Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
9. April 2020


Weinbaugebiet Thur - Seebachtal setzt auf Biodiversität

Ausgabe Nummer 11 (2020)

Kürzlich besuchten rund 25 Weinbauern der Organisation «GenussThur Thur – Seebachtal» unter der Leitung von Hanspeter Wägeli einen Weinbau-Weiterbildungstag am Arenenberg. Diese Weiterbildung stand ganz im Zeichen der Ausrichtung der Thur – Seebachtaler Weinberge in Richtung noch mehr Biodiversität bis hin zum Biologischen Weinbau.

Ein Weiterbildungstag der Weinbauern rund um den Hüttwiler- und Nussbaumersee bis hin zum Iselisberg stand ganz im Zeichen einer weiteren ökologischen Ausrichtung.
Bei der von langer Hand vorbereiteten Weinbaufachtagung standen am Arenenberg nicht weniger als sieben namhafte Referenten im Einsatz.
Gleich zu Beginn erklärte der erfahrene Arenenberg- Lehrer und -Berater für Biologischen Landbau, Jakob Rohrer, die Begriffe und Anforderungen bis zur Umsetzung von mehr Biodiversität bis hin zum Biologischen Weinbau. Dabei geht es unter anderem um die Förderung der Bodenfruchtbarkeit und die gezielte Sortenwahl von robusten, pilzresistenten Sorten, um die Pflanzenschutzeinsätze zu verringern. Jakob Rohrer schenkte den Teilnehmern klaren Wein ein: «Einen Biolandbau ohne Pflanzenschutz wird es nicht geben.»
Er deutete explizit darauf hin, dass im Biologischen Weinbau wie auch im Obstbau biologische Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden müssen – je nach Sorte mehr oder weniger.

Beispiel Bündner Herrschaft: Bald 20 % Bioanteil mit herkömmlichen Sorten
Über sein praktisches Beispiel der Umstellung auf Biologischen Weinbau beim Weingut an der Landwirtschaftlichen Schule Plantahof bei Landquart berichtete der Plantahof-Rebmeister Moritz Villinger.
Interessant ist dabei die Ausgangslage, dass die Bündner auch im Biorebbau auf traditionelle und bekannte Sorten wie Blauburgunder und Riesling × Sylvaner setzen, obwohl die Weinberge vielfach eingeengt zwischen Wohnhäusern und Obstbaugebieten liegen.
Der Plantahof versucht, nebst den «biologisch» erlaubten Pflanzenschutzmitteln wie Kupfer und Schwefel auch vermehrt natürliche Pflanzenstärkungsmittel einzusetzen. Der erste Schritt zur Umstellung auf Biologischen Weinbau war für Villinger vorsichtig, um schrittweise Erfahrungen zu sammeln. Dieses abgestufte Vorgehen nutzt der Plantahof, um die dreijährige Umstellungsphase zum Biorebbau möglichst optimal zu nutzen. Offenbar sind die Wetterverhältnisse etwas trockener und windiger als im Thurgau, da kommen die Bündner mit rund einem Drittel weniger Pflanzenschutzdurchfahrten aus.

Beispiel Weingut Arenenberg in der Bioumstellungsphase
Von der Umstellungsphase auf Biologischen Rebbau berichtet Peter Mössner, Kellermeister vom Weingut Arenenberg. Der «Arenenberg» ist sich bewusst, dass die herkömmlichen traditionellen Hauptsorten Müller Thurgau und Blauburgunder nach wie vor einen Hauptstellenwert haben müssen.
Im Zuge der schrittweisen Teilumstellung auf Biologischen Weinbau setzt das Weingut aber auch auf robuste, weitgehend pilzresistente Sorten, welche wenig bis keinen Pflanzenschutz gegen den Echten und Falschen Mehltau benötigen. Es sind dies Johanniter, Divona, Maréchal Foch, Léon Millot und Regent.
Nebst der Sortenwahl und Pflanzenpflege richtet sich das Weingut Arenenberg vermehrt auch auf die Bodenpflege und Einsaaten aus. Dazu hat Peter Mössner eine weitreichende Weiterbildung besucht. Darauf aufbauend setzt er die Kenntnisse in den Arenenberg- Weinbergen um und gibt die Erfahrungen an Fachtagungen weiter. Dies mit dem Ziel, mit mehr Biodiversität Nützlingsreservoirs zwischen den Reben zu schaffen. Dazu kommt, dass der vermehrte Bodendruck von Traktordurchfahrten bei der mechanischen Unkrautregulierung oder dem zum Teil wöchentlichen Ausbringen von biologischen Pflanzenschutzmitteln mit einer gut bewirtschafteten Begrünung aufgefangen werden soll.
Bezüglich der Zusammenhänge von Rebbauarbeiten bis hin zur Weinpflege konnte Peter Mössner beim Apéro im Arenenberg-Weinkeller und beim anschliessenden Mittagessen praxisnah berichten.

