Ausgabe Nummer 34 (2004)

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Wo eine Kuh Wohlstand bedeutet

Landwirtschaft in Burkina Faso, Westafrika
 
Wo eine Kuh Wohlstand bedeutet
 
Während der Sommerferien machte ich einen Sozialeinsatz in Burkina Faso, in Westafrika. Die ehemalige französische Kolonie ist eines der ärmsten Länder dieser Welt. Ein Paar geschlossene Schuhe sind schon ein Zeichen des Wohlstandes. Im folgenden Artikel möchte ich meine Beobachtungen über das Leben der Bauern beschreiben.
 
 
Die Kühe werden nicht gemolken, sondern
als Fleischlieferant und Arbeitstier gebraucht.
(Foto: Helen Kilchhofer)
Da dieses Jahr die Regenzeit einen Monat
zu spät begann, wird die Ernte
voraussichtlich sehr knapp ausfallen. Im
Hintergrund sind die traditionellen Häuser.
(Foto: Helen Kilchhofer)
 
Etwa achtzig Prozent der Bevölkerung im ehemaligen Obervolta sind in der Landwirtschaft tätig. Der Ertrag reicht meist knapp zur Selbstversorgung. Der kleine Überschuss wird auf dem Markt verkauft und erlaubt so ein minimales Einkommen. Die Armut ist riesig. Die reichen Bauern haben einen Esel, um das Feld zu pflügen, die Armen nur eine Hacke. Die Anbauzeit ist kurz. Juni bis Oktober ist Regenzeit. Wenn es regnet, ist es für die Burkinabés schönes Wetter. Während dieser Zeit spriessen überall die Pflanzen, Büsche und Bäume. Während des Rests des Jahres fällt kein Tropfen mehr. Die Pflanzen verdorren und die Bäume verlieren die Blätter. Da die Regenzeit kurz ist, ist jede Hand auf dem Feld wichtig. Schon wenige Tage nach der Geburt ihres Kindes arbeiten die Mütter wieder auf dem Feld. Die Säuglinge haben sie mit einem Tuch auf den Rücken gebunden. Sobald die Kinder genug alt sind, um die Hacke halten zu können, helfen sie mit oder hüten ihre noch jüngeren Geschwister. Wegen der grossen Hitze ist jedoch das Arbeitstempo eher gemächlich. Zwischendurch werden immer wieder Pausen im Schatten eines Baumes gemacht. Die Erde ist rötlich. Angepflanzt wird vorwiegend Mais, Hirse und Süsskartoffeln. Im Garten wachsen Tomaten, Peperoni, Petersilien, Zwiebeln, Bohnen, Erdnüsse, Kohl, Auberginen und Gombos. Auf den Feldern stehen einige Mango-, Orangen und Karitébäume. Karité ist eine Art Nuss. Früher war die Gegend um das Dorf bewaldet. Die meisten Bäume wurden abgeholzt, um das Land urbar zu machen und um Feuerholz zu gewinnen. Heute droht die Verwüstung des Bodens, und die Frauen müssen oft kilometerweit gehen, um Holz zum Kochen zu finden.

Kühe als Zeichen von Wohlstand
Der etwas reichere Teil der Bevölkerung hat einige Haustiere wie Schweine, Ziegen, Hühner, Perlhühner oder Hunde. Kühe deuten schon auf einen gewissen Wohlstand hin. Jedoch werden diese nicht gemolken, sondern als Arbeitstier und Fleischlieferant gebraucht. Während des Tages werden die Tiere meist zum Grasen auf eine Wiese gebracht und an einem Bein angebunden, damit sie nicht weglaufen. Ziegen, Schweine und Hühner verbringen die Nacht in einem Verschlag, damit sie nicht von wilden Tieren gefressen werden. Kühe und Esel werden im Hof angebunden. Aufgrund des knappen Futters sind die meisten Tiere viel kleiner und magerer als bei uns.
Fleisch kommt selten auf den Teller. Wenn die Tiere geschlachtet werden, werden sie sofort gegessen. In der Hitze lässt sich das Fleisch schlecht konservieren. Von den Krallen über die Innereinen bis zum Kopf kommt vom Tier alles auf den Teller. Da die Familien meist sehr zahlreich sind, ist auch ein Schweinchen schnell gegessen. Fast alle Kinder sind dünn, aber sehr muskulös. Wegen Eiweissmangel haben viele ganz aufgeblähte Bäuche, so genannte Hungerbäuche.
Die Vorräte werden in kleinen Speichern aus Stroh aufbewahrt. Normalerweise wird nur einmal pro Tag, am Abend, gegessen. Wenn die Vorräte knapp werden, kann es vorkommen dass es drei oder vier Tage lang nichts zu essen gibt.
Wasser ist ein sehr kostbares Gut. Während der Regenzeit gibt es heftige Schauer. Doch das Wasser versickert schnell im ausgetrockneten Boden. Die Frauen und Kinder holen das Wasser aus Ziehbrunnen oder pumpen es aus der Tiefe. Doch nicht alle Brunnen haben während des ganzen Jahres Wasser.

