Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
26. Juni 2020


"Wir wissen nicht, wie es weitergehen soll"

Ausgabe Nummer 10 (2018)

Ernst und Heidi Weber aus Amlikon-Bisseg haben Ende letzten Jahres erfahren, dass sie nicht nur kein Betriebsgebäude und Stallungen bauen dürfen, sondern auch die vor zwei Jahren legal erstellte Remise abreissen müssen. Das hat das Bundesgericht so entschieden.

Ernst Weber schüttelt noch immer ungläubig den Kopf. «Einen Augenschein vor Ort haben die Richter nie vorgenommen. Ich bin überzeugt, sie hätten anders entschieden», sagt er resigniert. Angefangen hat alles mit einer alten Scheune, welche bereits seit rund 50 Jahren auf dem Grundstück steht. «Wir mussten was machen, da wir zu wenig Platz für die Tiere und Maschinen hatten; deshalb haben wir diese Remise geplant», so Weber, der auch ein Betriebsund Stallgebäude erstellen wollte. Doch dazu kam es gar nicht mehr. Alles nahm seinen gewohnten Lauf, bis Pro Natura auf den Plan trat. Obwohl die Gemeinde längst grünes Licht gegeben hatte, stellte sich die Naturschutzorganisation quer.

Gerichtsmarathon absolviert
So wurde der Fall vor das Verwaltungsgericht gezogen. Auch dieses sah keinen Grund, die Erstellung eines in die Natur gut eingebettetes Gebäude zu verweigern und gab vorerst ebenfalls grünes Licht. «Doch Pro Natura machte ständig irgendwelche Einsprachen, zum Beispiel wegen der Vernetzung, dem Neuntöter, den Vögeln, dem Wild, so ging es immer weiter. Dies, obschon wir auch vom Raumplanungsamt und der Gemeinde die Bewilligung erhalten hatten. Ich habe das Gefühl, Pro Natura hatte sich richtig an uns festgebissen», ist Weber überzeugt. «Sie versuchten dann, beim Bundesgericht eine aufschiebende Wirkung zu erzielen, dies wurde jedoch abgelehnt». Dies überzeugte Webers, dass sie Recht behalten, und so bauten sie im November 2015 die Remise, welche nun wieder abgebrochen werden soll. Im Nachhinein ein fataler Fehler.

Pro Natura gewinnt
Doch Pro Natura gab nicht auf und rekurrierte beim Verwaltungsgericht. Es kam zu einer zweiten Verhandlung, das Gericht revidierte sein erstes Urteil und entschied gegen Familie Weber. Der Schock sass tief. «Wieso entscheidet ein Gericht erst zugunsten einer Partei und in der zweiten Verhandlung gegen sie? Wir verstehen das einfach nicht», sagt Heidi Weber traurig. «Es blieb uns nichts anderes übrig, als ans Bundesgericht zu gelangen».
Auch dort beharrte Pro Natura darauf, dass es sich beim geplanten Grundstück um eine weitgehend unberührte Geländekammer in einem Landschaftsschutzgebiet handle. Diese habe erst noch eine wichtige Vernetzungsfunktion. Und dann folgte, was Familie Weber nie für möglich gehalten hätte: Das Bundesgericht gab Pro Natura recht. Der zweite Schock.

Gefahr Präzedenzfall
«Wir konnten es gar nicht glauben», so Heidi Weber. Seither ist nichts mehr wie es mal war. «Das geht psychisch wie physisch an die Substanz». Wie es weiter geht, wissen sie noch nicht. Im Moment richten sie die Augen auf ein geplantes Projekt in der Umgebung und die ungewisse Frage, was hier wohl passieren wird. Denn Webers glauben, dass man mit ihrem Beispiel einen Präzedenzfall schaffen will. «Das darf nicht passieren, ein solcher Betrieb gehört nicht mitten ins Dorf, sondern muss etwas ausserhalb platziert werden. Wenn beispielsweise nachts Remonten «plärren», weil die jungen Tiere weggenommen werden, kann das störend wirken». Die Leute seien immer empfindlicher und intoleranter und würden mitten in der Nacht anrufen, beispielsweise wenn die Tiere lärmen. Sogar die Polizei wurde schon mobilisiert, weil Kühe brüllten. Aber hier in der Remise hätten Mensch und Tier ihre Ruhe, erklärt Ernst Weber und starrt einmal mehr ratlos auf das Gebäude, dass er zurückbauen oder auf gut Deutsch «abreissen» soll.

Nachgefragt:
Der Fall hat ja nicht nur Kosten verursacht, sondern belastet auch enorm. Wie geht es Ihnen?
Ernst Weber: Es geht der ganzen Familie sehr schlecht. Unser Sohn würde den Betrieb gern übernehmen. Aber so macht man jemanden kaputt. Das macht mir seelisch sehr zu schaffen. Wir mussten unter anderem auch bestätigen, dass wir einen Nachfolger haben, sonst hätten wir gar nie einen Ausbau planen dürfen. Darum läuft der Betrieb bereits über meine Ehefrau Heidi Weber und unseren Sohn.

Was passierte, nachdem die aufschiebende Wirkung vom Bundesgericht abgewiesen wurde und Sie bauten?
Ernst Weber: Pro Natura klagte weiter und es ging es vom Bundesgericht zurück ans Verwaltungsgericht. Anschliessend kamen etwa 15 Leute vom Verwaltungsgericht, Pro Natura, Raumplanungsamt usw. Das Raumplanungsamt war auf unserer Seite, da das Gebäude bestens in die Landschaft passt und nicht auffällt.

Wie reagieren die Leute aus dem Dorf auf das Projekt selbst?
Ernst Weber: Jemand hatte Einsprache erhoben, diese wurde aber wieder zurückgezogen. Die Leute dachten, es gehe um ein Naturschutzproblem und unterschrieben ohne Genaueres zu wissen. Die Pläne lagen aber auf. Die Baueingabe mussten wir zweimal machen, weil die Halle länger geplant war, das Landwirtschaftsamt diese aber um 6 m kürzte, es hätte zu viele Maschinen usw. Darauf hängte Pro Natura ein mit der Begründung, es entspreche nach der Kürzung nicht mehr dem ursprünglichen Projekt. Unsere Anwältin sagte, dass sie sowas noch nie erlebt hatte. Wenn etwas kürzer als geplant sei, hätte sich noch nie jemand beklagt.

Wie viele Leute waren jeweils von Pro Natura bei Ihnen vor Ort?
Ernst Weber: So zwischen zwei und acht Personen. Vor Gericht beanstandete einer, dass der Wildwechsel gestört und unterbrochen würde. Wir luden daraufhin Toni Kappeler von Pro Natura ein, nachts zu kommen, um zu beobachten, wie Füchse, Rehe und Hasen, ja selbst Dachse, bei den Pferden sind, also keinesfalls eine Störung vorkommt. Er nahm diese Bemerkung aber nicht mal zur Kenntnis.


Daniel Thür







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