Ausgabe Nummer 44 (2003)

zurück zur Übersicht

Warnung vor Verlust von Kulturland

Der Thurgauer Bauernverband nimmt Stellung zum Verkehrsrichtplan
 

Warnung vor Verlust von Kulturland

 
Der Thurgauer Bauernverband hat den Entwurf zum neuen Verkehrsrichtplan des Kantons Thurgau in seinen Gremien eingehend diskutiert und hat sich gegenüber den Behörden in einer Eingabe wie folgt geäussert:
 
Die Standpunkte des Thurgauer Bauernverbandes können wie folgt zusammengefasst werden:
Der Thurgauer Bauernverband anerkennt, dass der Thurgau für eine gesunde wirtschaftliche Entwicklung eine gute Anbindung an das nationale Strassennetz und damit an die umliegenden Wirtschaftszentren braucht.
Es darf nicht sein, dass einzelnen Landwirtschaftsbetrieben und der Thurgauer Landwirtschaft als Ganzes durch Kulturlandentzug für Strassenbau die zukünftige strukturelle und wirtschaftliche Entwicklung noch zusätzlich erschwert wird.
Der Thurgauer Bauernverband setzt sich für Kulturland schonende Linienführungen beim Strassenbau ein. Dem Ausbau von bestehenden Strassen ist dabei besondere Beachtung zu schenken.
Der Thurgauer Bauernverband fordert, dass eine verbindliche Gesamtplanung des zukünftigen Thurgauer Strassennetzes vorgenommen und zügig realisiert wird.

Der kantonale Richtplan, Kapitel Verkehr, berührt unseren Verband und die Bauernfamilien in ganz besonderem Masse. Die Landwirtschaft kämpft im Zuge der Agrarreformen 2002 und nun 2007 mit beträchtlichen Strukturveränderungen und Strukturanpassungen in allen Bereichen. Dieser Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen. Bei allem Verständnis für die Anliegen des Verkehrs, ist der Aus- und Neubau von Strassen für die Landwirtschaft mit grossen Fragezeichen behaftet. Neue Strassen bedeuten den Entzug von kostbarem Kulturland aus der landwirtschaftlichen Produktion – und dies in einer Grössenordnung von mehreren Familienbetrieben. Dies ist gerade in der heutigen Zeit, in der ein ökonomisch und sozial verträglicher Strukturwandel stattfinden können sollte, sehr problematisch. Zu erwarten ist auch, dass die schon hohen Kulturlandpreise durch die Verknappung steigen werden und somit der Kostendruck noch zunimmt. Es darf nicht sein, dass Familienbetrieben die zukünftige Entwicklung verbaut wird oder gar die Existenz durch den Strassenbau gefährdet wird, weil dem Betrieb Produktionsgrundlagen entzogen werden. Werden Parzellen verschnitten oder das Kulturland eines Betriebes durch eine Strasse voneinander getrennt, so erschwert dies die Bewirtschaftung oder verhindert sogar eine Beweidung. Betroffenen Betrieben muss eine zukunftsorientierte und tragbare Lösung angeboten werden. Dazu gehört auch, dass Beeinträchtigungen der wirtschaftlichen Situation der Betriebe grosszügig durch den Kanton kompensiert werden. Dabei geht es zum einen um den Realersatz, zum andern ist aber auch zu berücksichtigen, dass solche Vorhaben für die Bauernfamilien Umtriebe bedeuten und sie sich eventuell von Land trennen müssen, zu dem sie eine starke emotionale Bindung haben, da dieses schon über Generationen von der Familie bewirtschaftet und gepflegt wird.
Der Thurgauer Bauernverband anerkennt, dass der Thurgau an das nationale und internationale Strassennetz und damit an die umliegenden Wirtschaftszentren eine gute Anbindung braucht, damit eine wirtschaftliche Entwicklung möglich ist. Die Landwirtschaft als Teil der Thurgauer Wirtschaft unterstützt die Bestrebungen, die zu einer Stärkung der Thurgauer Wirtschaft beitragen. In diesem Sinne unterstützen wir im Grundsatz auch den Bau von neuen Strassen mit den genannten Vorbehalten.
Der Thurgauer Bauernverband fordert, dass eine verbindliche Gesamtplanung des zukünftigen Strassennetzes für den Kanton Thurgau vorgenommen und zügig realisiert wird. Unter verbindlicher Gesamtplanung verstehen wir eine nachvollziehbare Analyse (Fakten) der Situation mit mindestens zwei bis drei Varianten, die mit den entsprechenden Argumenten und Kosten versehen sind. Es ist an der Zeit, dass nachvollziehbar argumentiert wird und in echten Varianten Kosten und Nutzen analysiert und konkret festgelegt wird, wo welche Strasse durchzuführen ist. All das soll auf einer Leitvorstellung basieren, was im Raum Oberthurgau – als geografische Randlage – für eine Entwicklung überhaupt sinnvoll und wünschbar ist. Als Wirtschaftsverband postulieren wir immer wieder günstige Rahmenbedingungen. Dazu gehört auch ein kostengünstiges Strassennetz mit tiefen Amortisations- und Unterhaltskosten. Es ist an der Zeit, dass konkret festgelegt wird, wo welche Strasse durchführt oder nicht. Die Unsicherheit, welche diesbezüglich schon über Jahre besteht, ist nicht länger zumutbar. Die Bauernfamilien, welche betroffen sind, müssen nun endlich verlässliche Grundlagen haben, um die Zukunft ihrer Betriebe zu planen. Es geht zum Beispiel nicht an, dass man sie länger im Ungewissen lässt, ob ausgeschiedenes Landwirtschaftsland nun überbaut wird oder nicht.
Wenn Verkehrsanbindungen mit durchgehender, direkter Strassenführung realisiert werden, so muss diese Linienführung Kulturland schonend vorgenommen werden. Es sollen möglichst viele neue Strassen in Waldgebiete gelegt werden. Gutes Kulturland muss zu Lasten von weniger gutem geschont werden. Ausgleichsflächen müssen vermieden oder dürfen nur dort angelegt werden, wo nicht zusätzliches Kulturland geopfert werden muss. Auch ist zu prüfen, ob es Strassen gibt, die aufgehoben werden können.
Bei den angestrebten Lösungen ist darauf zu achten, dass möglichst wenig vom knappen Gut Kulturland für Strassen verbraucht wird. Deshalb ist dem Ausbau von bestehenden Strassen besondere Beachtung zu schenken. Das Kulturland ist der wichtigste Produktionsfaktor für die Landwirtschaft und ein Kulturgut, das nicht erneuerbar ist und demzufolge weiterhin nachhaltig zu pflegen und zu erhalten ist. Die Landwirtschaft verliert davon stetig zu Gunsten von Überbauungen und Naturschutzprojekten. Gerade in der heutigen Zeit des verstärkten Strukturwandels ist dieser Verlust umso schmerzlicher.

Thurgauer Bauernverband
 
 
top     schliessen