Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
12. Januar 2018


Was bietet der Biomarkt 2017 umstellwilligen Produzenten?

Ausgabe Nummer 22 (2017)

An der Medienkonferenz vom Frühjahr 2017 präsentierte der Bioproduzentenverband Bio Suisse die Zahlen von 2016 und konnte auf ein weiteres Jahr mit Zuwachs am Markt, bei der Anzahl von Landwirtschaftsbetrieben und bei der biologisch bewirtschafteten Fläche zurückblicken. Erfreulich für die Schweizer Landwirtschaft ist die Tatsache, dass auch der Absatz jener Lebensmittel gestiegen ist, die bei uns produziert werden können.

2017 sind so viele Landwirtschaftsbetriebe auf Biolandbau umgestiegen wie seit den Boomjahren der Neunziger nicht mehr. Die neuen Biobetriebe durchlaufen eine zweijährige Umstellungszeit während der alle Vorschriften des Biolandbaus eingehalten werden müssen und die Bio-Direktzahlungen fliessen, aber nur wenige Erzeugnisse zu einem Mehrpreis auf dem Biomarkt abgesetzt werden können. Vor allem Produkte für den Futtermittelkanal erzielen schon während der Umstellung den Biopreis. Erzeugnisse für den direkten menschlichen Konsum müssen während der Umstellung in die bisherigen Kanäle zu den dort bezahlten Preisen verkauft werden. Dieser schrittweise Eintritt in den Biomarkt macht Prognosen, ob das Wachstum des Marktes mit der Zunahme der Produktionsmengen Schritt hält, noch schwieriger als sie es ohnehin schon sind. Die folgenden Ausführungen zur Marktsituation sind eine Momentaufnahme und keine Prognose für die Marktentwicklung der nächsten zwei Jahre.

Milch und Rindfleisch
Die beste Übersicht über die Entwicklung des Biomilchmarktes haben die Verarbeiter. Deshalb ist es unumgänglich, vor einer Umstellung der Milchproduktion einen Verarbeiter zu finden, der in naher Zukunft zusätzliche Biomilch annehmen will.
Auf dem Fleischmarkt sind Bioweiderinder sehr gesucht. Es mangelt zurzeit an geeigneten abgetränkten Remonten aus Biomilchbetrieben.

Ackerprodukte
Vom Umstellungsbetrieb sind besonders Eiweisserbsen, Futterweizen und Körnermais gesucht. Für fertig umgestellte Biobetriebe besteht bei Brotgetreide und bei Zuckerrüben noch Produktionspotenzial. Auch Kartoffeln und Feldgemüse verzeichnen noch Zuwachs. Hier ist die Belieferung des Grosshandels nur über einen Direktlieferanten möglich. Diesen gilt es früh zu kontaktieren und mit ihm die Produktion vertraglich zu regeln. Der Bedarf an Ölsaaten und Soja für die Tofuproduktion wird momentan von den bestehenden Bioproduzenten gedeckt. Es gibt aber Zeichen, dass der Markt bei diesen Erzeugnissen weiter wachsen wird.

Obst
In den letzten Jahren waren zu wenig Schweizer Bio- Tafeläpfel und -birnen auf dem Markt. Obwohl 2017 neue Bioobstflächen hinzukamen wird es wegen den starken Frühjahrsfrösten eine kleine Ernte geben. Doch auch über 2017 hinaus wird es auf dem Biomarkt zu wenig Tafelbirnen und gewisse Apfelsorten haben. Da bestehen weiterhin Produktionsmöglichkeiten. Tafelobst kann in den meisten Fällen schon während der Umstellung in den Biokanal verkauft werden.
Beim Mostobst ist nur Ware vom fertig umgestellten Biobetrieb gefragt, dies aber umso mehr. RAMSEIER macht 2017 eine eigentliche Werbekampagne, um die Bio-Mostapfelproduktion zu steigern. Auch beim zweiten grossen Mosthersteller MÖHL sind neue Bioproduzenten willkommen. Dort kann die Bionachfrage mit kleinem aber stetigem Wachstum gedeckt werden.

Chancen für zukünftige Umstellungsbetriebe?
Preisdruck und zunehmende Produktionsauflagen (Pflanzenschutz) im ÖLN-Anbau führen dazu, dass sich viele Bauernfamilien Gedanken über eine Umstellung auf Biolandbau machen. Bei der Abklärung der Umstellungsmöglichkeiten müssen von Anfang an nicht nur die produktionstechnischen Herausforderungen angegangen, sondern auch die Bio-Absatzmöglichkeiten für die wichtigsten Produkte des Hofes gründlich abgeklärt werden. Eine Beschäftigung mit der Bio-Umstellung lohnt sich in den meisten Fällen. Auch wenn nach allem Abwägen von Pro und Contra gegen den Biolandbau entschieden werden sollte – die intensive Beschäftigung mit der Betriebsausrichtung kann neue Impulse für die Zukunft des Hofes ergeben.

