Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
12. Januar 2018


Wichtige Helfer im Rebberg

Ausgabe Nummer 46 (2015)

Als die kleinsten Schafe der Welt leisten die Ouessantschafe auf dem Weingut der Winzerfamilie Burkhart in Weinfelden eine grosse Arbeit. Nach dem Wimmet beginnt ihr saisonaler Einsatz.

Der Vormittag im Thurtal ist neblig. Die Rebstöcke am Hang des Ottenberges sind leer, der Wimmet ist vorbei, die Trauben sind im Fass. Jetzt erst kann Michael Burkhart (34) aufatmen. «Die Problematik mit der Kirschessigfliege beschäftigt uns stark; erst wenn alle Trauben gelesen sind, haben wir die Gewissheit, dass alles gut ist», sagt der junge Winzer. Dass alles gut ist, sieht man dem jungen Mann an. Er strahlt, als er erzählt, dass er erst vor ein paar Tagen, zusammen mit zwei anderen Weinbauern aus der Region Weinfelden, vom Gourmetführer Gault-Millau zu den besten 20 Winzern der Deutschschweiz auserwählt wurde. «Wir arbeiten erfolgreich», sagt Michael Burkhart bescheiden und meint damit den Rebbaubetrieb, den er seit mehr als zehn Jahren zusammen mit seinen Eltern in der siebten Generation führt. 2003 hat man hier die Weichen für die Zukunft neu gestellt und mit dem Bau des Weinkellers den ersten Schritt zum Selbstkelterer eingeleitet. «Nun begleiten wir den Wein von der Rebe bis zur Flasche», sagt er und erwähnt, dass es ohne Innovation, gepaart mit dem starken Willen, nachhaltig naturnah und umweltverträglich zu produzieren, nicht mehr geht.

Ouessants sind unsere Arbeiter
Da es auf dem Hof von Vater Willi Burkhart früher immer schon Tiere gab und die Milchschafe noch nicht vor allzu langer Zeit das Gras zwischen den Reben wegfrassen, kam die Familie während des Versuchs, den Rebberg biodynamisch zu bewirtschaften, auf die Ouessantschafe. «Wir achten auf einen vielseitigen Artenreichtum von Pflanzen und Tieren, setzen nur so wenig Pflanzenschutzmittel wie nötig ein und pflegen einen natürlichen Umgang mit Ressourcen », erklärt der junge Winzer. Dass die Ouessantschafe dabei eine ganz wichtige Rolle übernehmen, liege längst auf der Hand. Während Michael Burkhart von den Ouessants erzählt, leuchten seine Augen. Durch ihr leichtes Gewicht (ein ausgewachsenes Ouessant wiege zwischen 15 und 20 Kilogramm) und wegen ihrer kleine Statur seien die Schafe überaus ideal, um das Gras zwischen den Rebstöcken abzufressen. «Sie kommen wunderbar zwischen den Rebstöcken durch und suchen sich das saftigste Grün, das sie ganz nahe bei den Stöcken finden», so Burkhart. Auch mache ihnen das steile Gelände keine Mühe. Damit entlasten sie den Winzer und nehmen ihm das lästige Mulchen ab. Da die Schafe so klein und zierlich seien, verdichten sie den Boden nicht. Trotzdem vertrampeln sie im Weinberg die Mäusegänge und halten so die kleinen Nager fern. Für Burkhart eine klare Win-Win-Situation. «Wir schätzen die Ouessants als unsere Arbeiter.»

Anspruchslose Haltung
Als die Winzerfamilie vor drei Jahren auf die Ouessants kam, übernahm sie eine kleine Herde von acht Tieren, sieben Mutterschafe und ein kleines Böcklein. Heute ist die Herde bereits auf knapp 50 Tiere angewachsen. Jedes Mutterschaf wirft jährlich ein Junges, die Nachfrage sei vorhanden und werfe pro Tier zwischen 300 und 500 Franken ab, erzählt er. «Wenn die Tiere drei Monate alt sind, geben wir sie weiter.» Auch die jungen Böcklein seien gefragt und zwar bei regionalen Restaurationsbetrieben, welche die Lämmer gerne als Spezialität servieren. «So ist halt der natürliche Kreislauf.» Zudem haben die Zwergschafe auch noch anderweitige Verpflichtungen. Viele Hausbesitzer mit viel Umschwung fragen des öftern an, ob die Ouessants ihnen nicht die mühsame Arbeit des Mähens abnehmen können, schildert Burkhart weiter. So verschönern seine Schafe auch mal den Schlossgarten oberhalb des Weinbergs, oder ein kleiner Teil der Herde sei momentan in der Region ausgeliehen um ein Grundstück abzugrasen. Weiter erzählt der Winzer, der vor ein paar Monaten zum ersten Mal Vater wurde, dass die Ouessants anspruchslos zu halten seien. Sein Vater Willi oder er schaue täglich zweimal bei den Schafen vorbei, zudem werden sie einmal jährlich geschoren, die Klauen geschnitten und wenn nötig entwurmt. Die Schafwolle werde nicht weiter verwendet.

Saisoniers im Rebberg
Seit drei Wochen sind die Ouessants bereits im Rebberg, dort werden sie bis ungefähr Weihnachten oder bis der grosse Schnee kommt, bleiben. Dann kommen sie zurück in den Stall, bis sie vom Frühjahr bis in den Herbst wieder auf einer grossen Weide im Dorf das frische Gras fressen dürfen. Damit die Jungtiere nicht vom Fuchs heimgesucht werden, lässt man sie nicht allzu früh nach draussen. Für Burkhart gelten nicht wirtschaftliche Gründe, Ouessantschafe zu halten. Einen Gewinn könne man mit den Tieren nicht erzielen. Dank des Verkaufs seien die Zahlen ungefähr ausgeglichen. Vielmehr sei es die Freude, die man mit den Schafen habe. Dies werde ihm auch immer von Spaziergängern zugetragen, dass die niedlichen kleinen Tiere in den Rebbergen sehr geschätzt werden und auch den Kindern viel Freude bereiten. Das ist genau das, was die Familie Burkhart mit ihrem Weingut anstrebt. «Wir wollen auch für Familien ein attraktiver Ort sein und dies nicht nur am Tag der offenen Türe, sondern das ganze Jahr über.»


Ruth Bossert
















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