Ausgabe Nummer 41 (2004)

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Wie kommen holländische Innovationen in den Schweizer Obstbau?

Obstfachreise der Superlative in Holland und Belgien
 
Wie kommen holländische Innovationen in den Schweizer Obstbau?
 
Die Obstfachreise 2004 vom Netzwerk Wädenswil Fachgruppe Obstbau wurde von Beat Lehner, Wellhausen, und Paul Wirth, Berg, geleitet. Vom 15. bis 17. August besuchten 52 Obstbau-Interessierte in Holland und Belgien vier Obstbetriebe, zwei Baumschulen und die Nationale Forschungsanstalt PPO Randwijk. Bäume und Früchte von sieben neuen Apfelsorten, Kulturmassnahmen sowie die Arbeitsabläufe bei Betrieben über 20 Hektaren waren die Hauptdiskussionspunkte. Ein Tafeltrauben-Projekt von zwei Hektaren unter Glas rundete die Besichtigungen ab.
 
Spezialgerät für den Anbau an den Hochtraktor, entfernt Triebe an Unterlage und Stamm beim Knipbaum, solange die Triebe noch nicht verholzt sind.
 
Für das «Drehen» der Äste, Pinzieren der Seitentriebe eines Astes und das Kerben bei Kahlstellen am Mitteltrieb investiert Baumans viel Zeit.
 
Beat Lehner nutzte die Fahrzeit im Reisecar, um über Holland und den holländischen Obstbau zu berichten. Holland ist so gross wie die Schweiz, hat 17 Millionen Einwohner und produziert zirka das Dreifache seines Eigenbedarfs an Lebensmitteln. So ist die landwirtschaftliche Produktion etwa 14-mal grösser als in der Schweiz, was auch deren Bedeutung in der Wirtschaft erklärt. Oberstes Gebot in Hollands Landwirtschaftspolitik und Forschung ist Wettbewerb und Konkurrenzfähigkeit.

Baumschule Fleuren
In der Baumschule Henri Fleuren, Baarlo NL, arbeitete Lehner sieben Jahre, davon verbrachte er vier Jahre in Holland. Han Fleuren führt das 80-jährige Unternehmen in dritter Generation. Sein Vater Karl hat vor 20 Jahren den Knipbaum entwickelt. Auf 90 Hektaren werden jährlich über 1 Millionen Bäume mit 40 Angestellten und gleich vielen Saisonarbeitskräften produziert. 30 Prozent der Produktion sind für die Niederlande und 70 Prozent für den Export bestimmt. 85 Prozent der Bäume sind Äpfel, 10 Prozent Kirschen und 5 Prozent Birnen. Die Äpfel werden zu 90 Prozent auf M9-T337 veredelt, der Rest auf Fleuren-56. Von den Kirschen sind 80 Prozent auf Gisela-5, der Rest auf Hüttners und Colt. Die Birnen stehen zu 90 Prozent auf Quitte C, das Übrige auf Quitte Adams. 98 Prozent der Apfel- und Kirschbäume werden als «Knipbäume» aufgezogen, 1 Prozent als einjährige Okulanten und 1 Prozent als «Schlafende Augen». Die Hälfte wird im Frühling handveredelt, die andere Hälfte im August okuliert. Nach dem Betriebsrundgang ging die Fahrt weiter nach Utrecht, wo die Reisegruppe im Hotel Amrat logierte und einen gemütlichen Abend in der Altstadt genoss.

Birnenproduktion
Der Betrieb von Rob Janssen in Deest stand am zweiten Tag auf dem Programm. 20 Hektaren Conference, 5 Hektaren Comice, 5 Hektaren Jonagold sowie 1 Hektare siebenjährige Tafelkirschen auf Hüttners und Colt bewirschaftet er. Sein ULO-Lager fasst 750 Tonnen Birnen, die restlichen Früchte werden im Herbst am Veiling verkauft. Von Anfang bis Ende September pflückt er an 25 Tagen je 35 Tonnen mit fünf Pluk-o-traks. Mit Schnitt, Baumalter und CaCl-Spritzungen gelingt es ihm, die Erntestaffelung hinzukriegen. Der Birnblattsauger ist ein Problem und wird mit denselben Strategien wie bei uns bekämpft. Die bessere Niederschlagsverteilung in Meeresnähe kommt ihnen zu Hilfe. Die Kirschenanlage ist im V-System (0,6 ¥ 3,2 m ) erzogen und war sehr dicht. Der Ertrag war mit knapp 2 kg/m2 gut. Die Hauptsorten sind Burlat, Kordia, Regina und Schneiders.