Jakob Rohrer
BBZ Arenenberg
Biolandbau



Boden gut machen – Interview mit Dietmar Näser

Dietmar Näser berät seit 15 Jahren in Sachen Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit. Der Diplom-Ingenieur versteht das Bodenleben als aktiven Produktionsfaktor. Das Bodenleben soll ökologisch und ökonomisch optimiert werden. Hierzu bilden Spaten, Sonde, Auge, Hand und Nase die wichtigsten Werkzeuge (Bodenbeurteilung). Dietmar Näser sieht in «Unkräutern» Wegzeichen der Natur, welche eine gestörte Bodenbiologie reparieren. Er schlägt vor, mit einfachen Anbau- und Kulturmassnahmen die Lebenswelt des Bodens wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Daniel Fröhlich: Dietmar, weshalb ist es aus deiner Sicht wichtig, die Bodenfruchtbarkeit zu verbessern?
Dietmar Näser: Weil das der rentabelste Weg zu höheren und stabilen Erträgen ist. Ich höre oft, dass wirtschaftlicher Druck das grösste Problem für die Bauern ist. Höhere Erlöse sind nicht in Sicht, mehr Aufwand für mehr Ertrag hat bis jetzt den wirtschaftlichen Druck nicht verringert. – Willst du Autos bauen, brauchst du Transistoren, Farbe, Blech und Gummi. Willst du mehr bauen, brauchst du mehr davon. Bist du Bauer und willst mehr ernten, geht das mit besserer Fruchtbarkeit deines Bodens auch – dafür brauchst du nicht gleichviel mehr – wenn du seine Fruchtbarkeit durch das Leben darin verstehst zu steigern! Mit wenig Aufwandsteigerung gute Ergebnissteigerung erzeugen geht nur in der Landwirtschaft, weil sie mit Lebensprozessen arbeiten kann. Die wichtigste Eigenschaft des Lebens ist Fruchtbarkeit – und draussen auf den Feldern die Bodenfruchtbarkeit.

Welche Massnahmen bestehen, um den Boden wieder ins Gleichgewicht zu bringen und fruchtbarer zu machen?
Wenn man den Boden als lebendes System versteht, nicht nur als «Gefäss für Nährstoffe», sind es Massnahmen, die seine Belebtheit anheben. Das Bodenleben besteht überwiegend aus Mikroben, und die siedeln unter Pflanzen, weil es dort Nahrung gibt. Pflanzen bringen ihre spezifische Mikrobenflora mit, ohne Pflanzen hat der Boden fast keine Mikroflora. Das kann man riechen! Nimmt das mikrobielle Bodenleben zu, riecht es angenehm süss nach Walderde oder Karotten. Ein geruchloser Boden ist meistens leer! Also braucht es für ansteigende Bodenfruchtbarkeit eine möglichst ständige Begrünung. Mit Untersaaten kann man die Felder im Sommer beleben, wenn die viele Kulturen reif sind und daher nicht wachsen. Mit frostharten Winterzwischenfrüchten kann man in der Vegetationszeit nach Ernte und vor der Wiederbestellung das Bodenleben ernähren. Es geht auch mit abfrierenden Zwischenfrüchten, diese bringen als Gemenge vor allem die pflanzliche Vielfalt und damit die mikrobielle Vielfalt aufs Feld.
Gleichgewichte braucht man zwischen den Nährstoffen und in der Mikroflora.
Nährstoffgleichgewichte stellt man auf zwei Wegen ein: durch Düngung, auch wenig beachteter Nährstoffe wie Schwefel und Mikronährstoffe und durch Bodenbelebung. Einseitige Düngung und lange Phasen unbewachsenen Bodens führen zu Abnahme der Nährstoffe.
Das Gleichgewicht zwischen den beiden grössten Gruppen der Mikroflora, den Bakterien und Bodenpilzen, läßt sich durch Pflanzengemeinschaften, wie den Untersaatgemengen, den Beisaaten zu einigen Kulturen und den Gründüngungsgemengen als Zwischenfrucht einstellen. Der Anbau ohne Untersaatgemenge – wie so oft –, lange Pausen zwischen den Kulturen lassen die Leistungen der anspruchvolleren Mikrobengruppen ausfallen! Dann gibt es eben schwankende oder abnehmende Nährstoffverfügbarkeit, mehr Unkraut und zunehmende Krankheiten!

Was ist neu im Vergleich zur üblichen Bewirtschaftungsweise von Böden und im Umgang mit Hofdüngern?
Wir können es lernen, die Böden dauernd bewachsen zu halten und diese bewachsenen Felder saatfertig zu machen. Bisher stört Bewuchs und Stroh die Bodenbearbeitung, weil das Füttern des Bodenlebens durch Wurzelausscheidungen der Pflanzen nicht im Blick ist.
Hofdünger sind wertvolle Nährstoffträger. Sie sollten belebt werden, indem man sie milchsauer stabilisiert. Das verhindert Fäulnis und damit Nährstoffverluste! Nährstoffe, die noch «drin» sind, müssen nicht zugekauft werden! Hofdünger werden am besten im Boden verstoffwechselt, also in mikrobielles Eiweiss umgewandelt und an Huminstoffe gebunden, wenn sie nicht vor Gründüngungen angewendet werden. Dann liegen sie auf der Bodenoberfläche und im Schatten, dort ist am meisten Aktivität. Warum ist das wichtig? Weil die Nährstoffe, «lebend verbaut», von den Pflanzen in Zusammen- arbeit mit ihren Mikroben abgerufen werden können, wenn der Bedarf ansteigt. Bis dahin sind sie verlustfrei gelagert, entlasten das Betriebskonto und belasten die Umwelt nicht.

