Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
6. Juli 2018


"Weihnachtstiere" am Stählibuck

Ausgabe Nummer 51 (2014)

Sie haben weder rote Nasen noch können sie fliegen, den Schlitten vom Weihnachtsmann ziehen sie auch nicht – die Rentiere am Stählibuck.

Friedlich, fast etwas gelangweilt steht das ganze Rudel Rentiere an diesem trüben Adventstag in seinem Gehege. Das Restaurant Stählibuck gegenüber ist festlich geschmückt. Fensterläden, die wie Lebkuchen aussehen und ans Hexenhaus von Hänsel und Gretel erinnern, Lichterketten am Haus, im Garten und in den gastlichen Räumlichkeiten. Sanftes Kerzenlicht am Adventskranz, bereits schon am frühen Nachmittag. Auch ohne Jingle Bells-Geplärr spürt man den vorweihnächtlichen Hauch. Am Stammtisch prostet sich eine Gruppe munterer Senioren mit einem Glas Roten zu, letzte Mittagsgäste verlassen das Säli, aus dem man bei schönem Wetter weit mehr als bis zum Sonnenberg sieht. Heute hingegen ist die Stimmung fast ein bisschen melancholisch, der Nebel sitzt tief, hin und wieder tropft es, über Nacht hat es ein paar 100 Meter höher zum ersten Mal geschneit. Geschäftsführerin Vivian Heller nimmt sich Zeit und erzählt von den Rentieren, die seit ein paar Jahren zum Stählibuck gehören.

Kindheitstraum erfüllt
Angefangen habe die Geschichte mit den Rentieren vor dreieinhalb Jahren, sagt die Tochter des Gastronomen Urs Benz und heutige Geschäftsführerin des bekannten Ausflugsrestaurants. «Mein Vater hat sich damit einen Kindheitstraum verwirklicht», sagt sie und weiss auch nicht genau, weshalb überhaupt es unbedingt Rentiere sein mussten. Wahrscheinlich war es sein früherer Bezug zur Forstarbeit und seine Arbeit als Wildhüter, die ihn veranlassten, diese nordischen Wildtiere in die Schweiz zu holen. Das Rentierpaar, das Urs Benz aus Norddeutschland beschaffte, war nicht lange allein. «Die Herde vergrösserte sich fortlaufend», erzählt die Tochter und erwähnt, dass nun endgültig Schluss sei mit der Vermehrung, «die Böcke wurden kastriert.» Die beiden Jungtiere, «Sunny», «Ronja» und «Mika» das Letztgeborene seien heute die absoluten Lieblinge von Gross und Klein.

Vorsicht ist immer geboten
Szenenwechsel. Vivian Heller hat ihre weisse Bluse und die schwarzen Hosen mit Jeans, Wanderschuhen und Winterjacke getauscht. Mit einem Besen in der Hand öffnet sie die Türe des Geheges. «Vorsicht ist besser», sagt sie und erklärt, dass sich gestern der Bock etwas komisch benommen habe. Die Rentiere, junge und ältere, strecken ihre Hälse und äugen zu ihr und der unbekannten Besucherin. Neugierig kommen die Jungtiere näher, schmiegen sich an die beiden Menschen und schnuppern. Der rote kleine Messbecher mit dem feinen Inhalt scheint eine gewisse Anziehungskraft zu besitzen. Fast etwas stürmisch kommen auch die grossen Tiere auf sie zu und fressen das ihnen dargereichte Kraftfutter. Während sie den Grossen den Becher zum Fressen hinhält, lässt sie die Kleinen aus ihrer Hand fressen. Hin und wieder kommen sich die langen Geweihe ins Gehege, verfuseln sich und rempeln einander an. Der Besen steht angelehnt am Stall, es droht keine Gefahr. «Vorsicht ist aber immer geboten», sagt Heller. «Es sind schliesslich Wildtiere, und während der Brunst kann man nie wissen, wie sie reagieren.» Während die anderen Tiere wieder ihres Weges gehen, trippelt «Sunny» Vivian Heller nach, auch seine Halbschwester «Ronja» ist zugegen, beide wollen ihre Streicheleinheiten. «Wir haben «Sunny» mit der Flasche aufgezogen, weil seine Mutter zu wenig Milch hatte», erklärt sie, deshalb sei er sehr anhänglich und im Grunde genommen der kleine Star im Gehege. Auch «Hope» ist anhänglich und braucht mehr Zuwendung als die anderen. «Hope hat bisher noch kein Geweih bekommen und kann sich deshalb bei den Kämpfen untereinander nicht so richtig wehren», erzählt sie und krault sie hinter den Ohren, während sie sich wohlig an ihre Jacke schmiegt.

Fernsehstar landete im Stählibuck
Zugegen ist auch «Sultan», der vor einem Jahr fast zum Fernsehstar wurde. Zusammen mit seinem Kumpel «Kosmos» ist «Sultan» auf der Melchsee- Frutt bei einem Ausflug ausgebüxt. Die beiden konnten erst nach Tagen und nur dank dem Narkose- Gewehr des Tierarztes wieder eingefangen werden. Die beiden Tiere waren dann bei einem Züchter in Aeschi, schliesslich landete «Sultan» im Stählibuck bei Vivian Heller. In der Schweiz gebe es noch zwei, drei andere Rentierhalter, erzählt sie und erwähnt den Basler Zoo, wo sich auch ein grosses Rudel Rentiere tummle. Man pflege losen Kontakt, helfe sich bei medizinischen oder anderen Fragen und sei froh, um gewisse Unterstützung untereinander, erzählt Heller weiter. Denn ganz so einfach sei die Haltung und Pflege der Tiere bei weitem nicht. So sei die Ernährung immer wieder ein Thema, dann die Hufpflege, es gebe immer wieder mal ein Problem, das man zusammen mit dem Tierarzt lösen müsse. «Weil die Rentiere in unseren Breitengraden nicht häufig anzutreffen sind, weiss man hierzulande einfach noch zu wenig über sie», sagt die Tiernärrin, die aber die Rentiere keinesfalls missen möchte. Neben Rüebli, Fenchel, Randen, mit Mineralien angereichertes Kraftfutter, Luzerne und Emd fressen die Tiere am allerliebsten Flechten. Glücklicherweise habe man Freunde, die diese Leckerbissen hin und wieder vom Engadin nach Frauenfeld karren, um den Tieren eine Freude zu machen.

Für die Kinder etwas bieten
Um die Tiere kümmert sich Santiago Godoy aus Cran Canaria. Der Tierpfleger kam der Liebe wegen nach Frauenfeld und fand bei Vivian Heller eine ideale Anstellung. Denn die Geschäftsführerin hat mit ihren Tieren noch einiges vor: «Wir möchten in Zukunft in unserem Betrieb den Bereich Erlebnisgastronomie vorantreiben, deshalb trainieren wir mit den Rentieren, damit sie in Zukunft auch einen Wagen oder im Winter gar einen Schlitten ziehen können. Damit wollen wir nicht nur die Kinder glücklich machen, sondern unseren Tieren auch eine Beschäftigung bieten.»
Das Restaurant Stählibuck sei heute schon als sehr kinderfreundlicher Betrieb bekannt und deshalb wolle man in Zukunft noch vermehrt im Bereich Familien und Kinder zulegen. Und wie sieht es mit einem Rentierbraten aus? «Das kommt nicht in Frage, uns sind die Tiere so sehr ans Herz gewachsen, dass wir sie ganz sicher nicht töten, um zu essen.»


Ruth Bossert
















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