Nationale Forschungsanstalt PPO Randwijk
Nach der Begrüssung von Frau Dr. Marianne Grooth führten Marcel Verneke und Franz Maas die Besucher durch die Kulturen. Die Fragen nach der optimalen Bewässerung bei Birnen, wann, wie viel, Intervall, Start usw. werden gegenwärtig abgeklärt. Bekämpfung der Schwarzfleckenkrankheit Stemphilium vesicarium bei Birnen ist seit 2001 ein Thema. Von den Mitteln Thiram, Score und Flint kann nach gegenwärtigem Wissensstand am meisten erwartet werden. Von der Firma Inova-Fruit besteht ein Forschungsauftrag. Die Sorten Junami, Rubens, Welland und Autento sollen optimal produziert und die CA-Lagerkonditionen erarbeitet werden.



Kirschen- und Brombeerenproduktion
Am Nachmittag wurde Willie Baumans besucht, der von 2 Hektaren Kirschen und 80 Aaren Brombeeren lebt. Er hat wie Rob Janssen die Lizenz, seine Kirschen unter der Marke «Cerisa» zu verkaufen. Die vier Klassen sind 24<, 26<, 28< und 30< mm. Die örtliche Veiling handelt die grösseren Klassen unter dem Label
«Royal» und hat heuer Preise von über 9 Euro/kg erzielt. Der Schnitt, die Boden- und Blattdüngung sowie die Bewässerung sind ausschlaggebend für die grösseren Früchte. Die erste Brombeerkultur steht von Februar bis Juli im Folientunnel und produziert 2,5 kg/m2. Die zweite Kultur wächst von Juli bis November und kann bis 1,5 kg/m2 bringen.
Beim Abendessen in einem Landgasthof hörten die interessierten Teilnehmer einen Vortrag von der Firma Koppert Biological Systems. Die angesprochenen Themen lauteten: Hummeln zur Bestäubung als Ertragsfaktor, Blumenwanzen in Birnenanlagen und Raubmilbeneinsatz in Beerenkulturen.
Der Privatberater Jos de Wit ermöglichte danach die Besichtigung der Inova-Fruit-Sorten auf dem Betrieb Vernoie in Vleuten. Hollands Obstbau benötigt anstelle von Jonagold und Elstar dringend neue Apfelsorten. Inova-Fruit, eine Interessengruppe, hat folgende vier Club-Sorten auf verschiedenen Betrieben im versuchsweisen Anbau.
Beeindruckend ist die Kombination von Marktorientiertheit und Produktionstechnik in diesem Projekt.

Tafeltrauben in Monster NL, Pergolaerziehung in drei Etagen (zvg)

Besuch des Tafeltraubenprojekts «de Westlandse druif» in Monster (www.westlandsedruif.nl)
Seit 1890 werden in Monster an der Nordsee westlich von Rotterdam Tafeltrauben produziert. Bis vor dem Zweiten Weltkrieg betrug die Traubenproduktion 22 Millionen Kilogramm. Danach reduzierte sich die Produktionsfläche kontinuierlich, bis auf den letzten Betrieb im Jahre 2000. Seit 2003 werden nach einem neuen Konzept Tafeltrauben angebaut. Die Gesamtfläche des neu aufgebauten Betriebes unter Glas umfasst gegenwärtig 10 300 Quadratmeter. Die kaufmännische Leitung hat Gerard van Daalen. Ihm zur Seite steht ein versierter Winzermeister.
Bei der Produktion in ehemaligen Gemüseglashäusern wird eine Pergolaerziehung in drei Etagen gewählt. Es werden zwei blaue Sorten, Frankenthaler und Alicante sowie zwei weisse Sorten Muscaat van Alexandrie und Golden Champion angebaut. Der Betrieb verfolgt eine lange Ernte- respektive Vermarktungszeit. Die Vegetation, das heisst die Erntezeit, wird mittels Heizung als Terminkultur gesteuert. Jedes der vier Glashäuser wird gestaffelt klimagesteuert. Ab Dezember wird das erste Gewächshaus auf 17 Grad Celsius beheizt. Die Essreife beginnt in diesem Haus im Monat Juni. Bei der spätesten Sorte, Alicante, erfolgt die Beheizung im März, die Reife wird dann im Monat September bis Oktober erwartet. Der Pflanzenschutz wird ausschliesslich mit Schwefelverdampfer erfolgreich realisiert. Über die Düngung konnten keine Auskünfte in Erfahrung gebracht werden. Der Gesundheitszustand der Pflanzen und die Qualität der hängenden Trauben war bestechend. Der Jahresarbeitsaufwand für Pflege und Ernte liegt mit zirka einer Arbeitsstunde je Quadratmeter sehr hoch. Als Arbeitskräfte werden zurzeit mehrheitlich Freiwillige und Freunde des Betriebes ohne feste Entschädigung eingesetzt. Temporär angestellte Hilfskräfte kosten 16 Euro je Stunde. Der erwartete Ertrag soll bei 3 kg/m2 betragen.
Die Lagerung im eigenen Betrieb erfolgt bei + 0,5 °C bei 97 Prozent Luftfeuchtigkeit. Ein Teil der Ernte wird an Events, Veranstaltungen, Ausstellungen usw. im Offenverkauf abgesetzt werden. Der dafür bis jetzt realisierte Preis beträgt 10 Euro pro Kilogramm. Ein weiterer Teil des Verkaufs erfolgt über Internetbestellung direkt an die Konsumenten. Sortengemischte oder sortenreine Kartongebinde von 2 bis 3,5 Kilogramm Inhalt werden per Post versandt zum Preis von 7 Euro bis 7,50 pro Kilogramm. Bei den Verkäufen an den Grossmarkt erzielten sie in diesem Jahr 4 Euro pro Kilogramm.

