Ausgabe Nummer 15 (2006)
Wildtiere vor dem Mähtod retten
Wildtiere vor dem Mähtod retten
Jedes Jahr werden im Thurgau Hunderte von Rehkitzen, Hasen, Füchsen und anderen Wildtieren vermäht. Das müsste nicht sein, denn mit entsprechenden Massnahmen vor und während des Mähens könnte eine grosse Anzahl von ihnen gerettet werden.

Mähen von innen nach aussen.
(zVg)
Gemäss Statistik der Kantonalen Jagdverwaltung werden im Thurgau jährlich zwischen 150 und 200 Rehe vermäht. In der ganzen Schweiz sind es zwischen 1200 und 3100. Ob es mehr oder weniger sind, hängt vor allem vom Zeitpunkt des Heuet ab. Denn wenn witterungsbedingt erst Ende Mai gemäht werden kann, wenn das Gras bereits sehr hoch steht, dann ist auch das Risiko gross, dass die Kitze ihren «Schutzraum» nicht verlassen und vermäht werden. Und Hasen, Füchse und kleinere Wiesenbrüter wie Kiebitze fallen den Klingen der Mähgeräte oft zum Opfer, ohne dass dies überhaupt bemerkt wird.
Unsichtbar und bewegungslos
Das Reh als Steppentier und Waldrandbewohner hat seinen Nachwuchs schon immer bevorzugt auf offenen Flächen zur Welt gebracht. Die Kitze werden von den Geissen in den Wiesen «gesetzt», weil diese dort am sichersten vor ihren Fressfeinden sind. Die Zeichnung des Fells, die Geruchlosigkeit in den ersten Lebenswochen und das angeborene «Sich-Drücken» bei einem sich nähernden Feind haben über Zehntausende von Jahren optimal geschützt. Heute aber sind diese Schutzfunktionen oft tödlich. Früher, als die Wiesen noch von Hand oder mit dem Handmäher gemäht wurden und das nur zwei, dreimal pro Jahr war die Überlebenschance wesentlich grösser, da die Tiere noch im letzten Moment flüchten konnten. Doch mit breiter werdenden Mähwerken, hohen Mähgeschwindigkeiten und fast monatlichen Mähzyklen steigt auch die Zahl der vermähten Wildtiere an.

Verblenden von Heuwiesen (Alex Hasler)
Vorbeugen und ...
Wer im Heuet übers Land fährt, sieht, vor allem auf Wiesen den Waldrändern entlang, von Jägern und Landwirten aufgestellte, an Stangen flatternde Tücher oder Kunststoffsäcke sowie Baustellenlampen. Mit diesen am Vorabend der Mahd aufgestellten Scheuchen sollen die Rehgeissen veranlasst werden, in der Nacht ihre Kitze aus der Wiese herauszuholen und in Nachbarflächen oder im Wald abzulegen. Wichtig ist, dass das «Verblenden» der Wiesen erst am Tag vor dem Mähen durchgeführt wird, da sich sonst das Wild sehr rasch daran gewöhnt. Deshalb sollte auch das Verblendmaterial wieder weggenommen werden, wenn beispielsweise wegen eines Wetterumbruchs nicht gemäht werden kann. Zwar kommt es in der Praxis immer wieder vor, dass trotz Scheuchen die Kitze in den Wiesen belassen werden, vor allem auch unter Hochstammbäumen. Trotzdem ist das «Verblenden» heute immer noch die effektivste Art der Jungwildrettung. Denn technische Wildretter, die an den Traktoren befestigt werden, weisen immer noch Mängel auf. Dies obschon die neueste Wildrettergeneration Infrarot- und
Mikrowellensensoren kombinieren, um Temperaturunterschiede und Wassergehalt der Umgebung zu messen. Wildtiere können so als «warmes Wasser» von Wiese, Steinen und Boden unterschieden werden.
... Mähtechnik sind entscheidend
Eine einfache Umstellung der Mähmethode könnte noch zusätzlich vielen Wildtieren helfen: Das «Mähen von innen nach aussen». Untersuchungen haben gezeigt, dass diese Methode für Bauern nicht zeitaufwändiger ist. Das herkömmliche Vorgehen, am Feldrand mit dem Mähen zu beginnen, führt dazu, dass die Wildtiere in die Mitte gedrängt und dort am Schluss vermäht werden. Wird dagegen von innen nach aussen gemäht, werden gefährdete Tiere nach aussen, in ungefährdete Nachbarflächen, «gedrückt». Dies hilft zwar nicht frisch geborenen Tieren, aber im Alter von zwei, drei Wochen ist eine Flucht bereits wahrscheinlich. So oder so: Wildtiere können nur vor dem Mähtod gerettet werden, wenn Bauern und Jäger gemeinsam Schutzmassnahmen vorkehren.
