Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
20. April 2018


Wenn das Reservoir leer ist

Ausgabe Nummer 12 (2015)

Beat Heuberger vom externen psychiatrischen Dienst Münsterlingen sprach bei den beiden Landfrauenvereinen am Hörnli und Tannzapfenland und den Bergbauern Hinterthurgau zum Thema Burnout.

«Seelische Belastungen, psychische Krisen und depressive Erkrankungen sind keine Leiden, die nur die urbane Bevölkerung treffen können», sagte Beat Heuberger vom externen psychiatrischen Dienst Münsterlingen vor über 40 Frauen und Männern im Restaurant Brückenwaage in Dussnang.
Mit einem eindrücklichen kurzen Jodel begrüsste Köbi Hug, Präsident der Bergbauern Hinterthurgau, die Anwesenden. Gerade weil das Thema viel Leid über eine Familie bringen könne, finde er es wichtig, dass darüber gesprochen werde und man wisse, wie man seine eigenen Energiereserven aufrechterhalten und stärken könne. Diese Meinung teilt Beat Heuberger voll und ganz und erklärt: «Gerade in der Landwirtschaft mit der engen Beziehung zum Betrieb, Boden und Hof, dazu der gesellschaftliche Wandel und wirtschaftliche Druck, fordern die Bauernfamilien oft aufs Äusserste.» Man beobachte, dass wenn die hohen Gesamtansprüche zu hoch seien, die gestellten Aufgaben zunehmend zu Belastungen führen. «Wenn das Energiereservoir immer leerer wird, muss der Kraftverbrauch als stetiger Abfluss unbedingt verringert werden», ist Heuberger überzeugt.

Übergänge sind oft schwierig
Damit überhaupt seelische Belastungen und psychische Krisen auftreten können, seien biologische, psychologische und soziale Wirkfaktoren zuständig. Persönlichkeitsanteile können stärken oder schwächen, Lebensthemen ebenso be- wie auch entlasten. Oft seien es Übergänge wie beispielsweise Geburten, Auszug der Kinder, Pensionierung, welche Schwierigkeiten verursachen. Auch der Tod von Angehörigen, Trennungen oder Rollenwechsel seien Ereignisse, die aus dem Gleis werfen können. In der Landwirtschaft könne die enge Verbindung zwischen Arbeit, Partnerschaft und Familie , oft mit mehreren Generationen auf engem Raum und mit gewissen Abhängigkeiten, Auslöser einer Krise sein. Zudem seien Themen wie Hofübergabe, Strukturwandel, wirtschaftlicher und gesellschaftliche Druck, die Forderung nach freiem Unternehmertum mit Regelungen und Gesetzen, nicht unterschätzbare Kräftezehrer.

Nicht überall alles machen
Wer in einem belastenden Umfeld lebt, müsse lernen, den eigenen, individuellen Lebenskontext zu erkennen, rät Heuberger. «Wer die Stärken und Schwächen im Hinblick auf eine sinnvolle Balance zwischen Wünschen, Ansprüchen und unabdingbaren Erfordernissen kennt, kann seine Kräfte in der Waage halten.» Probleme treten bei anhaltenden, nicht absehbaren Dauerbelastungen auf. Deshalb rät der Psychiater, Prioritäten nach Zeit und Wichtigkeit zu setzen. Ursprünglich sprach man beim Burnout- Syndrom nur bezogen auf Arbeitsbelastung. Aktuell werde der Begriff weiter gefasst und ziehe weitere Lebensfelder mit ein, so Heuberger. Symptome treten unterschiedlich auf, seien aber immer geprägt von einem Verlust von Freude, Lust, Interesse und Motivation an Tätigkeiten, die früher Freude gemacht haben. Die Betroffenen fühlen sich ausgepumpt, leer und erschöpft. Gedankenkreise, Schlaflosigkeit, Konzentrationseinbussen, eingeschränkte Merkfähigkeit und ein Gefühl des Stehenbleibens gehören ebenfalls dazu. In der Regel seien nicht alle Lebensbereiche betroffen und eine Erholung häufig auch möglich. Hingegen bestehe das Risiko, von einem Burnout- in ein depressives Syndrom überzugleiten oder gar an einer schweren Depression zu erkranken.


Ruth Bossert













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