Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
13. April 2018


"Wir können uns keine Grabenkämpfe mehr leisten"

Ausgabe Nummer 7 (2016)

Die Delegierten der Schweizer Milchproduzenten SMP haben sich mit 135 zu 10 Stimmen klar zur LactoFama bekannt. So muss die TMP (Thurgauer Milchproduzenten) bei ihren Mitgliedern weiterhin die Gelder für die Milchmarktstabilisierung einziehen. Trotz Mehrheitsbeschluss kämpfen Roland Werner, Präsident der Thur Milch Ring AG, und Godi Siegfried, Präsident PMO Züger/Forster, weiter: Gegen die LactoFama und gegen den Präsidenten der Thurgauer Milchproduzenten Ruedi Schnyder sowie einen Teil des Vorstandes TMP.

Der Thurgauer Bauer hat Ruedi Schnyder zur aktuellen Lage befragt:

Ruedi Schnyder, schlafen Sie noch gut?
Generell ja. Trotzdem habe ich ein paar weniger gute Nächte hinter mir, weil ich der Meinung bin, dass auf die falschen Leute gezielt wird. Ich muss mich mit Problemen herumschlagen, welche aufgrund der Sachlage sowie Mehrheitsbeschlüssen eigentlich gar nicht existieren sollten.

Die Öffentlichkeit hat einerseits das Bild zweier unzufriedener Landwirte, welche gegen LactoFama in der jetzigen Form sind und dennoch gezwungen werden, für diese Beiträge zu entrichten. Anderseits wird von denselben die Forderung gestellt, dass Sie als Präsident sowie weitere Vorstandsmitglieder abgesetzt werden müssen. Nun stellt sich so manchem wohl die Frage, um was es denn tatsächlich geht?
Grundsätzlich geht es darum, ob nach wie vor die Mehrheit das Sagen hat oder schlussendlich Minderheiten nachgegeben werden muss. Aber ich muss etwas ausholen: Zum einen ist da die Ja-/Nein-Frage betreffend LactoFama und deren Umsetzung, zum andern geht es um das Funktionieren einer Berufsorganisation. Wie gross ist das Interesse, diese Organisation weiterhin in der ganzen Breite aufrechtzuerhalten, wann ist der Zeitpunkt da, dass unzufriedene Mitglieder die Konsequenzen zu ziehen haben? Schlussendlich ist unsere Genossenschaft statutengemäss für alle da und den Mehrheitsbeschlüssen verpflichtet.

In der BauernZeitung wurde Ihnen beim Streitgespräch bereits der Vorwurf gemacht, dass Sie sich immer nur auf die Statuten berufen.
Was heisst denn hier «nur»? Was ist in einer Organisation den Statuten übergeordnet? Nichts! Wir sind zwar dabei, die Statuten zu überarbeiten und den heutigen Gegebenheiten, beziehungsweise den Bedürfnissen der Mitglieder anzupassen. Aber so oder so ist es ein Instrumentarium, an welches sich jeder halten muss.

Ein Vorwurf lautete auch, dass Sie Minderheiten übergehen.
Diesen weise ich vehement zurück. Natürlich basiert das Delegiertensystem auf der alten Ordnung, als die Delegierten von den Genossenschaften bestimmt wurden. Dies existiert mit den PMO und PO nun aber praktisch nicht mehr. Neu wollen wir, dass an der GV und insbesondere den Regionalversammlungen alle wichtigen Themen und Beschlüsse vorbesprochen werden können.

Wie stellen sich Präsidium und Vorstand TMP zur Zukunft von LactoFama?
Von der Sachlage her ist man sich im Vorstand nicht durchwegs einig. Ich selbst bin nach wie vor der Ansicht, wenn schon LactoFama, soll sich diese auf ihre Mitglieder beschränken, will heissen, eine Versicherungslösung für diese darstellen. Das deckt sich auch mit Godi Siegfrieds und Roland Werners Aussagen. Die Mitgliedorganisationen sowie der Vorstand SMP sagen klar, dass bei LactoFama alle mitziehen müssen, da es sonst nicht funktionieren kann. So sollen Trittbrettfahrer verhindert werden. Zurzeit sind wir noch in einer Warteposition. Die nächsten Entscheide werden auch durch die sehr düsteren Aussichten für das Frühjahr geprägt sein. Der Absatz stockt, die Milchmenge steigt, die Rechnung kann nicht aufgehen!

