Ausgabe Nummer 45 (2005)
Zeit für Risiko- und Folgenforschung nutzen
Bauernbrunch: Volksinitiative «für Lebensmittel aus gentechnikfreier Landwirtschaft»
Zeit für Risiko- und Folgenforschung nutzen
Nationalrat Hansjörg Walter und Nationalrätin Edith Graf-Litscher informierten vergangenen Sonntag während eines Bauernbrunches über die Vorteile, die ein Ja zum Gentechmoratorium für die Thurgauer Landwirtschaft und die Thurgauer Konsumenten bringt. Knapp 20 Personen haben den Anlass in Altishausen auf dem Lindenhof der Familie Diener besucht.

Nationalrat Hansjörg Walter und
Nationalrätin Edith Graf-Litscher
erwarten, dass während des
fünfjährigen Gentechmoratoriums
die Risikoforschung weitergeht. (kb)
Im familiären Rahmen, beim feinen, reichhaltigen Brunch entstand in der geheizten Scheune auf dem Lindenhof eine sehr gemütliche Atmosphäre. Um elf Uhr gab Nationalrat Hansjörg Walter einen Einblick in Geschichte und Werdegang der Gentechfrei-Initiative, und Nationalrätin Edith Graf-Litscher wies auf das grosse Gewicht hin, das die Risiko- und Folgenforschung besitzt. Zwei weitere Brunchs zum Thema Gentechmoratorium finden diesen Sonntag, 13. November 2005, in Oberwangen und bei Frasnacht statt (siehe Kasten).
Geschichte und Werdegang
Die Gentechfrei-Initiative hat in der Schweiz eine lange Geschichte. Zu Beginn waren die Meinungen dazu im Schweizerischen Bauernverband (SBV) sehr gespalten. Gentechnik kam vor allem in den USA auf. Als grosser Vorteil wurde damals gesehen, dass weniger gespritzt werden müsse. Die gespaltene Meinung zum Gentechmoratorium hielt sich innerhalb des SBV bis ins Jahr 2000. Aber mit heutigem Erfahrungsstand, fünf Jahre später, ist sich der SBV einig: es braucht ein zeitlich beschränktes Gentechmoratorium bis ins Jahr 2010. Der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen nimmt massiv zu. Weltweit werden bereits 700 Mio. ha mit gentechnisch veränderten Kulturen angebaut. Zudem ist feststellbar, dass die USA in Europa Probleme mit dem Absatz gentechnisch veränderter Soja- und Mais-futtermittel hat, weil Nordamerika praktisch keine «gentechfreie» Zonen mehr besitzt. Als Folge davon bevorzugen Europas Bauern Futtermittel ohne gentechnisch veränderte Organismen (GVO) aus Südamerika und Brasilien. Hansjörg Walter ist sicher: «Wir müssen uns mit unseren Produkten gegenüber dem Ausland profilieren. Mit einer gentechfreien Produktion können wir uns gegenüber anderen Ländern abheben.»

Diesen Sonntag finden nochmals
zwei Bauernbrunches statt
(siehe Kasten)!
Verordnung muss praktisch umsetzbar sein
Das Gentechnikgesetz ist 2004 in Kraft getreten und, bezogen auf Europa, das strengste auf dem Kontinent. Die Haftbarkeit ist geregelt: Die Firma, die GVO in Verkehr bringt, ist haftbar für allfällige Folgeschäden. In der Praxis wir es aber nie so sein, dass bei der Inverkehrbringung die verantwortlichen Konzerne auftreten, sondern nur einzelne Firmen, die nicht vollumfänglich haften können und bei hohen Haftungsanforderungen Konkurs gehen. «Hier kommen wir zum Problem der Umsetzung der Verordnung», erläutert Hansjörg Walter. Nach der Abstimmung vom 27. November 2005 muss der Inverkehrbringer, z.B. bei Mais und Raps, den Beweis erbringen, wie gross die Auskreuzungsgefahr der GVO durch Pollenflug und Bienen ist. Daraus wird geschlossen, wie weit die GVO verbreitet werden und welche Distanzen eingehalten werden müssen. Dabei geht es darum, allfällige Schäden, die Biobauern und alle anderen gentechfrei Produzierenden durch Fremdbestäubung hätten, zu vermeiden. Den Beweis muss nicht der Bund, sondern der Inverkehrbringer erbringen. Klagen müssten die geschädigten Bauern, zum Beispiel gegen ihren Nachbarbauer, der muss gegen seinen Lieferanten klagen. Für eine gute Regelung dieser Abläufe brauchen wir noch fünf Jahre.
