Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
7. Dezember 2018


Wenn der Ackerminister auf den Hof kommt

Ausgabe Nummer 5 (2017)

Gemeindestellenleiter gehen heute nicht mehr mit dem Messrad und dem Messband den Äckern entlang. Wie ihre Arbeit aussieht, erzählen Ruedi Altwegg und Marcel Iten.

Der Wintermorgen ist frostig, Ruedi Altwegg (60) und Marcel Iten (26) nehmen sich Zeit für einen heissen Tee in der warmen Stube. Noch kaum jemand habe sich für ihre Arbeit, für die Gemeindestelle für Landwirtschaft, interessiert, wundern sich die beiden Landwirte. Sie unterscheiden sich nicht nur betreffend Alter, sondern auch in der Auffassung hinsichtlich Öffentlichkeitsarbeit für ihre Arbeit. Hier der erfahrene Landwirt mit dem Milchwirtschaftsbetrieb mit Acker- und Gemüsebau in Kradolf, da der dynamische Junglandwirt, der erst vor kurzem den elterlichen Hof in Neukirch mit Aufzuchtrindern und Obstbau übernommen hat. Während Altwegg bereits seit über 30 Jahren für die Schnittstelle zwischen den Landwirten und dem kantonalen Amt für Landwirtschaft in der Gemeinde Kradolf-Schönenberg verantwortlich ist und gerne über seine langjährige abwechslungsreiche Arbeit erzählt, hat sich Iten erst vor zwei Jahren auf ein Inserat als Internethelfer und stellvertretender Gemeindestellenleiter beworben. In der Öffentlichkeit zu stehen sei neu für ihn, und er arbeite lieber im Hintergrund, als sich in den Medien zu präsentieren, so Iten.

Die Nachbarn kontrollieren auch
«Seit der ökologische Leistungsnachweis (ÖLN)» im Jahr 1997 eingeführt wurde, ist die Arbeit als Gemeindestellenleiter einfacher geworden», sagt Ruedi Altwegg. Bei diesen Kontrollen, die einmal in drei Jahren von sogenannten ÖLN-Kontrolleuren durchgeführt werden, werde der ganze Betrieb von der tiergerechten Haltung, über die ausgeglichene Düngerbilanz bis zu den Fruchtfolgen, dem Bodenschutz und bis zur gezielten Pflanzenbehandlung kontrolliert. Zusammen mit den unangemeldeten Tierschutz- und Labelkontrollen werden die Landwirtschaftsbetriebe heute praktisch jährlich unter die Lupe genommen. Wer den ökologischen Leistungsnachweis erfülle, sei berechtigt, für seinen Betrieb Direktzahlungen zu erhalten, so Altwegg weiter. Ihre Arbeit habe sich im Laufe der Zeit stark verändert. Mussten die Ackerbaustellenleiter, wie sie früher hiessen, in den vergangenen Jahrzehnten mit Messrad und Meterzähler die landwirtschaftlichen Flächen nachkontrollieren, werde die Datenerfassung heute vollumfänglich elektronisch abgewickelt. Der Internethelfer, im Fall der Gemeinde Kradolf-Schönenberg ist das Marcel Iten, unterstützt die Landwirte bei Bedarf. Zudem müsse die Statistik der Nutztiere auf dem Gemeindegebiet à jour gehalten werden. Viele Heimtierhalter (Pferde, Ziegen, Schafe und Geflügel) vergessen, ihre Tiere zu melden und deshalb sei dies eine recht aufwendige Arbeit. Mitte Juni müsse der Schnitttermin für ökologische Ausgleichsflächen überwacht werden. «Die schärfsten Kontrolleure sind aber die Nachbarn und nicht wir», wirft Marcel Iten ein. Zudem sei es an ihnen, mögliche Mängel und Verstösse gegen Auflagen und Vorschriften dem Landwirtschaftsamt zu melden.

Betriebsleiter sitzen im Glashaus
Beide Männer sind sich einig, dass Gemeindestellenleiter nebst hervorragenden Ortskenntnissen ein offenes Ohr für die Anliegen der Landwirte haben sollten. Sie gelten als erste Ansprechperson auf der Stufe Gemeinde und werden von dieser auch zu Stellungsnahmen bei Landwirtschaftsfragen aufgefordert. Aber auch im Dschungel der Vorschriften, Reglemente und dem Gesetz sollten sie sattelfest sein. Altwegg und Iten betreuen zusammen mit Hans Kühne, dem dritten Mann in der Gemeinde Kradolf-Schönenberg, zusammen mit den Ortsteilen Buhwil und Neukirch, total 85 meldepflichtige Tierhalter. Erwähnenswert sei, dass die Höfe tendenziell ab- und die Tierhalter zunehmen. Was muss ein Gemeindestellenleiter mitbringen um erfolgreich über 30 Jahre diese Arbeit auszuführen? Ruedi Altwegg lacht, kratzt sich das Kinn und sagt: «Man muss die Landwirtschaft und die Menschen mögen und offen sein für Neues.» Marcel Iten, der erst seit zwei Jahren als Internethelfer und Stellvertreter im Amt ist, nickt. Für ihn sei es anfangs nicht einfach gewesen, über alle Betriebe die Daten und Zahlen zu kennen. Auch wenn Vertraulichkeit für alle Gemeindestellenleiter eine Selbstverständlichkeit sei, die Betriebe heute mit elektronischen Daten präzise erfasst und kontrolliert werden und die Betriebsleiter wissen, dass sie im Glashaus sitzen – ganz so einfach sei es trotzdem nicht, alles von allen zu wissen. Ruedi Altwegg investiert jährlich ungefähr zwei Arbeitstage. Bei Marcel Iten, der auch für die Büroadministration und die aufwendige Obstgartenkontrolle zuständig ist, summierten sich die aufgewendeten Stunden im vergangenen Jahr auf etwas mehr als eine Arbeitswoche.


Ruth Bossert







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