Wirkungsvolle Geräte schaffen neue Voraussetzungen
Nach dem Mittagessen demonstrierte der Landtechnikfachmann Lukas Keller aus Nussbaumen wirkungsvolle Geräte zur mechanischen Unterstockräumung, um ganz auf chemische Unkrautvernichtung verzichten zu können. Gerade im biologischen Pflanzenschutz sind präzise funktionierende Pflanzenschutzgeräte von Bedeutung, um auch biologisch wirkende Mittel gezielt einsetzen zu können. Grosser Wert wurde dabei auch auf das Ausbringen auf Rebparzellen in der Nähe von Wohnliegenschaften gelegt.
Diesbezüglich wurden auch Akkugeräte für Kleinbetriebe vorgeführt. Wobei es zu beachten gilt, dass auch beim Ausbringen von Bio-Pflanzenschutzmitteln eine landwirtschaftliche Ausbildung oder geeignete Kurse die Voraussetzung dafür sein müssen. Abgeschlossen wurde das Thema mit einem Beitrag von Lukas Keller, über die sachgemässe Befüllung und Reinigung der Geräte, welche auf keinen Fall in der Nähe von Kanalisationen stattfinden dürfen.

Rebbaukommissär: Mut zur Weinbau-Zukunft
Mit einem wahren Feuerwerk an Informationen wartete der Rebbaukommissär der Kantone TG, SH und ZH auf. Unter dem Motto «Mut zur Zukunft» plädiert Rebbaukommissär Markus Leumann für einen «Grünen Rebbau». Dabei erinnert er deutlich daran, dass die Weinberge mit einer grossen Fauna und Flora aufwarten können.
Leumann hob das Motto auf der Einladung zur ersten Thur – Seebachtaler Weinbaufachtagung hervor: «Auf dem Weg zur Biodiversität eigenes Vertrauen gewinnen». Dazu sollte genau diese Tagung Hand bieten, um vielleicht da und dort etwas Mut zum Risiko und zur Veränderung einzuräumen.
Der Rebbaukommissär äusserte klar, dass das Vertrauen der Konsumenten in den hiesigen Weinbau beibehalten und ausgebaut werden kann. Dies, wenn jeder Weinbaubetrieb aufzeigt, wo und wie er der Biodiversität Sorge trägt und die notwendigen Pflanzenschutzmassnahmen sehr minim und gezielt einsetzt.
Klare Worte fand Leumann auch in Bezug auf die Bekämpfung der Mehltaukrankheiten. So kann der Falsche Mehltau nach der Blüte etwas vernachlässigt werden, um sich von diesem Moment an vermehrt dem Echten Mehltau bei den heissen Temperaturen zu widmen.
Die Anwendung von Schwefel birgt vielmals den Zielkonflikt Anfang August: Dann nämlich wirkt der Schwefel nur in kurzen Spritzabständen von 5–7 Tagen und nützt wohl gegen den Echten Mehltau, schadet aber gleichzeitig den Nützlingen im Weinberg. Mit diesem Spagat muss man sich auch im Bioweinbau auseinandersetzen, sind doch auch nicht alle robusten Sorten gegen den Echten Mehltau resistent.
Für die Zukunft schlägt Markus Leumann vor, stark auf die Biodiversität zu setzen, um einen grüneren Rebbau hinzubringen. Dies auch mit dem Wissen, dass nicht alle auf den Biologischen Weinbau umstellen werden. Der ökologische Fussabdruck kann nicht nur am biologischen Pflanzenschutz gemessen und festgemacht werden, sondern er muss auch die CO2-Einsparungen beim Treibstoffverbrauch und im restlichen Betriebsablauf in die Bilanz einbezogen werden.

Weiblicher Weinkonsumbedarf steigt
Von einem Trend zum ökologischen Weinbau mit viel Biodiversität geht auch Simone May von Agro- Marketing Thurgau aus, wenn sie den zukünftigen Weinmarkt beurteilt.
Beim Lifestyle spielen die Getränke eine immer grössere Rolle, dabei sind Mischgetränke zurzeit gross im Trend. Ein Trend aus Amerika zeigt bei der jungen Generation jedoch auch in eine Richtung, die den Weinproduzenten nicht schmecken dürfte, nämlich, dass die Nüchternheit als Lifestyle ihren Platz finden könnte.
Interessant war wiederum zu hören, dass Wein vermehrt von femininer Seite bevorzugt wird. Laut Simone May könnten schöne elegante Rosé-Weine – angebaut in Weinbergen mit grosser Biodiversität und einem optimalen ökologischen Fussabdruck – den Trendwein der Zukunft darstellen. Die Marketingfachfrau empfiehlt im Marketing und im Verkauf des eigenen Umfelds so aktiv wie möglich zu sein. So hat jede Winzerfamilie viele Geschichten über die Familie, den Rebbau, die Weinbereitung und den Mut, etwas Neues zu probieren, zu erzählen. Dies wollen die Kunden hören, um möglichst viel darüber wieder in ihrem Freundeskreis weiterzugeben. Dadurch kann sich eine langjährige, interessante und treue Kundenbindung aufbauen.
Eine Kundenbindung also, welche die regionale Weinbaubranche sehr gut gebrauchen kann!


Text und Bilder:
Bernhard Müller, BBZ Arenenberg













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