Was gilt es bei der Umsetzung erwähnter Massnahmen besonders zu beachten?
Untersaatgemengen müssen zum Verwendungszweck passen, für Getreide, Mais und Körnerleguminosen empfiehlt sich daher zum Beispiel Green Carbon Fix (Camena). Bewachsene Felder saatfertig machen setzt Kenntnis der Flächenrotte voraus, einer flachen und lockeren Bearbeitung, die eine Total-Mix-Ration aus grünen Pflanzen und Feinerde für den Bodenstoffwechsel herstellt und gleichzeitig das Graswachstum wirksam unterbricht.
Nährstoffgleichgewichte herstellende Düngung braucht eine Bodenuntersuchung, welche die Nährstoffverhältnisse abbildet. Das geht am besten mit den Albrecht-Düngungsempfehlungen, in der Schweiz zum Beispiel mit den Anbietern der Kinsey- Düngungsberatung, aber auch mit dem dänischen Büro Levende Jord (lebende Erde).
Hofdünger stabilisieren kann man mit milchsauren Fermenten (EM a, zum Beispiel Bodenfit). Man kann die letzte Vermehrungsstufe im Betrieb durchführen und mit vertretbaren Kosten grössere Mengen herstellen. Gülle beleben ist einfacher, wenn milchsaure Fermente mitgefüttert oder in der Stalluft vernebelt werden. Zusätzlich können Tonminerale als Toxinbinder gefüttert oder der Gülle zugesetzt werden. Auch energetische Präparate, Urgesteinsmehle und Pflanzenkohle können als Rottelenker wirksam sein.
Stalldung sollte mindestens in flachen, waagerechten Mieten mit ebener Oberfläche gelagert werden. Der Effekt wird besser, wenn mit dem Miststreuer oder einem Wender gemischt und angefeuchtet werden kann. Beimpfung mit Rottelenkern hilft auch hier!
Von zunehmender Bedeutung ist die Vitalisierung wachsender Kulturen, zum Beispiel mit Komposttee. Abiotischer Stress wie Kälte, Wechselfrost, aber auch Trockenheit, starke Sonneneinstrahlung und manche Massnahmen zur Kulturführung sind Stress und verursachen in der Pflanze einen «Notbetrieb». In diesem Zustand werden weniger Assimilate in die Wurzeln und damit an das Bodenleben geliefert. Die Pflanze entkoppelt sich so-mit vom Bodenleben. Die Leistungen des Bodenlebens verringern sich infolge des Energiemangels, weil die Assimilate im Wurzelbereich mit zunehmendem Stress allmählich ausbleiben! Mit Vitalisierung, zum Beispiel einer Kompostteespritzung, lässt sich dieser Stress reduzieren, man kann es im Blattsaft messen und an der Entwicklung sehen. Das ist eine grosse, unbekannte Ertragsreserve! Dazu fand am 29. Mai 2017 am BBZ Arenenberg ein Workshop statt.

Wie lange dauert es, bis die getroffenen Massnahmen wirken und der Landwirt Verbesserungen beobachten kann?
Am schnellsten wirken Massnahmen, welche die Ernährung der Mikrobiologie im Boden massiv anheben. Das sind die Flächenrotte und die Vitalisierung mit Komposttee – sie sind nach ca. drei Wochen gut zu sehen, aber vorher schon zu messen. Mittelfristig, also innerhalb der Vegetationsperiode, wirken sichtbar die Nährstoffgleichgewichte ausgleichende Düngung und die Stabilisierung der Wirtschaftsdünger. Im nächsten Jahr sieht man die Wirkung der Begrünung im Sommer mit Untersaaten und die Gründüngung im Herbst und Winter mit Zwischenfrüchten.

Wo sind weiterführenden Informationen zum Thema erhältlich?
Beim «Bodenkurs im Grünen», der derzeit zusammen mit BBZ Arenenberg in Diessenhofen veranstaltet wird, bei Feldtagen, Workshops und Update-Tagen mit Friedrich Wenz und mir, zu sehen auf www.humusfarming.de und www.gruenebruecke.de, auf den Ökofeldtagen am 21. und 22. Juni 2017 in Frankenhausen, sowie demnächst in Veröffentlichungen wie einem Buch und Medien zum Thema.

Dietmar Näser, vielen Dank für das interessante Gespräch.


Daniel Fröhlich
BBZ Arenenberg
Berater Biolandbau
















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