Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
13. Juli 2018


Zwölf Jahre Aufbauarbeite in einer Nacht zerstört

Ausgabe Nummer 18 (2017)

Der starke Schneefall in der Nacht vom 28. auf den 29. April zerstörte eine 4,5 ha grosse Anlage mit etwa 4000 Tafelkirschen-Bäumen auf dem Betrieb von Werner Gsell im thurgauischen Winden, Egnach. Helfer vom Zivilschutz beteiligen sich bei den Aufräumarbeiten.

Der Wetterbericht hatte tiefe Temperaturen und starke Niederschläge angesagt für die Nacht vom 28. auf den 29. April. Schon vorher gab es Frostnächte. Werner Gsell hatte seine Tafelkirschenbäume, die bereits in voller Blüte standen, vorsorglich mit Schutzfolie unter den Hagelnetzen versehen. Weil auf Samstag nochmals Frost angesagt war, liess er diese Schutzdecke. Später Schnee fiel schon einmal im Frühling 2013. Damals halfen Kollegen, das Dach vom Neuschnee zu befreien, und es entstand kein Schaden an den Kulturen. Vorsichtigerweise bot darum Werner Gsell in der Freitagnacht 35 Leute auf, um die Folien laufend von der Schneelast zu befreien. «Es sah gar nicht nach so viel Schnee aus, aber da es zwischendurch regnete war dieser sehr nass und schwer. Als es gegen 6.30 Uhr verdächtig knarrte in den Stützen gab ich den Befehl, sofort alle raus aus den Anlagen», erinnert sich Werner Gsell an die Nacht, die er wohl nie vergessen wird. Zwischen acht und neun Uhr krachten die Betonstützpfeiler der Wetterschutzanlagen zusammen. Die ganze Konstruktion und der Schnee begruben die Bäume unter sich, teils geknickt oder entwurzelt.

Schaden noch nicht absehbar
Der Schaden von der Stützkonstruktion beläuft sich auf etwa 300 000 Franken. Dieser ist versichert, aber nicht zum Neuwert. Die Bäume und der Ernteausfall sind nicht versichert.
Das Bild, das sich am Freitag bot, liess den Druck, welcher der Nasschnee ausübte erahnen – dicke Betonpfeiler waren zersplittert, Drahtseile gerissen. Wasserlachen und Schneereste drückten die von Baumästen durchbohrten Kunststoffteile endgültig ganz zu Boden.

Unbürokratische Soforthilfe
Voller Lob ist Werner Gsell über die Helfer vom Zivilschutz, welche die Fachstelle Obstbau Arenenberg über das Thurgauer Landwirtschaftsamt aufbot. «Sie waren schon am Freitagnachmittag da, schauten sich die Sache an und überlegten, wie man helfen könne, ohne zu fragen warum und wieso.» Seit Dienstagmorgen sind 40 Mann im Einsatz, verteilt auf den Betrieb Gsell und Konrad Huber in Roggwil, wo ebenfalls grosse Schneeschäden in einer Anlage entstanden sind. Sie trennen Netze auf, lösten Tragseile, bauten Beton und Holzpfähle zurück und richteten sich laufend nach den Anweisungen von Werner Gsell und dem Einsatzleier Ursin Camenisch, um noch etwas von den Bäumen zu retten. Im Moment sei besonders wichtig, dass die Bäume vom Plastik befreit werden, damit sie darunter nicht zu warm bekommen.

Saisoniers abgesagt
Auf dem Betrieb von Werner Gsell in Balgen, Winden bei Egnach, ist der Tafelkirschenanbau ein wichtiger Betriebszweig nebst Pouletmast und Hochstamm- Mostobst. Die ersten Niederstamm-Kirschbäume setzten Gsells versuchsweise 2005. Im Feuerbrandjahr 2007 mussten zwei Hektaren Tafelobst und über hundert Hochstammbäume gerodet werden. Da die Erfahrungen mit den ersten Kirschbäumen gut waren, wurden als Ersatz weitere gepflanzt, die in den letzten Jahren guten Ertrag brachten. Für dieses Jahr haben sich schon 10 bis 15 Polen und Slowaken gemeldet als Erntehelfer. Die Helfer heuern jeweils selber in ihren Heimatländern Bekannte als Saisoniers für die sechs Wochen dauernde Kirschenernte an. Jetzt musste Werner Gsell allen absagen. Es ist noch ungewiss, ob überhaupt und wann, wie viele Kirschen geerntet werden können.

Das Leben geht weiter
«Am Freitagnachmittag dachte ich nie mehr Kirschen. Inzwischen habe ich mit meiner Frau zusammen beschlossen, den Kirschenanbau weiter zu wagen. Da stecken unser Herzblut und unsere Erfahrungen drin. Wir wollen jetzt nicht nochmals etwas Neues anfangen.»
Das Leben geht weiter. Werner und Adelheid Gsell sind mit vielen Helfenden mitten in den Vorbereitungen für das Pouletessen auf dem Bauernhof, welches an Pfingsten Tradition hat bei Gsells und weit herum bekannt und beliebt ist. Es jährt sich in diesem Jahr zum 20ten Mal. Die Pouletmast ist nebst Kirschen und Hochstamm Mostobst ein weiterer grosser Betriebszweig bei Gsell.


Trudi Krieg







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