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Vorweihnachtszeit natürlich wollte mein kleiner, fast vierjähriger Enkel, Daniel, nichts anderes hören, als Geschichten vom Nikolaus oder Weihnachtsmann. Wir blätterten in einem Bilderbuch; auf jeder Seite der grosse freundliche Herr, mal den Schlitten ziehend, vollgepackt mit Geschenken, dann wieder inmitten seiner Engelschar, die artig zu ihm aufschaute und berichtete, dass ihre Händchen vom vielen Päckchenpacken ganz müde seien. Daniel blickte mich nachdenklich an. Mit welcher Frage würde er jetzt wieder Höchstanforderungen an meine Fantasie stellen? Da legte er sein kleines Fingerchen auf den Weihnachtsmann, tastete genau die Konturen ab. «Momo» sagte er, «warum ist der Weihnachtsmann keine Frau?» Herrjeh, das war eine gute Frage! Angespannt und sprachlos sass ich da, den Knirps auf dem Schoss, unfähig, auch nur einen der wild durcheinanderpurzelnden Gedanken zu fassen. Was sollte ich ihm erzählen? Dass auch ich just in diesem Moment darüber nachdachte! Dass ich bei seiner Frage sehr alarmiert feststellte, in nicht nachweisbaren Bereichen auf eine männliche Domäne zu stossen! Da waren Jesus, der Teufel, der liebe Gott, der heilige Geist und jetzt auch noch der Weihnachtsmann! Darüber musste ich mir ein andermal Gedanken machen, entschied ich, jetzt galt es, schnell eine Erklärung zu finden für Daniel, der ja mit seiner Mutter alleine lebte und sicher Güte, Wärme und auch Geschenke als etwas Weibliches anzusehen schien. Eine logische Frage! Aber woher die richtige Antwort nehmen? Daniel liess mich nicht aus den Augen. «Momo», sagte er, und dieses mal klang es energischer, «warum ist der Weihnachtsmann keine Frau?» «Sieh mal, Daniel», sagte ich und versuchte überzeugend zu klingen, «eines Tages, als das Christuskind sehr müde von seiner Weihnachtsreise in den Himmel zurückgekehrtr war, beschloss es, in den folgenden Jahren jemand anderen auf die Erde hinunterzuschicken. Jemand, der stark und kräftig ist und gerne Päckchen verteilt…» «Wie der Briefträger, Momo?» unterbrach mich mein Enkelsohn. Ein Glück, ich war auf der richtigen Spur! «Nein, Daniel, der Briefträger bringt ja nur Zeitungen, Briefe und kleine Päckchen, aber wie euer Postboste, der das gelbe Auto fährt.» Da blitzte es in seinen Augen! «Aber das fährt doch eine Frau!» rief er triumphierend ich hatte plötzlich keine Stimme mehr und… etwas, ein bisschen, gegen… die Emanzipation.
Eva Behrens
Aus dem Buch «Weihnachtsgeschichten am Kamin (6)», gesammelt von Ursula Richter, 1998 erschienen im Rowohlt Taschenbuch Verlag. |