Ausgabe Nummer 50 (2004)
Zukünftiger Anbau von Obst und Gemüse im Thurgau eine Analyse
| Teil 1: Entwicklungspotenziale im Obst- und Gemüsebau | |||
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Zukünftiger Anbau von Obst und Gemüse im Thurgau eine Analyse
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| Die Bodenseeregion, und darin eingeschlossen der Thurgau, ist sowohl Naherholungsgebiet der Bevölkerung als auch bedeutendes Produktionsgebiet für eine vielfältige Landwirtschaft. Doch mit dem Bevölkerungswachstum und der damit verbundenen zunehmenden Beanspruchung von Siedlungs- und Erholungsraum, steigt der Druck auf die landwirtschaftlich genutzten Flächen. Auf der anderen Seite verstärkt sich der wirtschaftliche Druck auf die Betriebe infolge der fortschreitenden Liberalisierung und Globalisierung der Gesamtwirtschaft und des Agrarsektors im Speziellen. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage nach den zukünftigen Entwicklungen und Potenzialen, welche sich der Produktion von Obst- und Gemüse im Thurgau in den kommenden Jahren bieten. Diesen Fragen wurde im Rahmen einer Diplomarbeit an der ETH nachgegangen. In einer losen Folge werden daraus im «Thurgauer Bauer» Ergebnisse präsentiert. Der erste Teil beschäftigt sich mit dem Obstbau. Sektorale Bedeutung des Obstbaus Der Obstbau hat im Thurgau Tradition. Gerade in Gemeinden entlang des Bodensees, aber auch in weiten Teilen des Oberthurgaus, ist der spezialisierte Tafelobstanbau sowohl wichtiger Bestandteil der Landschaft als auch bedeutende Einkommensquelle für viele Betriebe. Für die Thurgauer Landwirtschaft stellt der Obstbau, direkt hinter der Milchwirtschaft, den zweitwichtigsten Erwerbszweig dar. Aktuell sind 621 Betriebe im Erwerbsobstbau tätig und bewirtschaften insgesamt eine Fläche von rund 1330 ha. Doch sowohl die Betriebszahl als auch der Flächenbestand waren in den letzten Jahren rückläufig. Die Gründe der Abnahme sind vielfältig, doch dürften unter anderem die unbefriedigende Marktsituation, eine ungelöste Hochnachfolge oder der Feuerbrand dafür verantwortlich sein. Die Redimensionierung der Anbaufläche im Thurgau beträgt seit 1999 rund 116 ha. Durchschnittlich stiegen in den letzten vier Jahren 28 Betriebe jährlich aus dem Obstbau aus. Damit ist der jährliche Rückgang der Obstbetriebe im Thurgau mit 3,9 Prozent ungleich höher als der schweizerische Mittelwert von 3,3 Prozent. Problemfelder und zukünftige Herausforderungen Immer dort, wo gesättigte Märkte vorliegen, entwickelt sich ein harter Preiskampf. Für den Bereich Obst gilt dies nicht nur für den Gesamtmarkt, sondern eben auch für die einzelnen Teil- beziehungseise Sortenmärkte. Diese Situation führt über einen erbitterten Kampf um Marktanteile zu Preisdruck und Marktintransparenzen. Ebenfalls ist eine weitere Wettbewerbsverschärfung mit der Umsetzung der bilateralen Abkommen sowie möglicher Zugeständnisse im Rahmen von GATT/WTO zu erwarten. Doch dürfte sich infolge einer Grenzöffnung auch der Zugang zu Produktionsfaktoren vor allem Arbeitskräfte und Technologie verbessern und zur Reduktion der Produktionskosten beitragen. Anhand komplexer ökonomischer Modelle lassen sich solche Zukunftsszenarien berechnen und damit ihre Konsequenzen auf Anbau und Produktion schätzen. Wird zum Beispiel angenommen, dass sich die Produzentenpreise weiter dem europäischen Niveau annähern, ohne dass sich die Kosten reduzieren, so hat dies Folgen für die Flächenentwicklung. Durch den Preisrückgang nimmt auch die Anbaufläche ab, bis die Produktion ab einem bestimmten Preisniveau völlig aufgegeben wird. Die Modellergebnisse in Abbildung 1 zeigen, dass Preisänderungen für den Anbau nach ÖLN-Bestimmungen im Bereich zwischen 75 und 105 Prozent kaum Veränderungen bei der Anbaufläche zur Folge haben. Ähnliches gilt auch für den biologischen Anbau, allerdings in einem engeren Bereich. Wird hingegen der Produzentenpreis auf unter 70 Prozent des Ausgangswertes gesenkt, führt dies zu einer kompletten Aufgabe der Produktion. Steigen jedoch die Preise, nimmt die Anbaufläche überproportional zu. Diese Entwicklungen erklären sich damit, dass der Anbau von Spezialkulturen, und dies insbesondere in der biologischen Produktionsform, durch relativ viele teure Kostenpositionen (v. a. Arbeit) gekennzeichnet ist. Damit gerät der (biologische) Obstbau bei Preissenkungen stärker unter Druck als dies bei anderen Betriebs- und Produktionsformen der Fall ist. Einige mögliche Folgerungen Die sich verändernden wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen führen dazu, dass sich die landwirtschaftlichen Betriebsstrukturen laufend ihrem Umfeld anpassen (müssen). Damit befinden sich die landwirtschaftlichen Strukturen im permanenten Wandel. Grundsätzlich ist aber davon auszugehen, dass sich die Thurgauer Obstproduzenten auch in Zukunft unter den sich ändernden Rahmenbedingungen weiterhin im Vollerwerb auf die Produktion von Obst konzentrieren werden. Allerdings ist es wenig wahrscheinlich, dass mittelfristig im grösseren Stil neue Betriebe in den Anbau von Obst einsteigen, vorausgesetzt, die Preise passen sich weiter dem EU-Niveau an. Werden hingegen sämtliche Preise auf dem aktuellen Niveau eingefroren, stellt die Obstproduktion sehr wohl auch für einen potentiellen Neueinsteigerbetrieb, insbesondere im biologischen Anbau, eine zusätzliche Einkommensquelle dar. Wie aber die Modellresultate weiter zeigen, ist der Wechsel in den Nebenerwerb für wenig spezialisierte Betriebe vergleichsweise attraktiver (näher) als für weit gehend spezialisierte Betriebe. Somit zeichnet sich für die zukünftige Ausrichtung der thurgauischen Obstproduktion einerseits eine weitergehende Spezialisierung ab. Andererseits muss aber auch für wenig spezialisierte Betriebe die Fokussierung auf einen einzigen Betriebszweig im Vordergrund stehen, um minimale Grösseneffekte und entsprechende Kosteneinsparungen realisieren zu können. Markus Leumann, Prof. Dr. Peter Rieder, Institut für Agrarwirtschaft, ETH Zürich |
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