10 Ehefrauen, 50 Kinder
Christen, Muslime und Anhänger von Naturreligionen leben in Eintracht im selben Dorf. Es kann sogar vorkommen, dass Brüder unterschiedliche Religionen haben. Mehrere Frauen zu haben ist vor allem in der älteren Generation verbreitet. Der Reichtum des Mannes und seine Religion bestimmen die Anzahl Frauen. Die christliche Kirche verbietet die Vielweiberei, während Muslime und Anhänger von Naturreligionen mehrere Frauen haben können. Wenn der Mann stirbt, geht seine Ehefrau an seinen Bruder weiter. Kinder, welche nach seinem Tod gezeugt werden, gelten immer noch als Kinder des verstorbenen Ehemannes. Der Naaba, der Dorfkönig, hat 10 Frauen und etwa 50 Kinder.
Die Menschen leben in traditionellen runden oder eckigen Lehmhütten mit Stroh-oder Wellblechdächern. Da die Hütten dunkel und klein sind, spielt sich das Leben grösstenteils draussen ab. Meist leben Familienclans zusammen und die nächsten Nachbarn sind etwas weiter weg. Der Mann der Familie wohnt in einer Hütte, in eines anderen sind die Frau und die Kinder. Wenn der Mann mehrere Frauen hat, wohnt jede mit ihren Kindern in ihrer eigenen Hütte. Weiter gibt es eine Hütte für die Küche und einen Stall für die Tiere. Alle Gebäude sind mit einer Mauer verbunden, welche einen Hof bildet. Die älteren Söhne haben eine eigene Hütte. Der Älteste bleibt bei der Familie, während die Jüngeren in der Stadt ein Einkommen suchen. Die Mädchen ziehen bei der Heirat zum Mann. Vor allem früher wurden die Mädchen von ihren Eltern zur Heirat gegeben.
Die bittere Armut und die traditionelle Einstellung der Eltern erlauben nur wenigen Kinder zur Schule gehen zu können. Der Schulweg ist oft weit und nicht selten sind 50 Kinder in einer Klasse. Neben Schreiben und Lesen wird auch Französisch, die Amtssprache von Burkina Faso, in der Schule gelernt. (uhu)
 
Die Familien sind gross. Sechs bis zehn Kinder pro Frau sind keine Seltenheit. (Foto: Daniel Schaller)
 
Der Esel ist das wichtigste Arbeitstier. Oft besteht sein Kummet aus einem Stück Holz oder einem alten Veloschlauch. Das Geschirr wird mit Veloketten oder Stricken an den Landen befestigt. (Foto: Daniel Schaller)
 

Habt ihr keine Esel?
Zusammen mit 16 anderen jungen Schweizern und dem Hilfswerk für Entwicklungszusammenarbeit Nouvelle Planète sammelten wir in der Schweiz Geld, um eine Schule finanzieren zu können. Mitte Juni reisten wir nach Burkina Faso und halfen eigenhändig mit, die Schule aufzubauen. Wir wohnten im Dorf Songpelsé, etwa 30 Kilometer von der Hauptstadt Ouagadougou entfernt. Im Dorf gab es weder Strom, fliessend Wasser noch eine Post oder eine Telefonleitung. Bei unserer Ankunft war das ganze Dorf versammelt, und es gab ein riesiges Fest. Alle Dorfältesten und Leute mit Rang und Namen wie der Préfet, der Naaba – der Dorfkönig – und der Polizeidirektor des Bezirkes waren anwesend. Während des ganzen Aufenthaltes wurden wir von einer Gruppe von jungen Burkinabés begleitet. Wir arbeiteten zusammen auf der Baustelle, spielten Fussball, assen oder sangen und tanzten. Wir verständigten uns auf französisch oder mit Händen und Füssen.
Auf der Baustelle wurde fast alles von Hand gemacht. So halfen wir Ziegelsteine herzustellen und an den Bestimmungsort zu tragen, mit Schaufeln Beton zu mischen oder am nahen Brunnen Wasser zu pumpen. Manchmal versuchten wir, den Bauern auf dem Feld zu helfen. Mit der Hacke rissen wir das Unkraut aus.
Drei Nachmittage lang wanderten wir durch das Dorf und besuchten jede Familie. Trotz ihrer Armut beschenkten uns die Burkinabés grosszügig. Unter anderem erhielten wir etwa sechs lebendige Hühner. Diesen wurden beide Beine zusammengebunden. So mussten sie dann vor unserer Küche warten, bis sie der Koch schlachtete. Natürlich wurde auch der Naaba – der Dorfkönig – und der lokale Préfet besucht. Dieser lud uns zu einem Fussballspiel ein. Uns wurden sogar die Ehrenplätze im Schatten angeboten. Alle Spieler spielten in Plastiksandalen, Socken und Stulpen, da sie kein Geld für geschlossene Schuhe haben.
Über unsere Fotos aus der Schweiz konnten die Burkinabés nur staunen. So konnten sie kaum glauben, dass unsere Bauern keine Esel und dass unsere Tiere so luxuriöse und grosse Ställe haben. Vielfach sind unsere Ställe grösser als ihre Hütten. Unfassbar waren für sie auch unsere grossen Seen und Flüsse. So viel Wasser an einem Ort. Das ist ja gar nicht möglich! (uhu)

 
 
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