versicherungsschutzes Rechnung getragen werden.
Ist der Zeitpunkt der Hofübergabe mit dem Zeitpunkt der Familiengründung verbunden und reduziert die Bäuerin ihre auswärtige Erwerbstätigkeit oder gibt sie diese ganz auf, ist die Aufteilung des landwirtschaftlichen Einkommens unter den Ehegatten zu thematisieren.
Konkret sind folgende Massnahmen für Betriebsleiter und Ehepartner zu treffen bzw. zu überprüfen:
− In der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (Krankenkasse)
   ist das Unfallrisiko einzuschliessen. Nur wer mindestens 8 Stunden
   pro Woche bei einem Arbeitgeber angestellt ist, kann das
   Unfallrisiko in der Grundversicherung ausschliessen
   (Prämienersparnis).
− Ausreichend hohe Taggeldversicherungen, um bei einer
   Arbeitsunfähigkeit die Kosten einer Ersatzarbeitskraft decken 
   zu können.
− Invaliditäts- und Todesfallleistungen: Für die Übernehmerfamilie
   ist es wichtig, dass im Falle eines Schicksalsschlages einerseits das
   bisherige Lebensniveau weitergeführt werden kann (Absicherung
   des sogenannten Versorgerschadens) und andererseits die
   Übernahmewerte abgesichert sind. Die Absicherung der
   Übernahmewerte und Investitionen gewinnt gerade bei grösseren
   Betrieben an Bedeutung, damit der Hof in der Familie gehalten
   werden kann und nicht zwangsweise an Dritte veräussert werden
   muss.
Inwiefern der Aufbau einer Altersvorsorge in diesem Moment Sinn macht, ist im Einzelfall zu prüfen. Es gilt der Grundsatz «Risiko vor Sparen». In der Regel werden die verfügbaren Mittel in den Aufbau von Betrieb und Familie investiert, womit auch das steuerbare Einkommen ohne steuerlich privilegierte Sparbeiträge im Griff behalten werden kann. Zudem ist zu beachten, dass die Guthaben der zweiten und dritten Säule für betriebliche Investitionen nur sehr begrenzt zur Verfügung stehen und man sich der langen Gebundenheit dieser Mittel bewusst sein muss.

Daniel Keller, Leiter Versicherungen
Verband Thurgauer Landwirtschaft


Sinnvolle Vorsorge, wenn die finanziellen Mittel knapp sind.
Der Aufbau einer angepassten Vorsorge ist für junge Bauernfamilien nach der Hofübernahme eine grosse Herausforderung.
Wenn der junge Landwirt wegen Unfall längere Zeit ausfällt, fallen für Betriebshelfer rasch Kosten von Fr. 6000.– bis 10 000.– pro Monat an.
Kostspielig ist auch der Ausfall der Bäuerin, insbesondere, wenn kleine Kinder da sind. Bei längerdauerndem Ausfall ist die Familie auf die Mithilfe von Angestellten angewiesen. Auch hier können Kosten von Fr. 5000.– bis 9000.– pro Monat anfallen. Solche Ausgaben übersteigen das Budget von jungen Bauernfamilien. Deshalb ist es sehr wichtig, diese Risiken durch eine Versicherung abzudecken. Gesucht sind deshalb Lösungen, wo für wenig Prämie viel Leistung im Bereich Invalidität und Todesfall versichert werden kann. Um dieses Ziel zu erreichen, sind reine Risikoversicherungen für den Invaliditätsund Todesfall die beste Lösung. Gemischte Lebensversicherungen sind weniger geeignet, weil sie Risikoleistungen bei Invalidität und Todesfall mit einem Alterssparen kombinieren und deshalb mehr kosten.

Geld für das Notwendige ausgeben
In der Finanzstrategie müssen Bauernfamilien nach der Hofübernahme klare Prioritäten setzen. Die zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel müssen gut eingeteilt und klar priorisiert werden. Dazu kann folgende Reihenfolge zur Verwendung der Mittel hilfreich sein:
1. Angemessener Lebensunterhalt der Familien
2. Dringend notwendiger Ersatz von Maschinen und Geräten sowie
    Unterhalt von Gebäude und Einrichtungen
3. Obligatorische Tilgungen
4. Prämien für Taggeldversicherung, Invaliditäts- und Todesfallvorsorge
5. Freiwillige Tilgungen
6. Zukunftsgerichtete Investitionen in Maschinen und Liegenschaften
7. Reserven für Unvorhergesehenes und Investitionen
8. Freiwillige Altersvorsorge, Alterssparen

Zur Verfügung stehende Mittel richtig beurteilen
Ob genügend finanzielle Mittel zur Verfügung stehen, lässt sich nicht alleine am Betriebseinkommen erkennen. In der Buchhaltung werden auch Erträge und Aufwände berücksichtigt, welche keine Einnahmen und Ausgaben von finanziellen Mitteln zur Folge haben. Zum Beispiel Abschreibungen, der Bezug von Naturalleistungen, der Eigenmietwert, aber auch Privatanteile an Auto- oder Stromkosten. Der Abschreibungsbetrag steht zum Beispiel für Tilgungen und Ersatzanschaffungen zur Verfügung. Wie viel Mittel dem Betrieb zur Verfügung stehen, zeigt die Geldfussrechnung im Buchhaltungsabschluss.

