Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
12. Januar 2018


Zukunft Mostobst

Ausgabe Nummer 12 (2016)

Veranstaltung von Hochstammobstbau Schweiz

An ihrer schon traditionellen Veranstaltung im Freihof in Gossau dachten die Mostobstbauern von Hochstammobstbaum Schweiz über die Zukunft der Mostäpfel und -birnen nach.

«Unsere Konkurrenz sind die vielen Süssgetränkehersteller », nannte Guido Schildknecht, Präsident vom Hochstammobstbau Schweiz, das Kind beim Namen. Je mehr Süssgetränke die Konsumenten trinken, desto weniger sind sie an Süssmost interessiert.

Es wird zentralisiert
Christian Consoni ist Geschäftsführer der Ramseier Suisse AG, die grösste Mostobstverarbeiterin in der Schweiz. Er zeigte auf, dass die Mostobstsparte in den vergangenen 10 Jahren grosse Veränderungen durchgemacht hat. Immer mehr werde die Verarbeitung zentralisiert, auch wenn dadurch grössere Anfahrtswege entständen. Von den vier Standorten in Sursee, Elm, Hochdorf und Kiesen schliesse Ramseier die letztgenannte. Nicht um weniger Most zu produzieren, sondern um effizienter zu werden. «Wir glauben an die Zukunft des Apfelsaftes», betonte Consoni. Neben der Marke Ramseier gehören auch die Marken Sinalco und Elmer Citro zur Ramseier Suisse AG, also auch Getränke, die den Most konkurrieren.
Consoni sieht vor allem Rivella und Coca-Cola als Konkurrenten. Sie seien es, die das Volumen wegnehmen, sagte er. Im Vergleich zur Mostproduktion im Jahre 1980 ist die Produktion heute 6 % kleiner geworden. «Wir können nur schwer wachsen», fasste der Süssmosthersteller zusammen. Mit dem Schorle liessen sich zwar wieder vermehrt Apfel- und Birnensaft verkaufen, aber der zusätzliche Absatz hält sich in Grenzen, da ein Schorle nur zu 60 % aus Obstsaft besteht. Nicht nur der Konsum von Süssmost, sondern auch von Apfelwein oder saurem Most habe abgenommen. Die jungen Menschen greifen lieber zu anderen Getränken. Erschwerend für inländische Produktion und Vermarktung sind die billigen Preise ausländischer Konzentrate. Zwar gibt es einen Zollschutz, aber der Druck von aussen ist enorm, sagte der Süssmostvermarkter.

Labels sollen helfen
Da nicht der gesamte Mostausstoss im Inland abgesetzt werden kann, gibt es einen Rückbehalt, der bei Äpfeln letztes Jahr bei 1.– CHF, bei Birnen sogar bei 4.50 CHF/100 kg lag. Einen neuen Absatzmarkt sieht Consoni in Spezialitäten und Labels. So gibt es bei Ramseier ein extra Label für Hochstammmost. Bald soll es auch ein «Hochstämmer Schorle» geben. Alle Ramseier Mostspezialitäten enthalten mindestens 10 % Birnensaft, die Ramseier Hochstämmer sogar 25 %. Das sei ein besonders «mundiges» Getränk. Reiner Birnensaft lasse sich leider kaum verkaufen. Nicht alle Mostäpfel und -birnen stammen von Hochstammbäumen. Ein Teil stamme von Säulenbäumen. Man dürfe die beiden Anbauarten nicht gegeneinander ausspielen, es brauche beide. Die Säulenäpfel bringen die Säure in den Most. Consoni empfiehlt den Mostobstproduzenten, Abnahmeverträge zu schliessen. Risiken sieht er im Freihandelsabkommen und in sinkenden Markpreisen. Schlussendlich ist es der Konsument, der entscheidet, welches Produkt er trinken möchte.

Spagat zwischen Natur und Effizienz
Die Obstwiese als Lebensraum war das Thema des Referates von Roger Hodel. Er ist Landschaftsarchitekt und hat für «Pro Natura Luzern» zusammen mit Landwirten ein Hochstammprojekt durchgeführt. Hochstammanlagen benötigen Zeit zur Entwicklung, betonte der Freund von Hochstammbäumen. Beim modernen Menschen müsse alles schnell gehen. Hodel nannte dies einen Spagat zwischen Natur und Effizienz. Es wird für den modernen Menschen immer schwieriger, etwas zu belassen. Gerade das «so sein lassen, wie es ist», brauche es aber in einem naturnahen Obstgarten. Früher hat man zum Beispiel totes Holz auf einer Obstwiese belassen, weil es dazu gehörte. Heute tut man es oft nur noch, weil man dafür Direktzahlungen für ökologische Leistungen erhält. «Den Mut haben, etwas stehen zu lassen, was schon tot ist», rät Hodel.
Hochstammbäume bieten mehr als nur Obst. Sie bieten Lebensraum für Vögel, Fledermäuse, Insekten, Amphibien und sogar Säugetiere wie den Siebenschläfer. Man sieht es nicht auf den ersten Blick, was sich alles im Obstgarten einquartiert hat. Naturnaher Obstgarten heisst offensichtlich nicht, einfach alles der Natur zu belassen. Der Obstgarten benötigt Pflege. «Wenn die Leute wüssten, wie viel Arbeit in der Pflege steckt, würden sie die Hochstämmer mehr wertschätzen», sagte der Naturfreund. Als Beispiel nannte er die jährliche Reinigung der Vogelhäuser. Würde man sie nicht reinigen, wären sie voller Flöhe und es könnte sich kaum eine Brut entwickeln.

Es gibt kein Patentrezept
In der folgenden Diskussion brachten die Hochstammbauern Ideen vor, wie man vor allem die Mostbirnen wieder attraktiver machen könnte. Das ist im grossen Stil fast unmöglich, wie Ernst Möhl von der Mosterei Möhl AG in Arbon erklärte. Ein Patentrezept gibt es nicht. Selbst der Wunsch, Birnel in hungergeplagte Gebiete zu senden, lasse sich wegen gesetzlicher Grundlagen nicht verwirklichen, hat sich Schildknecht vom DEZA, dem Departement für Entwicklungszusammenarbeit, sagen lassen. Doch ist es ihm am Schluss der Versammlung mit einer amerikanischen Versteigerung gelungen, über 200.– CHF für eine äthiopische Mutter mit acht Kindern zu sammeln.


M. Götz Agrarjournalist GmbH,
Eggersriet SG













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