Ausgabe Nummer 17 (2008)

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Zehn Jahre Wildschweine im Raum Wellenberg

Was vor zehn Jahren mit ersten Pionieren begann, ist heute Tatsache: im Raum Wellenberg hat sich eine starke Schwarzwildpopulation gebildet. Die meist nachtaktiven Tiere hinterlassen denn auch ihre deutlichen Visitenkarten in Wiesen und Äckern. Natürlich nicht zur Freude von Landwirten und Jägern. Trotzdem, mit den Wildschweinen müssen wir heute leben.

Im Winter 1997/98 wurden in der Umgebung des Wellenberges erste Spuren von Wildschweinen festgestellt. Erste Anzeichen von nächtlichen Besuchen in Form von «Gebräch»-Löchern, wie wir Jäger die Wühllöcher von Wildsauen in Wiesen und Äckern bezeichnen, konnten festgestellt werden. Anlässlich einer herbstlichen Treibjagd im «Wellhausertobel» wurde dann erstmals ein einzelnes Stück Schwarzwild von einem Treiber gesichtet. Heute, nach gut zehn Jahren, sind die Wildschweine im Raum Wellenberg sesshaft geworden.

Die A7 als Barriere
Schwarzwild kam in den Achtziger- und frühen Neunzigerjahren bereits im Thurgau vor. Die Bestände beschränkten sich aber mehrheitlich auf das Gebiet des Seerückens. Nicht nur die grossen Waldungen mit dem hohen Anteil von Laubholz bildeten gute Einstände für die Wildschweine, auch die A7 stellte offensichtlich für längere Zeit eine Art Barriere dar, die aber vor rund zehn Jahren irgendwo überwunden werden konnte. So erstaunte es nicht, dass am 29. Mai 1998 die allererste Sau im Jagdrevier «Thundorf-West» geschossen wurde und deren Erlegung auch gebührend gefeiert werden konnte. Zuerst gingen die Jäger aber davon aus, dass es sich nur um Einzeltiere handelte, die ab und zu in der Region auftauchten. Sie mussten sich jedoch bald eines Besseren belehren lassen, da sich wenig später Sauen bereits in grösseren Rotten im Gebiet des Wellenbergs zeigten. Im Nachhinein wenig erstaunlich, denn die Voraussetzungen für ein rasches Anwachsen der Population sind in diesem Gebiet geradezu ideal für die Borstentiere. Zwei grosse geschlossene Waldregionen, im Norden der Wellenberg, im Süden der Immenberg, bieten ruhige und zum Teil nur schwer zugängliche Einstandsgebiete, während der Tisch rundum reichlich gedeckt ist. Die Landwirtschaft bietet ein üppiges Nahrungsangebot, die natürlichen Feinde fehlen völlig und die milden Winter der letzten Jahre sorgten für eine minimale Sterberate unter den Frischlingen. Somit blieb und bleibt als einziges Mittel zur Bestandesregulierung noch die Jagd, die aber ausserordentlich aufwändig ist, muss man doch für das Erlegen nur einer Sau mit einem Zeitaufwand von 20 bis 40 Stunden rechnen.

Von 7 auf über 100
Dass die rasant ansteigenden Wildschweinbestände oftmals auch den Puls der davon betroffenen Landwirte und Jäger massiv ansteigen liess, ist verständlich. Die Schäden waren ungewohnt und ärgerlich, die Bejagung des Schwarzwildes und das Vermeiden von Schäden zu Beginn von Ratlosigkeit geprägt. Inzwischen haben Bauern und Jäger Mittel und Wege gefunden, um das Beste aus der Situation zu machen. Die Sauen sind nun einmal da. Wichtig für eine erfolgreiche Bejagung war die Bildung eines sogenannten Hegerings, bestehend aus neun Jagdrevieren rund um den Wellen- und Immenberg. Dazu gemeinsame Strategien und grossräumig angelegte, gemeinsame Treibjagden. Der Erfolg blieb nicht aus. Im relativ kleinen Jagdrevier Thundorf-West konnte kürzlich die hundertste Wildsau erlegt werden, und im ganzen Hegering stiegen die jährlichen Abgangszahlen von sieben im Jagdjahr 1997/98 auf 136 Stück im Jahr 2007/08. Diese Zahlen sind durchaus auch ein Spiegelbild der Abschüsse im ganzen Kanton Thurgau. Von um die 30 Tiere Anfang der Neunzigerjahre stiegen diese im letzten Jagdjahr auf 531 Sauen. Trotz diesen grossen jagdlichen Bemühungen liess es sich nicht vermeiden, dass auch die Schäden in Wiesen, im Mais und Weizen kontinuierlich angestiegen sind. So betrugen diese rund um den Wellenberg im Jahr 1997/98 Fr. 1120.?, im letzten Jahr waren es Fr. 85 000.?. Davon tragen die Jagdgesellschaften einen Anteil von 15 Prozent, der Kanton bezahlt den Rest.

Am gleichen Strick ziehen
Nach zehn Jahren Erfahrung im Umgang mit Schwarzwild im Raum Wellenberg darf man feststellen, dass Bauern und Jäger grossmehrheitlich eingesehen haben, dass es gar nichts anderes gibt, als sich mit der Situation abzufinden. Die Wildschweine sind da, und es geht vor allem darum, wie man gemeinsam die Wildschäden möglichst gering halten kann. Die wesentlichsten Punkte dafür sind: Gemeinsam am gleichen Strick ziehen, miteinander und nicht gegeneinander arbeiten, sich gegenseitig unterstützen, beispielsweise, wenn sich Landwirte als Treiber an einer Gemeinschaftsjagd zur Verfügung stellen oder die Jäger anstatt zur Büchse einmal zur Mistgabel greifen, um Wiesenschäden auszubessern. Denn damit fällt es wesentlich leichter, sich mit den vorhandenen (Sauen-)Fakten abzufinden.

Christian Haffter, Präsident Jagd Thurgau


Die Umgebung von Schloss Wellenberg – ein Refugium für Wildschweine. (Martin Ebner)
Die Umgebung von Schloss Wellenberg – ein Refugium für Wildschweine. (Martin Ebner)