Betrieb Wouters und Baumschule Jo Nicolaï, St. Truiden in Belgien
Der dritte Tag führte die Reiseteilnehmer nach St. Truiden in Belgien, auf den Betrieb von Cris Wouters in Rummen. Auf 50 Hektaren stehen 25 Hektaren Jonagold, 20 Hektaren Conférence und 5 Hektaren verschiedene Birnen wie Gute Luise, Comice und Tongré. Mit seinem Bruder führt Cris Wouters auch ein Obsthandelsunternehmen. In Zukunft werden nur noch Conférence auf Kosten von Jonagold gepflanzt, weil der Absatz von Jonagold harzt. Birnenblattsauger sind ebenfalls ein Problem. Mit zwei Amitraz-Spritzungen im Juni innerhalb von 10 Tagen wurde heuer der Blattsauger wirksam bekämpft. Auf Teilflächen wurde gegen diesen Schädling 4 ¥ 20 kg Kaolin eingesetzt, wobei die erste Spritzung am 15. Februar erfolgte. Der Betriebsleiter erhofft sich viel von dieser Bekämpfungmethode.
Bei der Baumschule Jo Nicolaï, St. Truiden, stellte Paul van Laer das Unternehmen vor. In Belgien werden von total 270 Hektaren auf 200 Hektaren Kernobst angebaut. Auf zirka 70 Hektaren werden
800 000 Bäume produziert, das meiste ist die neue Sorte Kanzi. Zwei Betriebe in Frankreich mit 150 Hektaren und 30 Hektaren produzieren neben Kernobst auch 300 000 Bäume. In enger Zusammenarbeit mit der Universität Leuwen brachte das Zuchtprogramm von Jo Nicolaï die Sorten Greenstar und Kanzi hervor. Jo Nicolaï lanciert diese Clubsorten mit Fruitmaster (Veiling-Verbund) und der WLZ Friedrichshafen. In der Schweiz ist die Firma Tobi in Bischofszell involviert.
Beeindruckt vom Obstbau in Holland und Belgien und reich beladen mit neusten Informationen machten sich die Teilnehmer auf die Rückreise.

Paul Wirth, Berg; Christian Krebs, Güttingen; Markus Bünter, Wädenswil
 

Vorankündigung:
Nach Norwegen geht die Reise des Netzwerk Wädenswil Fachrichtung Obstbau im Juli 2005 für vier Tage mit Verlängerungsmöglichkeit. In den milden Fiorden Norwegens wird Obstbau in kleinen Strukturen, aber nicht weniger innovativ betrieben.
Die Obstbau-Fachtagung des Netzwerk Wädenswil findet am 21. Januar 2005 an der Hochschule Wädenswil (HSW) in der Aula statt. Informationen über die aktuellsten Anbauthemen in Kern- und Steinobst werden von in- und ausländischen Referenten vorgestellt.

 
 
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