Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
7. Dezember 2018


Zwischen verklärter Idylle und fordernder Realität

Ausgabe Nummer 43 (2017)

25. Tag der Bäuerin an der OLMA

Drei Bäuerinnen und eine Redaktorin für Themen aus dem ländlichen Raum diskutierten darüber, inwiefern sich die Rolle der Bäuerin im Spiegel der Zeit veränderte.

Unter der Moderation von Claudio Agustoni, SRFRedaktor, diskutierten die Bäuerinnen Erika Strassmann aus Dreien (SG); Rita Appert aus Arth (SZ); Erika Kempf aus Isenthal (UR) und Esther Thalmann, tätig bei der Redaktion «BauernZeitung» darüber, wie Art und Lage des Betriebes, Lebensphase, Ausbildung und persönliche Vorlieben die Aufgaben einer Bäuerin festlegen.
Erika Strassmann, die seit neun Jahren pensioniert ist, führte mit ihrem Mann einen Betrieb mit Milchwirtschaft und Aufzucht. Vor 52 Jahren heiratete sie Meinrad, einen Bergbauern, und übernahm auf dem Betrieb, nebst ihren Erziehungsaufgaben für sechs Kinder auch zahlreiche weitere Aufgaben, zum Beispiel die Buchhaltung. Erika Strassmann warf die Frage auf, ob die «gute, alte Zeit» wirklich besser war. Sie beschrieb die frühen Jahre als Bäuerin als streng und manchmal auch entbehrungsreich. Als deren Vorteile empfand sie im Vergleich mit heute, dass Vorschriften und Administration damals einfacher und weniger aufwendig waren.
Als ihre Kinder älter wurden und allmählich ins Berufsleben eintraten, ergriff die Bäuerin die Gelegenheit, sich einen alten Berufswunsch zu erfüllen: Während 17 Jahren war sie als Krankenpflegerin im Alters- und Pflegeheim Mosnang tätig. Während dieser Zeit arbeitete sie in verschiedenen Organisation und Gremien, unter anderem auch im damaligen Schweizerischen Verband der Katholischen Bäuerinnen. Heute leben sie und ihr Mann im «Stöckli» auf dem Bauernhof, der von ihrem Sohn Peter und seiner Familie weitergeführt wird.

Stolz auf den Berufsstand
Rita Appert berichtete von ihrem Bäuerinnenalltag, der geprägt ist von der Balance zwischen der Mitarbeit auf dem Hof und einer ausserbetrieblichen Tätigkeit. Sie bewirtschaftet mit ihrem Mann Bruno und ihren vier Kindern zwischen fünf und 12 Jahren einen Hof, auf dem Milchwirtschaft und Braunviehzucht eine zentrale Bedeutung hat. Rita Appert ist verantwortlich für Haus und Garten, das Hoflädeli, die Buchhaltung, alles Organisatorische rund um die Kinder und – mit schalkhaftem Unterton angemerkt – dafür, dass das Familienauto immer betriebsbereit ist. Montags und donnerstags ist sie jeweils den ganzen Tag ausser Haus als Lehrperson tätig und erteilt Handarbeitsunterricht. Insbesondere die Wochen vor den Schulsommerferien erlebt sie als eine besonders anspruchsvolle und anstrengende Zeit, gilt es doch, die Arbeiten auf dem Hof mit der ausserbetrieblichen Tätigkeit zu koordinieren: «Ich bin nicht mit mehr oder weniger Herz bei der Landwirtschaft wie bei meinem Beruf als Lehrerin, beides hat einen hohen Stellenwert für mich.»
Vor 21⁄2 Jahren konnte sie nach Auflösung des Pachtbetriebes in Greppen den Betrieb ihres Vaters übernehmen. Da Ökonomiegebäude und Stall nicht mehr in zeitgemässem Zustand waren, stellte sich für Rita und Bruno Appert die Frage: Aus der Landwirtschaft aussteigen oder den Betrieb übernehmen und investieren? Zum damaligen Zeitpunkt hätten sie beide Gelegenheit gehabt, ihr Einkommen auch ausserhalb der Landwirtschaft zu erwerben. Aus Freude und Leidenschaft haben sie sich dann für den Bauernstand entschieden. Inzwischen würden sie sich ihrem Ziel, die Baustelle auf dem Hof abzuschliessen, nähern.

