Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
19. Januar 2018


Waldschäden durch den Gewittersturm erhöhen die Borkenkäfergefahr

Ausgabe Nummer 33 (2017)

Der Gewittersturm in der Nacht vom 1. auf den 2. August verursachte im Nordwesten des Kantons Thurgau erhebliche Schäden. Nebst der Landwirtschaft wurde der Wald stark getroffen; nun begünstigen die Sturmschäden die Entwicklung der Borkenkäfer, sodass noch grösseres Unheil befürchtet wird.

Das Forstamt Thurgau lud am Dienstag, 15. August, zur Medienorientierung im Forstrevier Seerücken, oberhalb Nussbaumen (Underi Gmaandrüüti/Obere Schoomet) ein, um über die erhöhte Borkenkäfergefahr und nötigen Präventionsmassnahmen zu informieren.
Ulrich Ulmer, Kreisforstingenieur Forstkreis 3, lieferte eingangs Fakten und Zahlen zu Sturmschäden und Borkenkäfern. Er sagte, die Schäden im Waldgebiet zwischen Neunforn und dem Untersee seien beträchtlich. Schätzungen zufolge seien es über 15 000 Kubikmeter Schadholz. Dies entspreche im Forstkreis 3 etwa rund der Hälfte der Holzernte der Vorjahre. Es ist der grösste Sturmschaden im Thurgauer Wald seit dem Orkan Lothar 1999. Rund die Hälfte der Schadholzmenge, also circa 8000 Kubikmeter, ist Fichte (Rottanne). Ulrich Ulmer sagte, dass sich der Borkenkäfer bereits 2015 und 2016 stark vermehren konnte. Der trockene und warme März und der heisse Juni 2017 verschärften die Situation, sodass man mit einer Zunahme des Borkenkäferbefalls rechnete. Besonders gravierend ist nun, dass der Gewittersturm die Schäden mitten im Sommer verursachte. Mit der grossen Menge geworfener oder gebrochener Fichten verschärfte sich die Situation weiter.

Alle sind gefordert
Es herrscht nun eine Ausnahmesituation für die betroffenen Waldeigentümer, aber auch für die Revierförster, da die Waldschäden mitten in den Sommerferien und den warmen Temperaturen entstanden. Positiv sei, dass das Ereignis relativ lokal und in der Fläche begrenzt ist. Ulrich Ulmer schilderte die notwendigen Massnahmen: «Dazu gehört ‹fängisches› Fichtenholz (Brutmaterial), dieses muss aus dem Wald abtransportiert werden. Revierförster, Forstbetriebe, Waldeigentümer sind gefordert.» Urs Haag, Präsident der Bürgergemeinde Hüttwilen (Waldbesitzerin von rund 100 ha Wald), zeigte vor Ort am «Obere Schoomet», wie gravierend die flächigen Schäden sind. Diese betreffen vor allem mittelalte Bestände und bedeuten grosse Verluste, Pflanzung und Pflege müssen wieder bei Null beginnen. Die Streuschäden sind ebenfalls enorm. Sie bedeuten eine Vorratsreduktion; wertvolle Bäume sind zerstört damit ist ein grosser Wertverlust entstanden. In der Vergangenheit, vor rund vier Jahrzehnten, konnte die Bürgergemeinde mit dem Wald finanzielle Ressourcen aufbauen. Sie habe noch etwas Substanz, um ein solches Schadensjahr aufzufangen. Aber mit den Sturmschäden wurde eine Dauerkultur zerstört, was auch ein emotional aufwühlendes Ereignis sei, wenn man die gravierenden Schäden vor Augen hat.

Aufrüsten von Fichtenholz hat Priorität
«Das Holz kann nicht zum optimalen Zeitpunkt und grössten Wert (Durchmesser) geerntet werden. Wir stellen uns schon die Frage, wer künftig den Wald noch bewirtschaften und pflegen wird», so Urs Haag. Robert Schönholzer, zuständiger Revierförster des Forstreviers Seerücken, welches 1088 ha Wald umfasst und von zwei Revierförstern betreut wird sagte, dass dieses Revier vom Gewittersturm besonders stark getroffen wurde. Die Schadholzmengen werden auf 7000 bis 8000 Kubikmeter geschätzt. Das ist mehr Holz, als in den letzten Jahren im Revier pro Jahr regulär geerntet wurde. Es gibt grossflächige Schäden, insbesondere aber auch viele Streuschäden über den ganzen Wald verteilt.
Rund die Hälfte des geworfenen Holzes ist Fichtenholz, welches optimales Brutmaterial für den Borkenkäfer darstellt. Robert Schönholzer schilderte die stark gestiegenen Monitoring-Käferzahlen, die allein von 2016 auf 2017 um den Faktor 3 anstiegen: «Forstreviere und -betriebe sind jetzt stark gefordert. » Einerseits galt es, unmittelbar nach dem Sturm vor allem in Siedlungsgebieten und Waldstrassen Aufräumarbeiten vorzunehmen und Sturmholz aufzurüsten. «Das Aufrüsten von Fichtenholz hat oberste Priorität.» Die anderen Baumarten seien nicht betroffen und könnten auch später noch aufgeräumt werden. «Gesunde Fichten müssen zudem betreffend Borkenkäferbefall im Auge behalten werden. Allen Waldeigentümern empfehlen wir, ihre Fichten gut zu beobachten».

Folgeschäden verhindern
Robert Schönholzer betonte, dass bei allen Arbeiten im Wald der Arbeitssicherheit oberste Priorität eingeräumt wird. Das Forstrevier Seerücken hatte nach den Sturmschäden alle Waldbesitzer angeschrieben und auf Arbeitssicherheit und Unfallvermeidung hingewiesen. Dabei bot das Forstrevier Unterstützung für die Organisation und Ausführung der Arbeiten, den Holzverkauf usw., an. Es werde einige Monate dauern, bis alle Arbeiten ausgeführt sind. «Daher ist vorübergehend mehr Vorsicht beim Aufenthalt im Wald nötig, insbesondere bei Wind», betonte der Revierförster.
Daniel Böhi, Kantonsforstingenieur, erörterte die Rolle des Kantons und des Forstdienstes: Der Forstdienst ist präsent und hat den Überblick. Das Forstamt hatte bereits Anfang Juli zu einer ersten Gesprächsrunde eingeladen, um die Borkenkäfersituation zu analysieren. «Förster und Waldeigentümer sind sensibilisiert; es gilt, erhöhte Aufmerksamkeit bezüglich Käfer im ganzen Kanton zu wahren. Nach dem Sturm müssen die Revierförster, welche vor Ort Massnahmen koordinieren, unterstützt werden. Jene Forstschutzmassnahmen, die Probleme begrenzen helfen, sollen finanziell * unterstützt, beziehungsweise Folgeschäden möglichst verhindert werden», so Daniel Böhi. Erfahrungsgemäss bringt jeder Sturm eine Käferkalarmität (Massenaufkommen) mit sich. Nachdem die Lage schon kritisch war, erhält sie nun lokal noch zusätzlich Brisanz.
(* Per Regierungsratsbeschluss wurden zwischenzeitlich vom Kanton 100 000 Franken für die Borkenkäferbekämpfung, wie erwähnt: Beiträge an rechtzeitiges Hacken von Giebelmaterial, Zwischentransporte aus Wald und falls nötig das Entrinden, gesprochen.)


Isabelle Schwander






















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