Beispiel:
Der Landwirtschaftsbetrieb von Familie Muster weist nach der Hofübernahme und Investitionen ein tiefes Einkommen von nur Fr. 50 000.– aus. Der Familienverbrauch liegt bei Fr. 60 000.–. Die Familie Muster hat Offerten für Vorsorge-Risikoversicherungen im Wert von Fr. 4000.– vor sich und möchte wissen, ob sie sich das leisten kann.

Ein Blick in die Geldflussrechnung zeigt Folgendes: (Grafik im Bild) 

In diesem Beispiel kann die Versicherungsprämie von Fr. 4000.– pro Jahr finanziert werden. Diese Mehrausgabe steigert den Privatgebrauch um Fr. 4000.– pro Jahr oder kann je nach Lösung teilweise als Betriebsaufwand verbucht werden.

Situation bezüglich Vorsorge bei Konkubinatspaaren
Ehepartner sind bei der staatlichen Vorsorge der 1. und 2. Säule gegenseitig abgesichert. Dies ist insbesondere für die Leistungen im Todesfall und Alter der Fall. Bei Konkubinatspaaren fehlt dieser obligatorische Schutz. Dies ist vor allem für denjenigen Partner ein Nachteil, welcher ohne Lohn im Betrieb mithilft oder die Familienarbeit leistet. Stirbt der Partner, gibt es keine Witwen- oder Witwerrente. Bei Konkubinatspaaren muss der private Versicherungsschutz deshalb die fehlenden Leistungen der 1. Säule zusätzlich decken. Idealerweise erhält der mitarbeitende Konkubinatspartner oder die mitarbeitende Konkubinatspartnerin einen Lohn, wie dieser für Angestellte üblich ist. Damit wird die Vorsorge durch die 1. und 2. Säule verbessert. Der Betrieb trägt in diesem Fall einen Teil der Kosten im Rahmen der Arbeitgeberprämien.

Wie weiter nach einem Todesfall?
Nach einem Todesfall müssen oft unter Zeitdruck Lösungen für den Betrieb oder die Kinderbetreuung gefunden werden. Mit dem Betriebshelferdienst des MBR-Thurgau und der Hauspflege des Thurgauer Landfrauenverbandes stehen kompetente und hilfsbereite Organisationen zur Verfügung, welche rasch Personal für den Landwirtschaftsbetrieb oder den bäuerlichen Haushalt zur Verfügung stellen können. Für die Familie stellen sich erbrechtliche Fragen, die gelöst werden müssen. Bei landwirtschaftlichen Gewerben spielt das bäuerliche Bodenrecht eine Rolle. Wenn Kinder da sind, darf der Betrieb nicht einfach verkauft werden. Beim Tod des Betriebsleiters muss durch eine Todesfallversicherung die Weiterführung des Betriebs für ein halbes bis ein Jahr sichergestellt werden. Zusätzlich ist der Lebensunterhalt der Familie in Ergänzung zur Hinterlassenenversicherung der AHV sicherzustellen.

Die Folgen von Invalidität
Invalidität kann körperliche oder geistige Ursachen haben und durch Unfall oder Krankheit ausgelöst werden. Im Gegensatz zum Todesfall ist nach einem Unfall oder zu Beginn einer Krankheit nicht klar, welches die längerfristigen Folgen sind. Entsprechend können lange Zeit keine klaren Entscheide über die Weiterführung des Betriebs getroffen werden. Die wichtigsten Fragen bleiben ähnlich wie im Todesfall: Welche Arbeitskraft kann ich für den Betrieb anstellen? Wie sind die Betreuung der Kinder und die Haushaltführung zu organisieren?
In vielen Fällen können die Betroffenen noch selber die wichtigen Entscheidungen treffen oder Führungsaufgaben übernehmen. Wenn die langfristigen Folgen klar sind, kann der Betrieb neu ausgerichtet werden. Bis dies möglich ist, dauert es oft mehr als ein Jahr. In dieser Zeit ist eine Taggeldverischerung geeignet, die Mehrkosten für Aushilfskräfte zu finanzieren. Mit einer Invalidenrente wird anschliessend der längerfristige Lebensunterhalt in Ergänzung zur staatlichen Invalidenversicherung sichergestellt. Daneben müssen die finanziellen Verpflichtungen des Betriebs beachtet werden. Gerade nach grossen Investitionen in Gebäude und Anlagen ist es nicht immer möglich, den Betrieb zu reduzieren.


Adrian von Grünigen
BBZ Arenenberg













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