TMP hat mittlerweile rund 950 Mitglieder, seit Beginn des LactoFama-Streits sind knapp 50 ausgetreten. Die Gegner haben ca. 200 Milchproduzenten hinter sich, von welchen aber über die Hälfte die Beiträge noch bezahlt. So gross kann der Widerstand demnach nicht sein, wie von den Anführern weisgemacht wird?
Eben! Im Grunde könnte ich mich zurücklehnen, wie bisher mit der Mehrheit weiterarbeiten und jedem freistellen, ob er gehen oder bleiben will. Aber wir verfolgen nach wie vor das Ziel, unsere Leute zusammenzuhalten. Deshalb hat der Vorstand den Ausschluss der säumigen Zahler zugunsten besagter «Betreibungsandrohung» Ende letzten Jahres aufgeschoben. Ohne Kompromiss geht es in solchen Streitsituationen nicht, und in der Phase einer Kompromissfindung stecken wir nach wie vor.

Zwei Personen haben einen Medienrummel ausgelöst, welcher schweizweit Wellen schlug. Ein Feuer wurde entfacht, kann dieses gelöscht werden oder mottet es noch monatelang weiter?
Ich erwarte, dass wir uns auf eine gemeinsame Linie einigen. Die Schweizer Milchproduzenten stehen zusammen mit den europäischen Kollegen ohnehin unter grossem Druck. Die Marktkräfte sind unerbittlich. Vor diesem Hintergrund können wir uns solche Grabenkämpfe sicher nicht mehr leisten.

Am 29. März findet die Generalversammlung TMP statt. Denken Sie, dass die Mitglieder noch genügend Vertrauen in Sie und den Vorstand haben, um Sie bei einer Vertrauensfrage zu bestätigen?
Da bin ich sicher, wenn die Mitglieder – also nicht nur die gegnerischen, sondern auch die zahlenden – in der üblichen Anzahl teilnehmen. Wichtig ist, dass sich jeder Gedanken darüber macht, dass eine Mitgliedschaft in einer Vereinigung, in unserem Fall einer Genossenschaft, mit Rechten und Pflichten verbunden ist. Rechte: man kann von den Dienstleistungen profitieren; Pflichten: Beschlüsse werden mitgetragen, bei Uneinigkeit kann und muss man sich einbringen und sich melden, bevor der Einzahlungsschein ins Haus flattert.
Es muss auch respektiert werden, dass «Solidarität» nicht erzwungen werden kann, diese aber nach wie vor der Urgedanke einer solchen Organisation ist. Schon an früheren Versammlungen habe ich dazu aufgerufen Solidarität durch Respekt und Toleranz zu ersetzen. Eine Minderheit muss eine vorhandene Mehrheit respektieren, im Gegenzug muss eine Mehrheit die Toleranz aufbringen, dass eine andersdenkende Minderheit exstiert. Aus diesem Blickwinkel müssen auch künftige Entscheide rund um LactoFama und die Funktion der SMP akzeptiert werden.

Wenn Sie von Respekt und Toleranz reden, klingt das zwar schön. Aber trotzdem schauen die meisten nur für ihr eigenes Gärtchen.
Wenn ich beispielsweise sage, dass Solidarität durch Respekt ersetzt werden sollte, betrifft dies auch die PMO und PO. Es ist nicht akzeptabel, dass jeder nur für sich schaut. Nehmen wir zum Beispiel die Firma Emmi. Diese sagt ja heute schon, dass – wenn es hart auf hart kommt – nicht die eigenen, sondern die Ostschweizer Lastwagen mit der Milch stehengelassen werden. Irgendwann stehen diese dann still, und Verarbeiter wie Züger, Strähl oder andere erhalten Anrufe, dass egal zu welchem Preis Milch angeliefert wird. Und spätestens dann geraten besagte Gärtchen immer mehr ins Rutschen.
Der Milchmarkt ist ein hartes Tagesgeschäft. Bei aller Achtung vor Individualisierung ist es unsere Aufgabe als Dachorganisation, Stufe Schweiz oder Thurgau, dafür zu sorgen, dass wir einen gemeinsamen Nenner finden.

Wichtige Informationsmöglichkeiten sind dann sicherlich auch die kommenden Regionalversammlungen? (siehe Kasten unten).
Ja ganz klar, denn die Meinungsbildung ist ja noch nicht abgeschlossen. Für uns sind diese Anlässe, an denen auch jene zu Wort kommen sollen, welche – aus welcher Überzeug auch immer – den LactoFama- Beschluss mittragen und jeweils fristgerecht bezahlen.

Apropos bezahlen. Einige Mitglieder weigern sich vehement, die geforderten Zahlungen zu leisten.
Es gibt grundsätzlich keine Amnestie für geschuldete Beiträge, dieser Beschluss ist in Stein gemeisselt. Auch die Beiträge der Ausgetretenen bleiben innerhalb der Fristen weiterhin geschuldet. Dies ist der Stand der Dinge, und daran wird nicht gerüttelt. Wir wären unglaubwürdig, würden wir nicht jedes Mitglied gleich behandeln.


Interview: Daniel Thür













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