«Gentechfreie» Zonen
Ein neues Phänomen, das auf uns zukommt, sind Zonen, in denen keine GVO angebaut werden: «gentechfreie» Zonen. In der kleinräumigen Schweiz wird das heissen, dass sich eine Gemeinde oder ein ganzes Tal für den Anbau ohne GVO entschliessen wird. In Österreich wollte sich ein ganzes Bundesland dafür entscheiden. Dazu kam es dann aber nicht, weil ein einzelner Bauer sich nicht einschränken lassen wollte. «Auch um solche Fragen zu regeln brauchen wir noch Zeit», sagt Hansjörg Walter, «ich bin der Meinung, dass es gentechfreie Zonen geben wird und wir gentechfrei produzieren werden.»
Warenflusstrennung zu teuer
Die Warenflusstrennung, wie sie vom geltenden Gentechnikgesetz zum Schutz der Konsumenten vorgeschrieben wird, fordert die klare Trennung von gentechnisch veränderten und nicht gentechnisch veränderten Produkten. Dazu gehört auch: Mähdrescher reinigen, separate Silos für Mühlen usw. Diese Trennung ist mit derart hohen Kosten verbunden, dass sie wenig Sinn macht, meint Hansjörg Walter. Das fünfjährige Gentechmoratorium sieht er nicht als Denkpause, diese Zeit wird von der Forschung benötigt, um die Vielzahl offener Fragen abzuklären. Hansjörg Walter verspricht mit Nachdruck: «Wir haben zum Ziel, auch nach diesen fünf Jahren eine freiwillige gentechfreie Produktion zu führen.» Dieses Ziel verfolgen auch Suisse Garantie, Bio-Suisse, Migros, Coop, Agrinatura u.a.
Konsumenten und Forschung
Nationalrätin Edith Graf-Litscher erinnert, dass sich der Nationalrat in diesem Sommer nur sehr knapp, mit 93 gegen 92 Stimmen (mit Stichentscheid des Präsidenten), gegen die Unterstützung der Gentechfrei-Initiative entschieden hat. Bei der Abstimmung 1998 ging es einerseits um das Freisetzungsverbot und um zusätzliche Einschränkungen in der Forschung. Für die Gentechfrei-Initiative, die am 27. November 2005 zur Abstimmung kommt, wurde nun die Einschränkung im Forschungsbereich weggelassen. Bei der Abstimmung geht es nur um den Anbau und das Inverkehrbringen von GVO. Das Hauptargument der Gegner sei aber nach wie vor: Mit dem Moratorium werde der Forschungsplatz Schweiz gefährdet. Jedoch sagen über 80 Prozent der Schweizer Bevölkerung: Nein, ich will keinen Gentechfood auf dem Teller. Edith Graf-Litscher meint, dass es wichtig ist, diese Konsumenten ernst zu nehmen.
Doppeltes Geschäft für Konzerne
Mit dem Patent auf GVO machen Agro- und Chemiekonzerne mehr Geld. Patentierte, gentechnisch veränderte Sorten dürfen nicht ohne Einwilligung des Patent-inhabers weiterverwendet werden, damit steigt die Abhängigkeit der Landwirtschaft gegenüber der Industrie. Edith Graf-Litscher sieht hier einen ganz heik-len Punkt: «Grundnahrungsmittel dürfen nicht von einzelnen Konzernen abhängig sein.» Und die Konzerne machen oft sogar ein doppeltes Geschäft: Sie verkaufen gentechnisch verändertes, herbizid-resistentes Saatgut mit dem passenden Pflanzenschutzmittel dazu.
Zudem wird das Argument, dass GVO gegen den Welthunger helfen könnten, von Fachleuten widerlegt: Hilfswerke bestätigen, dass man hier klar trennen muss, Hunger hängt nicht damit zusammen.
Ein Ja ist eine Chance für die Forschung
Auch Edith Graf-Litscher sieht die Klärung der Haftungsfrage als wichtigen Punkt: «Wie soll eine Bauernfamilie gegen den US-Konzern Monsanto klagen, stellen Sie sich das vor!», solange das nicht geklärt sei, brauchen wir das Gentechmoratorium, ist die Nationalrätin überzeugt.
Obschon seit dreissig Jahren Forschung betrieben wird, gibt es noch keine Langzeitstudien darüber, wie gesundheitsschädigend GVO sein können. Auch bei einem Ja zur Gentechfrei-Initiative ist es darum wichtig, dass jetzt die Forschung nicht eingeschränkt wird. Gerade die Risiko- und Folgenforschung muss in der Schweiz intensiviert werden. Edith Graf-Litscher ist überzeugt: «Ein Ja ist keine Gefährdung, sondern eine Chance für den Forschungsplatz Schweiz.» kb
