Ausgabe Nummer 3 (2007)
Was steckt alles in unserer Nahrung?
Verbrauchersicherheit im Nahrungsmittelhandel
Gefährdet die gewinndominierte Praxis des internationalen Handels die Qualitätssicherheit unserer Nahrungsmittel? Rainer Bächi sprach in seinem Vortrag «Verbrauchersicherheit als Massstab im weltweiten Handel mit Agrarrohstoffen ? wie und wo greifen internationale Qualitätsstandards?» am Montagabend an der Volkshochschule in Weinfelden über die Hintergründe.Gammelfleisch, BSE, Vogelgrippe: Immer wieder beunruhigen solche Medienmittteilungen die Konsumenten. Rainer Bächi, Direktor der IMO Group in Weinfelden (einer weltweit tätigen Gruppe von Inspektions- und Zertifizierungsstellen), ist der Meinung, dass diese Berichte aufgebauschte PR-Skandale sind: «Die Konsumenten werden verunsichert. Die Risiken sind viel kleiner als angegeben wird. Es entsteht eine Massenpsychose, da dem Konsumenten immer mehr der Realitätssinn abhanden kommt. Er weiss nicht mehr, was tatsächlich ist.» Er vergleicht mit dem Terrorismus: «Das Risiko, an einem Autounfall zu sterben, ist viel grösser als an einem Terroranschlag. Trotzdem haben die Leute viel grössere Angst vor einem Terroranschlag, da der Terrorismus unkontrollierbarer zu sein scheint.» Bächi sieht die Gefahren unserer Ernährung an ganz anderen Orten.
Gesundheit und Technologie
Er beschreibt unsere Nahrung als Kinder und Altersnahrung: «Alles ist keimfrei, steril, leichtverdaulich und uniform. Da sich die Menschen beim Verdauen nicht mehr anstrengen müssen, sind sie krankheitsanfälliger.»
Ein weiteres Risiko ist die Nahrungsmitteltechnologie. «Es ist eine Tatsache, dass die Nahrungsmittel voller Chemie sind. In der Rohware hat es Pflanzenschutzmittel, in der Fertigware Lebensmittelzusätze wie Farb-, Aroma- oder Konservierungsmittel. Der einzelne Stoff ist dabei nicht das Problem, sondern die Kombination der Stoffe. Es fehlt schlicht das Wissen, wie die verschiedenen Zusatzstoffe miteinander reagieren», erklärt Bächi. «Die Nanotechnologie sorgt für fantastische Erfolge in Technik und Nahrungsmitteln. So wurden unter anderem Emulatoren mit Nanotechnologie verbessert. Es ist erwiesen, dass die winzigen Nanoteilchen direkt durch die Magenschleimhaut ins Blut gehen. Die weiteren Folgen sind unerforscht. » Ein weiterer unerforschter Risikofaktor ist die Gentechnologie. Trotz mangelhafter Forschungsgrundlage wird sie mit aller Kraft von der Wirtschaft durchgesetzt.
Hinter diesen Entwicklungen sieht Bächi die Macht der Grosskonzerne. Die strengen Lebensmittelgesetze sind nötig, damit die Lebensmittelkonzerne international arbeiten können. Kleine Unternehmen können diese Richtlinien nicht einhalten und müssen schliessen. Dadurch gehen lokale Spezialitäten und Traditionen verloren; es entsteht eine Vermassung der Lebensmittel und des Lebensstils. Preiskampf, Konkurrenzkampf, Ladenfront ? viele Wörter des Vokabulars der Marktwirtschaft sind Kriegswörter. In der Marktwirtschaft kämpft jeder gegen jeden und jeder betrügt jeden. Um Kunden anzulocken, muss jeder billiger sein als der andere. So kostet die Produktion einer Fertigpizza nur 49 Rappen. Dies ist nur durch Massenproduktion möglich. Bächi spricht von Arroganz und Menschenverachtung der internationalen Grossen und sieht die Bauern als Leibeigene der Industrie. Der Staat steht häufig hinter der Entwicklung und reagiert erst nach einer Katastrophe.
Konsumkultur
Lösungsansätze sieht er sowohl beim Produzenten als auch beim Konsumenten. «Die Bildung der Produzenten ist eine wichtige Voraussetzung für die Produktesicherheit. Das Produkt wird sicherer, wenn jeder Mitarbeiter weiss, was er tut, und nicht blindlings produziert. In den Entwicklungsländern ist dies nur möglich, wenn die Produzenten eine ausreichende Lebensbasis haben. Der Produzent sollte seine Ware zu einem angemessenen Betrag verkaufen können, und der Handelspartner sollte ein wirklicher Partner sein. Bei anonymen Handelsbeziehungen ist das Mogeln viel einfacher als bei persönlichen Beziehungen», erklärt Bächi. «Das Einkaufverhalten jedes Einzelnen ist sehr wichtig, denn jedes gekaufte Produkt wird wieder hergestellt. Es gibt internationale Anstrengungen, wie das Label «Faire Trade », um den verantwortungsvollen Einkauf zu stärken. Der Kunde muss sich aber seiner Verantwortung vermehrt bewusst werden. WIR ALLE sind verantwortlich für die Produktesicherheit.»
Ursina Hulmann
Vortragsreihe Agrarzyklus
Dieser Vortrag war der zweite Teil der Agrarzyklus-Vorträge der Volkshochschule Weinfelden. In den insgesamt drei Vorträgen wird ein etwas anderer Blick auf die Ernährung geworfen. Am nächsten Montag, 22. Januar 2006, spricht Gesundheitsberater Marco Utz über «Höhere Lebensmittelqualität ? tiefere Gesundheitskosten?» Der Vortrag findet um 20 Uhr in der BBZ-Aula in Weinfelden statt.