Bäuerin: Beruf und Berufung
Rita Appert schätzt am Beruf der Bäuerin die Vielfalt, kein Tag verläuft wie der andere. Bäuerin zu sein beinhalte zahlreiche weitere Berufe wie zum Beispiel Tierpflegerin, Büroangestellte, Krankenschwester – und ohnehin sei eine Bäuerin der Dreh- und Angelpunkt auf einem Hof. Es sei manchmal schwierig, bewusst Zeit für sich zu haben, oder für die Partnerschaft und die Familie. Sie zog das Fazit, dass es zwischen ihrer ausserbetrieblichen Tätigkeit und der Landwirtschaft Parallelen gibt: Auch für die Handarbeit – wie für die Landwirtschaft – sei es immer wieder nötig, zu kämpfen. Als grösste Herausforderung gilt, alles unter einen Hut zu bringen sowie das Zusammenleben mit der älteren Generation. Ihr persönlicher Wunsch ist es, die Freude am «Buurä» auch an ihre Kinder weiterzugeben.
Die Bäuerin Erika Kempf bewirtschaftet seit 26 Jahren mit ihrem Mann Josef einen Bergbauernbetrieb, der sich 1400 m über Meer in der Bergzone 4 befindet. Sie schilderte die besonderen Herausforderungen, die sich aufgrund der Lage des Hofes, den die Familie betreibt und der nur mit der Seilbahn erreichbar ist, ergeben. So müssen sie zum Beispiel Mastkälber in die Seilbahn verladen, was starke Präsenz und genug helfende Hände erfordert. Die Mutter von drei erwachsenen Kindern betonte, es brauche Berufung, um sich dem Alltag auf einem Bergbauernbetrieb zu stellen. Als ersten Beruf erlernte sie kaufmännische Angestellte und ist froh, dass sie heute eine Teilzeitbeschäftigung in diesem Bereich hat und viele Arbeiten von zuhause aus erledigen kann. Nachdem bei der letzten Revision das Berggebiet von der Agrarpolitik profitierte, erwarte die Familie gespannt die nächste Revision der AP. Es hänge stark davon ab, wie deren künftige Rahmenbedingungen ausgestaltet sind, ob einer der Söhne den Betrieb weiterführen wird.

Klischeehaften Vorstellungen entgegentreten
Erika Kempf appellierte, nicht immer zu denken, andere hätten es besser. Es erfülle sie mit grosser Zufriedenheit, heute mehr Zeit zu haben und sich auch einmal einige Ferientage mit dem Mann zu gönnen. Ihre bevorzugten Feriendestinationen sind – die Berge!
Esther Thalman arbeitet seit April 2017 als Redaktorin bei der «BauernZeitung». Sie wuchs in bäuerlichem Umfeld auf und erlernte auf dem zweiten Bildungsweg Landwirtin. Wohl hätte sie gerne den Betrieb des Vaters übernommen, aus verschiedensten, persönlichen Gründen sei dies nicht möglich gewesen. Nun verfolge sie mit einer Aussensicht die Entwicklungen in der Landwirtschaft. Ihr Lieblingsthema sei: Frauen und Männer auf dem Hof. Esther Thalmann sagte, es sei sicher provokativ, wenn sie sage, es bräuchte ihrer Meinung nach keine separierenden Verbände, sondern nur einen Verband, in welchem Männer und Frauen vertreten sind. Sie trete generell für mehr Zusammenfügen ein. Eine bestausgebildete neue Bäuerinnengeneration beweise, dass es die Bäuerin nicht gibt.
In der Schlussdiskussion zogen die Forumsteilnehmerinnen das Fazit, dass es in der Bevölkerung viele klischierte Vorstellungen über den Beruf Bäuerin gibt, diese sind geprägt von romantischer Idylle. Die aktiven Bäuerinnen sagten, dass sie die Arbeit im Freien in der Natur schätzen, dabei könnten sie – symbolisch gesehen – gut den Kopf «durchlüften». Diese besonderen Momente des Innehaltens seien in der Tat ein Privileg des Berufs der Bäuerin. Als fordernde Realität bezeichneten sie jedoch die unsicheren Perspektiven und Rahmenbedingungen. Also «Jammern auf hohem Niveau?», wie es den Bauern oft unterstellt wird, fragte der Moderator. «Mitnichten », entgegnete Erika Strassmann, «ein gutes Beispiel sind unsere sechs Kinder. Sie absolvierten alle eine landwirtschaftliche Ausbildung, irgend etwas muss mein Mann also richtig gemacht haben».


Isabelle Schwander







« zurück zur Übersicht