Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
12. Oktober 2018


Wenn Äpfel Lucy heissen

Ausgabe Nummer 43 (2014)

Auf dem Obstbaubetrieb von Erich Dickenmann wurden in den vergangenen Wochen gegen 800 Tonnen Äpfel geerntet. Eine neue Sorte trägt den Namen seiner Tochter.

Auf dem Betrieb von Erich Dickenmann in Ellighausen ist die grosse Hektik der Apfelernte vorbei. Noch ist eine Gruppe Erntehelfer an der Arbeit. Tochter Lucy hat in den vergangenen Wochen bei der Ernte mitgeholfen, sie besucht die pädagogische Maturitätsschule in Kreuzlingen und erklärt, dass die Mithilfe auf dem Betrieb für sie selbstverständlich sei. «Wenn man auf einem Obstbaubetrieb aufwächst, gehört das einfach dazu», so die 17-Jährige, und ergreift im Kühlhaus das oberste Apfelplateau. «So sehen die Lucy-Äpfel aus», sagt sie lachend und strahlt. Die Äpfel sind von makelloser Schönheit, jeder ist gleich gross, die rote Farbe korrespondiert mit Lucys Lippenstift, frisch und knackig. Ihr sei der Betrieb des Vaters sehr wichtig, verrät sie später, doch ihr Berufsziel sei Juristin. Sie arbeite nicht nur während der Ferien im elterlichen Betrieb. Solange die Schule ihr Zeit lasse, mache sie auch Sekretariatsarbeiten für ihren Vater und verdiene sich so ein Sackgeld dazu.

Aus 181/3 wurde Lucy
Wie es zu der Geschichte mit dem Apfelnamen kam, erzählt Vater Erich später auf der Plantage. Die Namensgebung einer neuen Züchtung sei kein so leichtes Unterfangen. Dickenmann, der im vergangenen Jahr das 40-Jahr-Jubiläum seines Betriebes feiern durfte und eben zu diesem Jubiläum den Lucy-Apfel auf den Markt brachte, arbeitet seit Jahrzehnten mit dem botanischen Institut der Wissenschaften in Prag zusammen. Als es darum ging, die Kreuzung Topaz x Fuji mit der Züchtungsnummer UEB I-181/3 für den Sortenschutz zu beantragen, fragte Tochter Lucy ihren Vater, ob sie denn nicht auch ihre eigene Apfelsorte haben dürfe, denn die Mama Mira habe doch auch ihre eigene Sorte. «Da müssen wir eben Doktor Radek Cerny vom Botanischen Institut in Prag fragen », erklärte der Vater damals der Tochter. Herr Doktor Cerny hat den Namen dann auch gutgeheissen. Sie sei damals überglücklich gewesen, erzählt Lucy und noch heute fühle sie sich geehrt, in einen nach ihr benannten Apfel zu beissen.

800 Tonnen Äpfel pro Jahr
Der Betrieb von Erich Dickenmann ist einer der grössten Obstbaubetriebe in der Schweiz. Was vor 41 Jahren als Ein-Mann-Betrieb begann, wuchs stetig und ist heute 40 Hektaren gross. Der Ertrag der 24 Hektaren grossen Obstkulturen, alle gedeckt mit Hagelschutznetzen, beträgt 800 Tonnen Äpfel pro Jahr. Zum Betrieb gehört auch eine 13 Hektaren grosse Baumschule. Neben acht festangestellten Schweizern arbeiten während der Saison von März bis November zusätzlich 8 Arbeiter, vorwiegend aus Rumänien, Polen und einzelne aus Korea. Diese leben in einem Wohnpavillon auf dem Betrieb. Während der Ernte arbeiten auch viele Frauen aus der Region mit. Durch die modernen Einrichtungen können 30 Tonnen Äpfel an einem einzigen Tag geerntet werden. Geliefert wird an verschiedene kleinere und grössere Abnehmer in der ganzen Deutsch- und Westschweiz. Zudem werden gut 400 000 Obstunterlagen produziert. In der Baumschule stehen über 150 000 Obstbäume.
Später in seinem Büro erzählt der 68-jährige Unternehmer, wie die Erfolgsgeschichte begann. Als Sohn eines Obstbaupioniers habe er nach der Ausbildung die ersten Erfahrungen in einer Baumschule in den USA erwerben dürfen. Zurück in der Schweiz konnte er den Landwirtschaftsbetrieb in Ellighausen erwerben und habe zusammen mit Geschäftskollegen und Freunden seines Vaters sowie dem Import von Autos aus den USA den Firmenstart und sein Leben finanziert. «So haben wir uns mit viel Fleiss, Ehrgeiz und Innovation innert weniger Jahre zu einem der namhaftesten Obstbaumschulen entwickelt und parallel dazu den Obstbaubetrieb rasant aufgebaut», erzählt der vitale Unternehmer, der heute noch vor Unternehmungslust sprüht. Ende der 80er-Jahre erwarb er Kulturland in Hugelshofen und Neuwilen. So vergrösserte er seinen Betrieb stetig.

Breites Sortiment
Gefragt nach dem Geheimnis seines Erfolges, erklärt Dickenmann, dass eine fundierte Ausbildung und die mehrjährige Auslanderfahrung sehr wichtig waren. Zudem nutze er heute die Synergien mit der ganzheitlichen Marktabdeckung, indem er die Unterlagen (Wildlinge) als Ausgangsmaterial über die Obstbaumschule bis hin zur Obstproduktion alles aus einer Hand anbiete. Andererseits liege es am breiten, im Wachstum gestaffelten Sortiment an Obstunterlagen und Edelsorten. «Wir sind in der Lage, die Kundschaft ganzheitlich zu beraten und zu beliefern. Zudem können wir mit ihnen langfristige Strategien erarbeiten, die auch ihnen zum Erfolg verhelfen. Das langfristige Denken ist in unserer Branche sehr erfolgsbestimmend. Allein schon die Kombination von Unterlage und Edelsorte ist von grösster Wichtigkeit und muss so gewählt werden, dass ein Baum auch nach 10 bis 12 Jahren eine gute Fruchtqualität einbringt.» Erich Dickenmann hat sich heute auf die Entwicklung von Apfelsorten und Unterlagen spezialisiert, die nicht nur den Bedürfnissen des Marktes entsprechen, sondern den Pflegeaufwand im Rahmen der integrierten Produktion um etwa einen Drittel reduziert. Deshalb sei heute sein besonderes Augenmerk auf den schorf- und feuerbrandtoleranten Sorten. Dazu gehöre selbstverständlich auch die Sorte Lucy, die nicht anfällig für Mehltau sei und sich auch für den biologischen Anbau eigne.


Ruth Bossert










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