Ausgabe Nummer 1 (2008)

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Wenn die Chinesen plötzlich «westlich» essen

Pflanzenbautagung am 18. Dezember 2007 in Weinfelden

Allgegenwärtig ist momentan das Thema der steigenden Agrarpreise. An der Fachtagung der Thurgauer Pflanzenbaukommission kurz vor Weihnachten wagten die Referenten einen Blick in die Zukunft des schweizerischen Ackerbaus. Die politischen Reformen auf internationaler Ebene wurden dabei nicht ausser Acht gelassen.

Im Vergleich zu den Vorjahren konnte Walter Schmid, Präsident der Thurgauer Pflanzenbaukommission, eine eher kleine Gästeschar im «Trauben»-Saal begrüssen. Zufrieden blickte er in seiner Einleitung auf ein gutes Ackerbaujahr 2007 zurück. Mit grosser Genugtuung verwies er auf eine ganze Reihe von Zeitungsschlagzeilen, die zusammengefasst alle in eine Richtung zeigten: Ackerprodukte sind gefragt, wie seit langem nicht mehr und die Preise steigen. «Eine solche Kehrtwende tut besonders gut», so Schmid, «weil der Ackerbau in jüngster Vergangenheit oft als jener Produktionszweig angeschaut wurde, der in der Schweiz mit der Öffnung der Märkte zuerst an Stellenwert verlieren werde.»

Getreidereserven auf Rekordtief
Weshalb eigentlich sind die Rohstoffpreise im vergangenen Jahr generell angestiegen? Christoph Eggenschwiler, Leiter Departement Wirtschaft und Politik des SBV, nannte dafür zwei hauptsächliche Gründe: Einerseits die Dürre auf der Südhalbkugel und anderseits der deutlich steigende Konsum in grossen Schwellenländern wie China und Brasilien. Um zu verdeutlichen, wie schnell sich die Chinesen zu einem Volk von Milchtrinkern entwickeln, lieferte Eggenschwiler einen eindrucksvollen Vergleich: «Alleine um den chinesischen Milchpulverkonsumanstieg zwischen den Jahren 2003 und 2007 zu decken, müsste die gesamte landwirtschaftliche Nutzfläche der Schweiz in saftige Wiesen verwandelt und für die Milchproduktion genutzt werden.» Die Weltgetreidereserven seien heute auf dem tiefsten Stand seit 50 Jahren und würden gerade mal noch für 50 Tage reichen. Pius Eberhard, Geschäftsleiter Brotgetreide und Ölsaaten bei der fenaco, ergänzte, dass immer mehr Nahrungsmittel in industrielle Kanäle abfliessen, insbesondere auch für die Produktion von Treibstoffen. «Das Schwellenpreissystem ist durch die hohen Weltmarktpreise bei Futtergetreide und Eiweissträgern ausgehebelt worden », erklärte Eberhard. Dadurch wachse natürlich der Druck auf den Grenzschutz beim Brotgetreide, welches einem Fixzoll unterliege. Er rief die Ackerbauern dazu auf, die gute Ausgangslage bei den Ölsaaten zu nutzen und das Schweizer Brotgetreide der Austauschbarkeit mit Importen zu entziehen, indem noch stärker für die Kanäle «Swiss Premium», «IP-Suisse» und «Bio» produziert werde.

WTO-Runde auf Eis gelegt
Die Verhandlungen der aktuellen Runde mit der Welthandelsorganisation WTO stehen momentan still. Politisch sei kaum Willen da, die Verhandlungen voranzutreiben, weil die einzelnen Länder ihre eigene Landwirtschaft aufgrund der neuen Ausgangslage wieder höher werten. Die grösste verbleibende Divergenz bestehe zwischen den USA, welche ihre interne Stützung nicht weiter abbauen möchte, und der Europäischen Union, die nicht bereit ist, den Marktzutritt weiter zu öffnen. «Unter diesen Umständen ist ein Abkommen in der nächsten Zeit praktisch auszuschliessen», so Eggenschwiler.

Übereifrige Freihandelsstrategie
Die beiden Referenten kritisierten einhellig, dass der Bundesrat mit dem Agrarund Lebensmittelfreihandel zwischen der Schweiz und der EU ein einschneidendes Projekt vorantreibe, ohne dem betroffenen Sektor konkrete Zahlen auf den Tisch zu legen. Laut neusten Berechnungen des SBV würde ein solches Abkommen ? gemessen an der heutigen Ausgangslage ? zu einem Verlust von etwa 60 Prozent des landwirtschaftlichen Arbeitsverdienstes führen. Eggenschwiler mahnte: «Nicht eingerechnet sind dabei die Auswirkungen eines WTO-Abkommens und weiterer Wirtschaftsverträge mit grossen Ländern wie Brasilien, Indien und China.»

HOLL-Raps im Vormarsch
Die Versuchsresultate des Forum Ackerbau wurden zum ersten Mal von Lydia Frey, der neuen Mitarbeiterin der Fachstelle Pflanzenbau (BBZ Arenenberg) präsentiert. In einem Dreijahresversuch wurden verschiedene Pflanzenschutzvarianten bei Sonnenblumen miteinander verglichen. Frey fasste zusammen: «Ein Fungizideinsatz lohnt sich kaum, die unbehandelte Kontrolle brachte den höchsten kostenbereinigten Erlös.» Kurt Baumann, pensionierter Fachstellenleiter, kommentierte ebenfalls einige Ergebnisse. Im Brotweizenanbauvergleich ÖLN gegenüber Extenso schnitt die Extenso-Variante bei allen untersuchten Sorten einmal mehr rentabler ab als die ÖLN-Variante. «Der Weizenpreis müsste markant steigen, damit dieser Vergleich zugunsten der ÖLN-Variante ausfallen würde», erklärte Baumann. Im Weiteren informierte er über die Eigenschaften des neuen Rapstyps «High Oleic Low Linolenic» (HOLL), der im Anbauvertrag mit der fenaco angebaut wird und seit diesem Jahr mit der Sorte V141 OL auch auf der Sortenliste vertreten ist. Der Bedarf an HOLL-Raps für 2008 beträgt rund 15000 Tonnen, was einem Viertel der schweizerischen Anbaumenge entspricht.

Walter Schmid dankte in seinem Schlusswort dem im Frühling abtretenden Chef Landwirtschaftsamt, Hans Stettler, für seinen langjährigen und grossen Einsatz im Dienste der Landwirtschaft. Andeutungsweise meinte Schmid: «Um im kommenden Jahr wieder mehr Gäste an die Tagung zu locken, ziehe ich die Verlosung von Zuckerrübenkontingenten an diesem Anlass in Erwägung.»

Andreas Rohner, Thurgauer Bauernverband


Christoph Eggenschwiler (Mitte) und Pius
Eberhard (rechts) freuten sich über den
Korb mit regionalen Spezialitäten, überreicht
von Walter Schmid. (ro)
Christoph Eggenschwiler (Mitte) und Pius Eberhard (rechts) freuten sich über den Korb mit regionalen Spezialitäten, überreicht von Walter Schmid. (ro)