Ausgabe Nummer 29 (2005)
Wovor haben die Milchproduzenten und die Käser Angst?
Ausstieg aus der Milchkontingentierung häufig gestellte Fragen
Wovor haben die Milchproduzenten und die Käser Angst?
Das Thema Ausstieg aus der Milchkontingentierung beschäftigt nach wie vor viele Bauern, dies zeigt sich auch an verschiedenen zahlreichen Fragen, die in der letzten Zeit immer wieder an die Thurgauer Milchproduzenten (TMP) gestellt wurden. Alfred Ernst hat häufig gestellte Fragen zum Ausstieg aus der Milchkontingentierung zusammengetragen und aus Sicht der TMP beantwortet.
Es scheint gegenwärtig hektisch mit Informationen und der Gründung von PO und PMO zuzugehen, was sind die Gründe?
Alfred Ernst: Nachdem verschiedene Produzentenorganisationen (Thur-Milch Ring, Nordostmilch, PO Ostschweiz) und eine Produzenten-Milchverwerterorganisation (Bodensee Milch) gegründet sind, kommt bei vielen Produzenten und Milchkäufern eine Art Torschlusspanik auf. Man meint wohl, etwas zu verpassen, wenn nicht auf den 1. Mai 2006 ausgestiegen wird.
Ist es zwingend, auf den 1. Mai 2006 auszusteigen?
Alfred Ernst: Nein, es können auch per 1. Mai 2007 neue Organisationen aussteigen, und alle Organisationen nehmen auf diesen Zeitpunkt neue Mitglieder auf. Ich betrachte als spätesten Zeitpunkt aus der Kontingentierung auszusteigen den 1. Mai 2008.
Wo liegen die Vor- und Nachteile bei frühzeitigem oder späterem Ausstieg?
Alfred Ernst: Ausgestiegene Milchproduzenten können sich für gemietete Milchkontingente den vereinbarten Mietzins sparen (etwas, was nicht mehr ist, kann nicht mehr gemietet werden), und falls innovative und vom Bundesamt für Landwirtschaft genehmigte Projekte vorliegen, kann mit der Zuteilung von mehr Milch gerechnet werden. Bezüglich der Höhe dieser Mehrmengen darf man sich aber keine Illusionen machen, und ob der Milchpreis attraktiv ist, steht auf einem andern Blatt. Wer später aussteigt, verpasst diese «Chance» im ersten Jahr, kann aber in aller Ruhe zuschauen, wie sich die neuen Organisationen entwickeln.
Was spricht für den Ausstieg in einer Produzentenorganisation, was für den Ausstieg in einer PMO?
Alfred Ernst: Eine Produzentenorganisation kauft die Milch von den angeschlossenen Mitgliedern, rechnet das Milchgeld ab und verkauft die Milch in der Regel an mehrere grosse und kleinere Milchverarbeiter. Es wird sowohl Silomilch als auch silofreie und Biomilch gehandelt. Das Marktrisiko verteilt sich auf eine grosse Milchmenge und auf mehrere Verwerter. Die Produzenten haben das Heft in der Hand und können so im Rahmen der Marktkräfte ihre Erlöse optimieren. Die Milchproduzenten sind nicht von einem oder wenigen Milchverwertern abhängig, sondern in eine Organisation mit Mitspracherecht eingebunden, die über 2009 hinaus Bestand haben wird.
Für eine PMO spricht allenfalls, wenn der oder die Milchverarbeiter mit innovativen Produkten gut am Markt etabliert sind. Die Abhängigkeit der Bauern von Milchverwertern ist aber grösser und muss im Zusammenhang mit allenfalls besseren Milchpreisen für silofrei produzierte oder Biomilch beurteilt werden. Im Übrigen kaufen alle mir bekannten POs auch silofreie Milch und vermarkten diese bestmöglich oder bieten den Käsereigenossenschaften die Variante «Tunnellösung» an.
Warum entstehen in der Ostschweiz mehrere PMO mit Käsereimilch?
Alfred Ernst: Unser Bestreben war von Anfang an, die Milchproduzenten in POs zu organisieren, weil sich der Vorstand davon am meisten Vorteile für die Produzenten erhoffte. Trotz frühzeitiger Information schien dies nicht zu fruchten. Nun nahmen in einer zweiten Phase die Milchkäufer (Käser) den Faden auf, wohl aus Respekt oder Angst, die bäuerlichen Produzentenorganisationen könnten zu stark werden. Die Milchproduzenten wiederum sind seit Jahrzehnten mit den Käsereien verwurzelt und fürchten sich vor weit reichenden Veränderungen (Wechsel des Milchkäufers) in einem liberalisierten Käsemarkt.
Persönlich befürchte ich, dass einige der neuen PMOs nicht über 2009 Bestand haben werden, da der Zusammenhalt zu wenig gross ist und die Milchproduzenten der Eigendynamik aktiver Käser in einer PMO nichts entgegenzusetzen haben. Verlierer wären dann einmal mehr die Milchproduzenten. Es wird aber auch PMOs geben, die ihre Sache gut machen und die auch Bestand haben werden.
Wie ist die Haltung des Vorstandes der Thurgauer Milchproduzenten?
Alfred Ernst: Der Vorstand hat mehrfach bekräftigt und an einer Sitzung im April 2005 noch einmal klar festgehalten, dass die Milchproduzenten durch eine Zersplitterung der Kräfte in mehrere kleine Organisationen geschwächt werden. Die Milchproduzenten sollten sich unabhängig von einem Verwertungskanal stark organisieren und damit das Risiko minimieren, und die Milchverarbeiter sollten ihre Aktivitäten auf Produktion und Verkauf der Produkte ausrichten.
